Im Zuschauerraum hatte sich inzwischen — niemand wußte durch wen und woher — herumgesprochen, Herr Siegmaringen sei plötzlich irrsinnig geworden, Frau Direktor habe es gesagt. Und mit einem Male hieß es: Er rase draußen auf dem Markte. Jetzt erhoben sich einige Neugierige, niemand wollte recht der erste sein, aber dann traten doch ein paar auf die Tür zu, andere folgten schneller, und mit einem Male drängte alles in dicken Haufen die Treppe hinunter und auf den Markt hinaus. In einiger Entfernung blinkte ein Schutzmannshelm. — Dort, dort ist er um die Ecke gelaufen, der Schutzmann hat vorhin jemand um die Ecke laufen sehen! Ein Haufe stürmte in der angegebenen Richtung davon, andere schrien: das war ja der Herr Direktor selber! Inzwischen waren auch die übrigen Schauspieler aus ihren Hinterbühnenräumlichkeiten ins Freie geeilt, als es sich herumsprach, daß das Publikum hinabdrängte und daß Herr Siegmaringen tatsächlich in irgend einem Wahnsinnszustande dort unten sei, der kleine Markt war jetzt belebt und voller Lärm, und die verschlafenen Häuser blinzelten mit müden Augen, die sich hier und da öffneten, in immer größerer Zahl. — Da kommt er! da kommt er! rief jemand und deutete in eine Seitengasse, wo niemand wen vermutete. Wirklich kam eine dunkle Gestalt dahergelaufen. Ihr auf den Fersen folgte eine andere, große, hagere, weibliche, die sich im Laufen die Haare mit beiden Händen festhielt. — Die Frau Direktor hat ihn! Die Frau Direktor hat ihn! Und nun wälzte sich der Knäuel auf die beiden zu. Energisch drängten jetzt die Schutzleute — es waren inzwischen zwei geworden — durch die Haufen, bis zu dem atemlosen Direktor und seiner Gattin. Er ist nicht da, wir finden ihn nicht! rief der Direktor. — Unser Geld, wir wollen unser Geld! riefen einzelne, die Vorstellung ist unterbrochen worden. Der Direktor verkündigte mit lauter Stimme, die Billetts behielten ihre Gültigkeit für dieselbe Vorstellung, worauf man auf dem Markte applaudierte, als befinde man sich in dem Theater selbst. Dann stürmte man zurück ins Haus, zu den Garderoben. —
Niemand wußte vorerst um die tatsächliche Wirklichkeit, nur das wußte man: in der Kneipe war Herr Siegmaringen nicht, und zu Hause auch nicht, denn seine Fenster waren dunkel. — Nur Foxens Freundin ahnte was geschehen sei: Er hatte ihr heute eine Mark geschenkt! Am nächsten Tage ward ihr diese Ahnung bestätigt: Fox war kontraktbrüchig geworden und hatte die Stadt verlassen. Man hätte ihn vielleicht polizeilich verfolgen, auch den Paragraphen der Konventionalstrafe in Anwendung bringen können, aber, was den Paragraphen betraf: Der stand nur auf dem Papier, niemand von all den armen Teufeln am Theater konnte sechshundert Mark bezahlen, und kein vernünftiger Schmierendirektor konnte sich selbst in Unkosten stürzen, eines solchen Trugbildes willen. Und was die polizeiliche Zurückholung anging: Nachdem der erste Zorn verraucht war, sah der Direktor ein, daß er sich im Grunde freuen müsse, diesen Künstler los zu sein, und in diese Ansicht stimmte auch die offizielle Presse ein, die durch das „Tageblatt“ vertreten war, das über den Vorfall am übernächsten Tage einen Leitartikel erscheinen ließ, überschrieben: Nächtlicher Spuk auf unserm Markte, und der mit den Sätzen schloß: Der Direktion können wir zu ihrem Verlust nicht kondolieren, da dieser Verlust in unseren Augen nur einen negativen Gewinn bedeutet. Unser allverehrter Herr Direktor würde sich auch wohl nie entschlossen haben, diesen Künstler zu engagieren, wenn er nicht damals gezwungen gewesen wäre, der Not zu gehorchen und nicht dem eigenen Triebe. Damit rühren wir in manchem unserer Leser eine Erinnerung auf, die wir einem größeren Leserkreis nicht aufzutischen gedenken, da wir, fern von aller kleinstädtischen Klatschsucht, unsern verehrten Abonnenten nur wirklich Gediegenes zu bieten gewohnt sind. Eine Frage aber drängt sich uns unwillkürlich auf, und wir reden hier im Namen von vier Herren unserer hohen Gerichtsbarkeit: Wie und wann begann die Mystifikation? Hatten wir es zu tun mit einem stellensuchenden Schreiber, mit einem Klaviervirtuosen, mit einem Schauspieler, oder nur mit einem — Schwindler?! —
Zehntes Kapitel.
