Der Nachtisch wurde aufgetragen. — Seid Ihr da unten immer noch nicht fertig? Wer jetzt noch rechnet, kriegt keinen Champagner, das ist mal sicher! — Gleich! antwortete Herr Könnecke, als ob Herr Sintrup sein Direktor wäre. Der Pfropfen sollte mit einem Knall zur Decke springen. — Das ist hier nicht üblich! hauchte der Kellner. — Üblich oder nicht: Knallen soll er! Und Herr Sintrup öffnete persönlich die zweite Flasche. — Ach der liebe Hund! sagte Fräulein Nippe, die verärgert auf ihrem Stuhl saß, er fürchtet sich und ist zu mir gekommen! Sie nahm das Hündlein auf den Schoß, streichelte und küßte es, und da es faul bei ihr verharrte, meinte sie, es habe sich schon ganz an sie gewöhnt: Tiere haben einen viel freieren Instinkt als die Menschen; sie fühlen sofort wer sie lieb hat: sehen Sie nur wie er mich ansieht! Sie drückte es zärtlich an sich. Wie heißt denn dieses Tier? fragte Herr Sintrup, der die Gläser füllte, mit einem etwas boshaft musternden Blick. — Eigentlich heißt es Lili! sagte Elfriede. Fräulein Nippe fand, als sich nun alle zum Anstoßen der Gläser erhoben, einen schicklichen Grund, sich dieses Tieres sogleich wieder zu entledigen. — Ach Gott, schmeckt das mal wundervoll! sagte Herr Könnecke, und als Herr Sintrup die Gläser zum zweiten Male füllte, fragte er selbstvergessen: kann ich auch noch? — Herr Sintrup wandte sich jetzt ausschließlich wieder zu Elfriede; er zwinkerte von ihr zu Pitt und von Pitt zu ihr, und sagte, wie wenn er einen Satz verschluckt hätte: Na, in ein paar Jahren werden wir uns hoffentlich wieder sprechen. Er war nicht mehr nüchtern, seine Anspielungen wurden immer deutlicher, und dann wollte er gern ihr „süßes kleines Händchen“ küssen. — Luft, Luft, rief Fräulein Nippe plötzlich, man erstickt hier ja! eilte zum Fenster, öffnete es und verharrte an der Gardine. Herr Könnecke, der nun nicht mehr beweisen konnte und sich ohne seine Cousine unbehaglich zu fühlen begann, folgte ihr, unter dem Vorwand, das Fenster wieder zu schließen, falls es kalt würde. — Sie starrte verdrossen in die Nacht hinaus; ach geh doch! sagte sie unwirsch, und befangen zog er sich langsam wieder zurück. — Herr Sintrup hatte inzwischen rasch ein paar aufklärende Worte an Elfriede und Pitt gerichtet, und sagte jetzt: Paßt mal auf, wie ich die wieder rumkriege! — Er erhob sich, trat zu ihr hin, reichte ihr ein neues Glas und sagte: Also besinnen Sie sich vielleicht doch noch? — Wieso? fragte sie mißtrauisch. — Nun, ich dachte mir, an der einen Erfahrung als Hausdame hätten Sie genug, und deshalb fragte ich nicht weiter. Aber wenn Sie einmal Lust haben sollten, dann ließe sich ja weiter über die Sache reden. — Zunächst konnte sie vor Überraschung nicht viel erwidern und sagte nur: O bitte. — Erst allmählich ward ihr alles klar: Wie grundfalsch hatte sie diesen Mann beurteilt! Nichts, gar nichts hatte er bemerkt! Sie hatte die Unterhaltung dahin dirigiert, wohin sie sie haben wollte, und er meinte, er habe dies getan! Freilich, daß er sagte, er wolle keine Person, die silberne Löffel stehle, und dabei schon an sie dachte — nein, ganz fein war das nicht; aber er meinte das ja gar nicht so! Reiner Widerspruchsgeist gegen ihre eigene vorher geäußerte Meinung über das Ideal einer Hausdame; Männer widersprechen doch so gern! Und daß er ihr einmal geradezu ins Gesicht lachte — mein Gott, ein bißchen plumpe Kindlichkeit, ja geradezu Verlegenheit war das gewesen! Dieser Mann wollte ganz einfach, ganz natürlich behandelt werden! Sie streckte ihm die Hand entgegen und sagte: Also: Ein Mann — ein Wort! — Was verabredest du denn da mit Herrn Direktor? fragte Herr Könnecke neugierig. — Ich werde bei Herrn Direktor Hausdame! sagte sie mit Genugtuung. — Ihm war, als fiele er irgendwo herunter und er sah sie flehend an. — Sie lächelte gönnerhaft: Einmal muß ja doch geschieden sein, daß es nun so bald geschähe, hätte ich freilich auch nicht gedacht. — Sie trank den Rest aus ihrem Glase. — Na, so bald ist es hoffentlich nun nicht! meinte Herr Sintrup. — Sie wollte gerade antworten: Hoffentlich wohl doch! als ihr die Situation wieder einfiel. — Allerdings! sagte sie zartfühlend; hoffen wir, daß es noch recht — noch ziemlich lange dauert! Sie reichte ihm wieder die Hand, als wenn sie sich soeben verlobt hätten, und Herr Sintrup schnitt ein vergnügtes Gesicht. — Herr Könnecke war noch immer in seiner Erstarrung: der ganze Champagner schmeckte ihm nicht mehr. Jetzt flüsterte Pitt ihm zu, alles sei nur ein Scherz; sein Vater habe es ihm selbst gesagt; er erlaube sich öfter solche Scherze. Da fühlte sich Herr Könnecke wie von einem Eisenpanzer befreit, er empfand plötzlich eine starke Lebensfreude und sagte unvermittelt: Schiller ist doch wirklich der größte Dichter! Ich verstehe zwar nicht viel von Literatur und komme selten ins Theater, aber immer wenn Wilhelm Tell gegeben wird, denke