Bald darauf erhob er sich und meinte, er müsse nun nach Hause. Frau van Loo hielt ihm vergeblich die Fingerspitzen zum Handkuß hin, und als Pitt begann, das ganze Zimmer nach seinem Hut, der draußen im Vorplatz hing, abzusuchen, bis es ihm endlich einfiel, und er wieder in Stillstand geriet, sagte sie: Sollten Sie öfter in unser Haus kommen, Herr Sintrup, so will ich Sie etwas erziehen; Sie scheinen die Mühe wert zu sein! —
Es kamen jetzt schöne, stille Wochen für ihn. Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich glücklich. Das was er gesucht hatte, schien er gefunden zu haben: einen Menschen, mit dem ihn eine wachsende Zuneigung verband. Stillschweigend nahm er sich vor, in dieser Stadt so lange zu studieren, wie Elfriede bleiben werde, und wenn sie nach Paris ging, würde er ihr nachfolgen. Er ging jetzt regelmäßiger zur Universität, und mußte lächeln, wenn er daran dachte, wie er sich dort in den ersten Wochen beschäftigt hatte; da hatte er sich auf die hinterste Bank gesetzt, die Rückenansichten aller vor ihm Sitzenden studiert und kurze Bemerkungen darüber in sein Notizbuch eingetragen, und in den Pausen war er herumgegangen und hatte eingehend ihre Gesichter gemustert, immer in der Hoffnung, irgend einen Menschen zu finden, der anders wäre als die andern. Dies war nun vorbei, sie interessierten ihn nicht mehr in Beziehung auf sich selbst, er fühlte sich im Verkehr mit Elfriede ausgefüllt. —
Daneben las er viel. Eines Tages bekam er im Lesesaal der Bibliothek ganz zufällig ein philosophisches Werk in die Hände; lange Zeit las er stehend darin, schob es endlich achtungsvoll auf seinen Platz zurück, merkte sich ihn, kam von diesem Werk auf andere, und so vertiefte er sich allmählich in eine Welt, die ihm der seinigen irgendwie verwandt erschien. So kam es, daß er auch philosophische Vorlesungen hörte und die juristischen allmählich ganz vernachlässigte, ohne jedoch seinen Plan, Jurist zu werden, aufzugeben.
Hedwig fand sich mit seinem Dasein ab, zumal die Spuren von Frau van Loos Erziehung sich angenehm an ihm zeigten: Seine Kleidung wurde gewählter und unter ihrer Anleitung sogar geschmackvoll, und sein Benehmen glättete seine etwas ungehobelte Oberfläche; allerdings gab es darin immer noch einige Aststellen, die niemals ganz mit dem übrigen zusammengehen wollten, aber das lag an Hedwig selbst, die nicht die geeigneten feinen Messer besaß, gerade über diese Stellen hinzugehen.
Das Haus der van Loos wurde ihm zu einer stillen Insel. In seinem eigenen Zimmer fühlte er sich niemals wohl; dort erfaßte ihn stets die alte Unruhe, und wie früher zu Haus von Stube zu Stube, zog er von Wohnung zu Wohnung, ohne je wirklich angeben zu können, welche Schäden und Mängel ihn dazu veranlaßten. — Ihnen fehlt die Häuslichkeit! sagte Frau van Loo; Sie müßten Menschen um sich haben, die wirklich für Sie sorgen, Sie sind zu jung, um wie ein alter Junggeselle zu hausen! — Auch Elfriede empfand das ewig Wechselnde seiner äußeren Existenz. Zuweilen brach in seinem Wesen eine Zerstreutheit, eine völlige Abwesenheit aller Gedanken durch, die sie auf seine immer wechselnde, ungewisse Lebenslage schob. Der Gedanke schoß ihr durch den Kopf, ob er nicht bei ihnen selbst wohnen könne, aber sie sagte sich sogleich, daß weder ihre Mutter noch Hedwig damit einverstanden sein würden. Da leitete sie etwas ganz Besonderes ein.