Nachdem Herta sich von Pitt getrennt hatte, folgte eine Zeit der Zerrissenheit für ihn. Er sehnte sich nach ihr zurück, er rief ihren Namen, — und dann wieder war es, als ob er sie eigentlich überhaupt nicht vermißte. Er bildete sich ein, mit Herta alles verloren zu haben, und doch wußte er im Grunde, daß seine Liebe keine Leidenschaft gewesen war. Was er empfinden konnte, hatte er empfunden, und wenn er früher seine Liebesunfähigkeit damit getröstet hatte, daß ihm nur noch nicht der Mensch begegnet sei, durch den sein dürrer Boden befruchtet werde, so wußte er nun, daß er diesen Menschen niemals finden würde, daß seine eigene, innere Kälte ihn im letzten Grunde stets von allen Menschen entfernt hielt und immer einsam stehen lassen würde. Aber wie kam es dann, daß sein Gefühl ihn stets wieder zu den Menschen trieb, daß er seine Einsamkeit als etwas so Entsetzliches empfand? Sollte er abermals den Versuch machen, den Nebel zu durchbrechen, der um sein Wesen lag, so fest und ewig wie um Weltenkörper? Er schloß sich ganz in sich ab und dachte: Besser eine allgemeine graue Öde als eine Öde in die ab und zu Licht hineinscheint, das dann wieder verschwindet. —
Er wandte sich ganz der Arbeit zu. Aber diese Arbeit schien ihm leer und lästig, da er überhaupt nicht das mindeste Interesse hatte für die Schicksale fremder Menschen, für ihre Klagen und ihren Schrei nach dem Recht. Das alles kam ihm komisch und nichtig vor. Soll dieses ewig so weiter gehen? dachte er manchmal, und überlegte, ob er nicht alles aufgeben und davon gehen sollte. Aber was blieb ihm dann? Wovon sollte er leben? Er hielt es noch einige Zeit aus, und gerade, als er wieder einmal auf seinem Sofa saß und darüber nachdachte, daß irgendein Wechsel eintreten müsse, traf ihn die Nachricht von dem Testamente seiner Mutter. Sofort war sein Entschluß gefaßt: Er brach seine beruflichen Beziehungen ab und wollte sich in die Welt begeben. Er erwartete nichts von ihr als Zerstreuung, aber die war ihm auch genug. Er reiste, trieb sich mehrere Jahre in verschiedenen Ländern herum, nahm an flüchtigen Erlebnissen mit was sich ihm bot, und kehrte endlich ebenso beschwert und unbeschwert in seine Stadt zurück, wie er von ihr ausgegangen war. Daß er gerade hierhin zurückging, und nirgend wo anders, war für ihn so selbstverständlich, daß er gar nicht über den Grund nachdachte. Diese Stadt war ihm, trotzdem er nicht viel Glückliches in ihr erlebt hatte, wie seine Heimat, nach der es ihn schließlich, je mehr die Zeit vergangen war, immer dringender zurückgezogen hatte. Am Tage nach seiner Ankunft ging er zum Haus der van Loo, sah es lange an und dachte: Es steht noch immer da. — Von seinem Geld hatte er soviel zurückbehalten, daß er noch bequem einige Monate leben konnte, auch, nachdem jene erste unvorhergesehene und große Summe für seinen Bruder Fox davon abgezogen war; was werden sollte, wenn dieses Geld aufgezehrt war, wußte er nicht, aber als letzte Lösung begann seit einiger Zeit der Gedanke im Hintergrund zu stehen: Das Leben ist mir so wenig wert, daß es nicht allzuschwer sein wird es zu verlassen. Dieses war ein letzter Ausweg, und er beruhigte ihn halb, obgleich er ahnte, daß er ihn doch niemals gehen werde, da ihm zu jeder Gewaltsamkeit die Energie fehlte.
