So saßen sie sich nun gegenüber wie in alter Zeit, nur daß inzwischen Jahre vergangen waren; davon zeigten ihre beiden Gesichter Spuren. Sie sprachen mit halben Worten, und jeder sah in den Augen des andern, daß alle Worte unwichtig und gleichgültig waren, daß das Wichtige unausgesprochen blieb. Es drängte sie, ihm alles zu erzählen, ihr ganzes Leben, seit sie ihn verließ, aber sie vermochte es nicht. So saßen sie noch eine Zeitlang nebeneinander, und sie hielt seine Hand gefaßt. Endlich erhob er sich.
Kommst du wieder zu mir? fragte Elfriede und bemühte sich ihren Worten einen leichteren Ton zu geben. — Er zögerte. Dann sagte er: Was hat es für einen Sinn, Elfriede? Das Leben hat uns auseinander gebracht; wenn es uns wieder zusammenführt, so bringt es uns nichts Gutes. — Glaube das nicht, sagte sie schnell. Ich bin nicht mehr so wie ich damals war, ich kenne dich besser als du denkst, ich komme mit keinen Forderungen an dich, sei wie du willst zu mir — du kannst mich nicht mehr enttäuschen, das alles ist vorbei. Es soll für dich wieder so werden, wie es früher war, als du zu uns kamst und dich nur freutest, daß du mit mir befreundet warst. Denn ich weiß ja doch: Jene ganz frühe Zeit mit mir war die glücklichste deines Lebens. Und wenn ich dir nur wieder das sein kann, was ich dir damals war, so bin ich glücklich, denn du bist dann glücklicher, als wenn es gar niemand gibt, an den du mit einem Gefühl der Ruhe denken kannst, mit dem Gefühl: Dort ist ein Mensch, zu dem ich gehen darf wann und wie ich will, bei dem ich mich ausruhen kann! Wenn du nur so denkst, Pitt, dann bin ich glücklich — ich sehe es dir ja an, daß du noch immer allein bist!
Er blickte schwankend auf sie. — Für mich ist es jetzt schon schwer von dir fortzugehen, sagte er, aber ich bin kein träumender Junge mehr, ich habe in all den Jahren gelernt meinem Gefühl zu mißtrauen; auf mir liegt kein Segen. — Komm wieder, Pitt! — Er sah ihr grübelnd in die Augen. Sie reichte ihm die Hand, er nahm sie. — Ich komme wieder! sagte er mit einem plötzlichen Entschluß.
Schon auf dem Nachhausewege bereute er seine Worte. Was konnte die Zukunft bringen? Elfriede sollte nicht das Los treffen, das Herta vielleicht erreicht hätte, wenn sie nicht mit gesundem Instinkte alles von sich abschüttelte. Er kannte sich gut genug, zu wissen, daß niemand mit ihm glücklich werden konnte, da er mit niemand glücklich zu sein vermochte. —
Und doch: wenn er jetzt an Elfriede dachte, an die Freiheit, sie zu sehen wie er wollte — sollte er sich diese Möglichkeit des Glückes abschneiden? War es nicht das Bescheidenste, was er sich fortnehmen wollte? Und hatte Elfriede nicht selbst klar den Zukunftsweg bezeichnet?
Er ließ nur wenige Tage vergehen, dann war er wieder bei ihr. Ihr Ton war frei, sicher, und voll verhaltener Wärme.
Einmal gingen sie den alten Weg zusammen, jenen ersten Weg, den sie zusammen gingen, und Elfriede sagte: Weißt du noch, Pitt, wie du dann später vor dem Hause zögertest und nicht wußtest, ob du mitkommen solltest? — Ja, antwortete er, und es war gut, daß ich es dann tat, euer Haus ist meine einzige Heimat. — Sie pflückte eine Blume und steckte sie an seine Brust.