ich: da möchte ich rein! Ich gehe auch manchmal in Wilhelm Tell, und ich kann mir nicht helfen: immer wenn er auf den Apfel zielt, denke ich: Jetzt trifft er’n nicht und schießt den Jungen tot! Maria Stuart habe ich auch mal gesehen, aber das mag ich nicht so gerne; ich denke immer: Wozu reden die soviel, es hilft ja nichts, — sie wird ja doch enthauptet. — Das verstehst du eben nicht! rief Fräulein Nippe, du hast keinen Sinn fürs rein Poetische! Ach, immer wenn die Worte kommen: Eilende Wolken, Segler der Lüfte, — da weine ich jedesmal meine Naht ’runter! Wird in Ihrem Theater viel Schiller gegeben? wandte sie sich an Herrn Sintrup. — Jawohl! Räuber, Don Cesar, Tell — das wird alles bei uns gegeben! — Fräulein Nippe sah schon im Geiste einen Abonnementsitz, und sich darauf, im schwarzen Seidenkleide. — Du darfst uns dann mal besuchen! wandte sie sich an ihren Vetter, und dem gab es wieder einen Stich, obwohl er ja wußte, daß alles nicht wahr sei; aber sie redete auf einmal so zu ihm, als ob sie — als ob er — er wußte selber nicht wie. — Und die Kinder, wenn die in den Ferien heimkommen, die sollen es dann schon gemütlich finden! Sie sah zu Pitt herüber: Nicht wahr, ich sorge doch jetzt schon für Sie wie eine Mutter! Dann wandte sie sich wieder an Herrn Sintrup: Sie sollen sehen, wie auf einmal alles blitzblank und sauber in Ihrem Hause wird! — Das wäre sehr zu wünschen! — Dann wäre es aber doch vielleicht das beste, ich käme bald! — Ja, offen gestanden: lieber heut als morgen. — Aber Sie drolliger Mann, weshalb lassen Sie denn alles so langsam aus sich herausziehen?! — Elfriede erhob sich; sie wollte diese Szene nicht mehr bis zum Ende mit ansehen. — Ich begleite dich! sagte Pitt. Herr Sintrup, der wieder zum Tisch getreten war, hörte, wie sein Sohn — der dieses selbst nicht wußte — in so vertrauter Form zu Elfriede sprach. Sieh mal! dachte er, die beiden sind ja schon viel weiter als ich dachte; na, das hätte er mir auch wohl vorher sagen können, dann hätte ich mir selber nicht so viel Mühe zu geben brauchen. — Er sah nach seiner Uhr und fand die Zeit genügend vorgeschritten, um selber aufzubrechen. — Das ist ja aber jammerschade! rief Fräulein Nippe, jetzt, wo wir erst anfangen, recht gemütlich beieinander zu sein. Bleiben Sie doch noch! fügte sie hinzu, als sei sie die Hausfrau und Gastgeberin. — Ich muß leider gehen! sagte Herr Sintrup, aber es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, wenn Sie mit Ihrem Herrn Onkel oder Vetter den Abend feiern solange Sie wollen. Ich werde dem Kellner die Weisung geben, mir die Rechnung später zuzuschicken; man kennt mich hier genügend, ich zahle alles. Suchen Sie sich nur das Beste raus! Fräulein Nippe nahm diesen Vorschlag begeistert an und pries seine „gentile Großmut“, während Herr Könnecke rot wurde und sich wie ein Bettler behandelt vorkam. Er protestierte auch dankend und zog sich seinen Mantel an; sie war aufgebracht, und als alles nichts half, rief sie: Du hast überhaupt gar nicht mitzureden! Du warst ja von Anfang an gar nicht mit eingeladen! Ich habe dich doch nur mitgenommen! — Und Sie wurden von mir mitgenommen, das kommt doch auf eins heraus! sagte Herr Sintrup ärgerlich und wollte damit Herrn Könnecke über die Situation hinweghelfen. — Nun war Herr Könnecke eisern in seinem Entschluß, und Fräulein Nippe mußte ihm wohl oder übel folgen. Herr Sintrup warf noch große Trinkgelder um sich; dann stand man draußen und nahm Abschied. — Schreiben Sie mir nun recht bald so einen richtigen Schreibebrief! wandte sie sich an Herrn Sintrup; und überhaupt, wann soll ich denn nun kommen? — In dem gutmütigen Herrn Könnecke wachte plötzlich ein Rachegelüste auf, für alles, was seine Cousine ihm heute abend angetan hatte: Mach dich doch nicht lächerlich! sagte er nachdrücklich; merkst du denn nicht, daß Herr Direktor nur einen Scherz mit dir gemacht hat?! — Fräulein Nippe fühlte etwas Eisiges ums Herz herum: Haben Sie sich wirklich einen Scherz mit mir erlaubt? — Ungemein ernst, rief Herr Sintrup, seinen Hut im Abgehen schwenkend, ungemein ernst ist es nicht gewesen. — Sie würgte an ihrer Enttäuschung, und in dem heftigen Bedürfnis, nichts davon zu zeigen, rief sie in erzwungen heiterem Ton Pitt nach: Sie sind mir ja noch Ihre intime Geschichte schuldig, wissen Sie nicht mehr? — Ein andermal, ein andermal! tönte Herr Sintrup zurück: Bis dahin ist sie dann noch intimer geworden! Sie sah ihnen noch einen Moment unbeweglich nach, dann wandte sie sich zu ihrem Vetter: Nun sind wir wieder allein! sagte sie, und während sie sich innig an seinen Arm schmiegte, erfaßte sie eine irritierte Wut gegen ihn, der ihr gleichsam übergeblieben war. Und in ihm schmolz sogleich die Bitterkeit: wenn man der Sache auf den Grund sah — hatte sie denn so unrecht, daß sie mit beiden Händen zugreifen wollte? Was konnte er ihr denn bieten? —