In seinem bescheidenen Heime saß Herr Könnecke. Die Abendsuppe war gegessen, die Kartoffeln in der Schale — so recht locker, aufgebrochen wie er sie liebte — dufteten vorzüglich, das Bier schien auch noch frischer, schäumender als sonst, und es drängte Herrn Könnecke, zu seiner Cousine, die ihm den Haushalt führte, zu sagen: Selma, meinst du wohl, daß reichere Leute glücklicher sind als wir? Aber er vermochte das nicht; es nagte ihm am Herzen, daß er durch ein gutmütig gegebenes halbes Versprechen im Begriff war, diese Häuslichkeit zu zweit zu stören. Aber es mußte heraus. Er sog nachdenklich an seiner Zigarre, und endlich sagte er: Selma, wie wäre es wohl, wenn wir ein Zimmer vermieteten? — Fehlt dir etwas an Bequemlichkeit? fragte sie dagegen; — meinst du, durch ein bißchen Nebenverdienst könntest du sie bekommen? Genügt dir dein Gehalt nicht? Und das, was ich durch meiner Hände Arbeit verdiene? O Wilhelm, ich will mich ja gerne noch mehr abarbeiten als ich tue — das heißt — was tue ich denn eigentlich? Ich lebe ja wie eine Prinzessin! Wie viele Menschen gibt es, die überhaupt nichts haben! Und ich, ich habe doch dich, du Einziger, Geliebter! — Herr Könnecke errötete: Selma, wenn dich jemand so reden hörte, könnte er wirklich auf unreine Gedanken kommen; ich weiß ja, daß du dir nichts Schlimmes dabei denkst, aber du bist manchmal so übertrieben in deinen Ausdrücken! — Sofort schoß die dunkle, von ihm so gefürchtete Röte auf ihre Stirn: Wenn ich dir nahestände — sagte sie leidenschaftlich, und ihre Augen wurden feucht — dann könntest du nicht so reden; jedes warme Wort von mir würde dir wohltun. Auf Liebe habe ich ja verzichtet — du weißt, daß ich verlobt war und daß er starb — aber wenn einen nun noch unsere nächsten Angehörigen verwunden, kaltherzig sind, wenn man um ein ganz klein wenig Wärme bittet — sie preßte ihre Lippen zusammen und aus ihren Augen liefen Tränen. Er erhob sich und wollte den Arm um ihre Schulter legen, sie wehrte ab: Mitleid will ich nicht! Wenn die Liebe nicht von Herzen kommt, wenn man einander nicht begegnet in demselben Gefühl — Sie riß an ihrem Taschentuch und murmelte heftig: Lieber in die Grube fahren, Sargdeckel zu, Erde drauf, fest gestampft, gut daß sie tot ist, fertig!! — Es war nicht das erstemal, daß Fräulein Nippe so redete. Herr Könnecke geriet dann jedesmal in eine hilflose Verlegenheit, da er auch nicht das geringste darauf zu sagen wußte. Es kam bei ihr plötzlich und fast immer dann, wenn er am wenigsten darauf gefaßt war. — Jetzt hustete er leise, tief und unglücklich. — Wenn ich nur wüßte, sagte sie nach einer Weile ruhiger, was ich noch für dich tun kann, um dich glücklich zu machen! Ich würde ja, um andere zu beglücken, mir das Hemd vom Leibe reißen; — direkt vom Leibe reißen, wiederholte sie, indem sie in eine Ecke starrte und sich selbst in dieser Tätigkeit beschäftigt sah, aber ich frage: Was nützt das alles, wenn man nicht einmal anerkannt wird, wenn man dafür mit Steinen beworfen wird? Und Steine auf den nackten Körper — setzte sie hinzu, schmerzen noch mehr als auf den bekleideten! — Jetzt ergriff Herr Könnecke das Wort: Er gab zu, daß sie vom Leben hart mitgenommen wäre, er wisse, daß sie engelsgut sei, er hege die tiefste Dankbarkeit gegen sie, aber — und er erhob unglücklich seine Stimme: Ich kann dir das doch nicht Tag für Tag mit Worten wiederholen! Ich bin nun mal nicht so! Habe ich je in meinem Leben etwas Böses zu dir gesagt? —
Sie ging auf ihn zu, glitt an ihm nieder und drückte seine Knie, daß er ganz verlegen erst das eine, dann das andere Bein in die Höhe zog. Auf einmal sprang sie auf, setzte sich auf einen Stuhl am Tisch, faltete die Hände und sah ihn strahlend an: Nun sage mir, du Wonniger, wie meinst du das mit der Stube? — Er wollte zunächst das „du Wonniger“ beanstanden, unterließ es aber, erzählte dann sein Zusammentreffen mit Elfriede van Loo, und fügte hinzu, daß der Herr Sintrup morgen kommen wolle, um sich alles anzusehen. — Und mit dieser einfachen Geschichte hast du solange gezögert? Komischer Mann! Schweifst ab anstatt bei der Sache zu bleiben, redest von hundert andern Dingen und quälst mich, und dabei ist doch alles so klar, — ich wüßte gar nichts was klarer sein könnte! Aber die gute Stube bleibt wie sie ist; er bekommt mein Zimmer, und ich ziehe in die Kammer. Mir schadet das gar nicht. Junge Leute müssen Bequemlichkeit haben; ach wie ich sie liebe, diese goldene Jugend! — Sie lief auf den Vorplatz und kam gleich darauf zurück, den Kopf mit einem billigen rosa Theaterschal umhüllt: Sitzt er recht? fragte sie und lächelte. — Sie wollte noch heute abend schnell zu einer Tante rennen, in deren Besitz einige ihrer Möbel waren; er versuchte ihr das auszureden, aber sie sah ihn grimmig von der Seite an. — So blieb er allein zurück, setzte sich in den Lehnstuhl, rückte ihn so, daß er nicht wackelte, seufzte tief und sagte: Ach Gott! — Und dann dachte er: Es ist gut, daß sie noch an die frische Luft kommt, die Arme! Immer plagt sie sich für andere Menschen, und sie hat ganz recht: ich zeige es ihr nicht genug, daß ich sie lieb habe. — Er dachte sich aus, wenn sie nach Hause komme, solle der Kaffeetopf dampfend auf dem Feuer stehen. Zu diesem Behuf erhob er sich, schnitzte Holz zum Herdfeuer, und dann klemmte er die Kaffeemühle zwischen die Knie.