Er tat nun gar nichts, las viel in philosophischen Werken, auf dem Sofa, ganz so wie in früheren Zeiten, und suchte Zerstreuung in literarischen und dramatischen Vereinen. —
Großer Gott, dachte er eines Tages, indem er von seinem Fenster aus einer Dame nachsah, die ihn gerade verlassen hatte, sollte die sich etwa den Gestalten der Vergangenheit anreihen wollen? Bisher habe ich doch wenigstens keinen schlechten Geschmack gehabt! —
Diese junge Dame war Fräulein Heine, Tochter eines sehr reichen Bankiers, die er auf einem jener Vereine kennen gelernt hatte. Sie war nicht eben groß, hatte schwarzes Haar und trug fast stets ein rotes Kleid aus sehr feinem, teurem Stoff. In den Kaufmanns- und Bankierskreisen, die mit dem Hause ihres Vaters in freundschaftlicher Beziehung standen, galt sie für exklusiv und hochmütig; auch sei sie schöngeistig veranlagt und werde ihrem Hause gewiß einmal die Schande antun, irgend einen hergelaufenen Literaten zu heiraten. —
Fräulein Heine nun warf ihr Auge auf Pitt Sintrup, der einen so ganz besonderen germanischen Typus hatte, und eine so wundervolle feine Ironie, die beinah wieder wie Ernst klang, so fein war sie! Sie merkte, daß an diesem Menschen irgend etwas war, das sie noch bei keinem andern Manne kennen gelernt hatte, und beschloß ihn zu studieren.
Sie war äußerst belesen und wußte ihn in Gespräche über die verschiedensten literarischen Probleme zu verstricken, und er, halb gutwillig, halb zerstreut, konnte doch nicht anders als ihren Verstand anerkennen, so wie der sich auf Dinge richtete, die nicht sie selbst betrafen. Sie fragte ihn auch sehr viel nach seinem Leben, nicht allgemein, sondern indem sie ihre Sätze so detaillierte und formulierte, daß er einfach mit ja und nein zu antworten brauchte. Dadurch erfuhr sie eine ganze Menge, denn Pitt sah durchaus keinen Grund mit seinen ja und nein zurückzuhalten, manchmal freute er sich sogar gespannt auf irgendeine neue Frage, die er herannahen fühlte, und dachte: Wie wird sie das jetzt wohl hervorbringen?! Sie kam immer öfter zu ihm, und wenn sie ihn anfangs zerstreut und belustigt hatte, wurde sie ihm auf die Dauer nur noch lästig. Sie erzählte ihm auch, daß sie ihn liebe; sie habe nichts zu verbergen, so sagte sie, was für ihr eigenes Ich von so großer Wichtigkeit wäre, und was — allgemein gesprochen — im Leben eines jeden Individuums einen so großen Faktor bedeute. Hierzu lachte er nur, und meinte, daß er sie nicht wieder liebe, worauf sie entgegnete, das sei auch nicht verwunderlich, bei dem einen käme die Liebe rascher — das seien die eigentlich Dionysischen, bei den andern langsamer; für diese letzten hatte sie keine nähere Bezeichnung. — Er begann grob gegen sie zu werden; das machte ihr gar nichts: Ich liebe diese Grobheit, sagte sie, es tut einem wohl, einmal wieder eine natürliche Sprache zu hören, wenn man täglich die größten Schmeicheleien gesagt bekommt, das stumpft allmählich ab. — Wie viele Jahre bekommen Sie die schon zu hören? fragte Pitt. — Wenn ihr seine Grobheit zu arg wurde, schlug sie ihn burschikos auf die Schulter.