Auch Frau van Loo sah er nun wieder. Sie begrüßte ihn mit etwas reservierter Herzlichkeit und sagte, sie habe früher geglaubt, er sei inzwischen wohl gestorben, bis ihr eines Tags ein Blatt in die Hände gekommen sei, das seinen Namen als Redakteur aufwies. Elfriede wollte dies berichtigen: Das sei nicht Pitt, sondern sein Bruder. — Liebes Kind, sagte Frau van Loo, ich weiß doch, was ich gelesen habe! — Aber ich weiß es doch besser! Sein Bruder hat mir am nächsten Tage einen Brief geschrieben und sich entschuldigt, daß er den meinen geöffnet hätte, denn er wäre der Redakteur Sintrup. Frau van Loo ließ sich nicht aus ihrer Sicherheit bringen: Gut, sagte sie, dann hat sich Herr Sintrup in zwei verschiedene Personen gespalten, das geht mich nichts an; ich weiß aber ganz genau was ich gelesen habe, und er ist nun einmal Redakteur und seine Zeitung war ganz schlecht, nicht wahr, Herr Sintrup? — Er nickte und sagte: Ja, damals war ich Redakteur! — Siehst du wohl, Elfriede, ich habe recht, lies deine Briefe ein andermal genauer. — Pitt setzte hinzu, jetzt sei er aber längst nicht mehr in der Redaktion. — So? Dafür haben Sie auch nie gepaßt! Sie sollten in einer großen Bibliothek sitzen und das Leben nur in Büchern genießen, das wäre für Sie das richtigste. Ein Onkel von mir — jetzt ist er uralt — war gerade so wie Sie, ein Sonderling; der sitzt noch da oben in seiner Bibliothek und genießt das beschaulichste Leben. Ich werde ihm schreiben, daß es sich nicht schickt, jungen Leuten so lange eine Stellung wegzunehmen, und da er wahrscheinlich noch immer meine Locke auf dem Herzen trägt, die er mir abschnitt, als ich meinen ersten Ball mitmachte — ich zeichnete ihn aus, da er noch immer ein schöner Mann war — so wird er vermutlich auf mein Wort noch hören. —
Die Vermischung des echten und des falschen Redakteurs Sintrup blieb übrigens noch eine Zeitlang in Frau van Loos Vorstellung, denn eines Tages, als sie Pitt und Elfriede lange betrachtet hatte, die in das Anschauen eines Buches versenkt waren, fragte sie plötzlich: Wie ist das denn eigentlich, Herr Sintrup, Sie sind doch verlobt? — Ich?! fragte Pitt. — Nun ja, mit Fräulein Heine. Pitt sagte, daß dies abermals sein Bruder sei. — Kennst du sie denn? fragte Elfriede. Frau van Loo schüttelte den Kopf: Ich sah sie nur einmal auf einem Wohltätigkeitsbasar, dessen Protektorat man mir aufgenötigt hatte. Dort verkaufte sie Rosen, weiter weiß ich nichts mehr von ihr. — Sie schwieg, und es war Elfriede, als verschlösse ihre Mutter gleichsam den Schachteldeckel über einem vielleicht insgeheim recht garstigen Figürchen. —
Fox war in reger Betriebsamkeit: Seine Verlobung mit Fräulein Heine hob ihn in seinem ganzen Wesen. Erst jetzt hatte er die wahre Liebe kennen gelernt. Was war gegen sie alles was hinter ihm lag! Und wie anständig, wie hochnobel zeigte sich die Familie! Man sprach von der Begründung eines neuen, rein literarischen Unternehmens, dessen Oberleiter er selber sein werde. Elsa hatte sich dieses ausgedacht. Freilich verlangte man, daß er den Doktortitel erwerbe; das war selbstverständlich, das verlangte er von sich selber. Nach dem Examen durfte er dann Elsa heiraten. Die Voraussicht auf dies Ziel, auf diese Prämie gleichsam, stärkte seine Arbeitskraft, und auch seine Moral: Es wurde nun anständig gelebt, sowohl im Sinne einer äußeren gediegenen Lebensführung als auch eines innerlich unantastbar reinen Wandels. —