Am nächsten Tage begegneten sich die zwei in demselben Ziele: Jeder wollte auf sein eigenes Zimmer verzichten und in die Kammer übersiedeln, jeder wollte dem andern wohltun. Aber Fräulein Nippe siegte: Sie preßte die Zähne aufeinander und riß die Augen weit auf, indem sie ihn zur Schwelle drängte mit all ihren Kräften. Er mußte in sein eigenes Zimmer, sie verriegelte ihn von außen. — Licht! Luft! Und Liebe! hörte er sie jammern, auf Liebe habe ich ja verzichtet, aber Licht und Luft verliere ich nun auch noch! Dieses elende dunkle Loch! — sie stürzte zum Fenster und riß die Flügel auf — und dann jammerte sie weiter, daß gerade sie vom Schicksal ausersehen sei alle Marter der Welt zu tragen.
Als Pitt erschien, war das Zimmer fertig eingerichtet, obgleich sie ja nicht einmal wußte, ob sie es nun auch vermieten würde. Herr Könnecke hatte ihr erzählt, Fräulein van Loo habe zu ihm gesagt, der Herr Sintrup müsse es gemütlich und heimisch haben. So sagte sie denn, um es ihm recht warm ums Herz herum zu machen, sogleich: ihr eigenes Lebensgebäude sei ein luftig durchbrochener Bau, in den überall die Sonne hineinscheine; ihre eigene Wärme strahle über auf ihre Umgebung: Wo ich erscheine, verbreite ich Behaglichkeit und Vergnügen. — Vergnügen schon — sagte Pitt ernsthaft. — Nun sehen Sie! Und die Behaglichkeit wird sich auch noch einstellen! — Pitt machte dieses Fräulein Spaß. Herr Könnecke erschien neben ihr wie die menschgewordene epische Breite, und er dachte: Für ein paar Wochen wenigstens kann ich es immerhin versuchen. Er mietete. — Am Nachmittage zog er ein: Fräulein Nippe hatte in aller Eile einen Kuchen gebacken, und das Willkommschild nagelte sie gerade an die Tür, mit viel zu langen Stiften, die klaffend ins Holz fuhren, als er die Treppe heraufkam. —
Zu Anfang war es ihm, als befinde er sich in einem Lustspiel; nach und nach erfuhr er ihre ganze Lebensgeschichte, an die sie Sentenzen mit verfehlten Bildern knüpfte, und zu solchen Sentenzen reizte er sie immer wieder. Aber allmählich fing sie an sich zu wiederholen, und nun begann sie ihn zu langweilen. Sie ihrerseits begriff nicht, warum seine Tür immer verschlossen war, wenn sie zu ihm herein wollte. Alles war doch so gut gegangen, zu Anfang! Ach! immer drängte ihre stürmische Seele vor, die Frucht zu pflücken, ehe noch die Blume voll entfaltet war; die Menschen waren einmal so sonderbar: langsam wollten sie erwärmt werden, anstatt sich direkt ans Herz schließen zu lassen, wie es doch das Natürlichste war. Sie beschloß still zuzuwarten und es der Zeit zu überlassen, seine rauhe Schale „aufzutauen“. Herr Könnecke hielt sich von Anfang an in angemessener Entfernung, nachdem er zuerst gehofft hatte, abends ab und zu mit ihm und seiner Cousine „schwarzer Peter“ zu spielen; er spielte auch eigentlich gern mit ihr allein schwarzer Peter, aber sie fand es langweilig, da jeder immer wisse, was für Karten der andere habe und gar kein Geheimnis dabei sei. — Pitt hatte in Bälde sich den Tonfall beider angeeignet und erfreute Elfriede zuweilen damit, daß er einen Dialog zwischen ihnen improvisierte, wobei ihm dann blitzartig auch entlegenere Seiten ihrer Charaktere klar wurden, die er vorher noch nicht beachtet hatte. Ich glaube aber, sagte er manchmal, ich ziehe bald wieder aus; es wird mir langweilig, immer dasselbe zu sehen.