Herr Sintrup verabschiedete sich inzwischen von Pitt und Elfriede. Er dachte an seine Verabredung, war eigentlich nicht mehr recht in Stimmung, wollte sie aber trotzdem innehalten, da die Stimmung sich wohl wieder einstellen würde. — Kann man dich auch so allein gehen lassen? fragte er neckisch und drohte Pitt mit dem Finger. Was siehst du mich denn so komisch an? Da Pitt nicht antwortete, kam eine kleine Pause, Herr Sintrup schaute von einem zum andern, dann, wie nach einem Entschlusse, reichte er Elfriede die Hand, schlug die Hacken wieder zusammen, und verband damit den Anfang und das Ende seiner heute abend durchlaufenen Kreisbahn tadellos und klappend prompt. —

Pitt holte aus tiefster Brust Atem und sagte langsam: Gott sei Dank. Dann holte er noch einmal Atem, und dann zum drittenmal. — Hatte ich Ihnen nicht gesagt, fragte er nach einer Weile traurig, wie alles werden würde? Und ich selbst komme mir Ihnen mit einem Male ganz fernegerückt vor; es kann ja auch kaum anders sein. — Ihr war, als erwache sie aus einem beklemmenden Traume. Sie hörte seine Stimme wieder, all das, was sie heute abend von ihm abgestoßen hatte, erschien ihr jetzt nur noch unendlich traurig, das alte, echte Gefühl strömte voll in sie zurück, ihr war, als habe sie ihn noch viel lieber als früher. Und sie sagte es ihm. Wirklich?? fragte er, und ergriff ihre Hand. Und dann wurde er allmählich sehr vergnügt und pfiff eine Melodie, die er durch sie kannte, während sie wortlos und nachdenklich neben ihm herschritt.

Ich begleite dich! Diese Worte hörte sie noch, als alles still und dunkel um sie war.

Drittes Kapitel.

Das Semester nahte seinem Ende, die Zeit des Abschiedes rückte heran, Elfriede wurde traurig. — Ich komme ja in ein paar Monaten wieder! meinte er. — Aber das ist doch furchtbar lange bis dahin! rief sie und sah ihn fast empört an über seinen Gleichmut.

Seit einiger Zeit nannten sie sich du. Pitt hatte sich nach jenem ersten noch ein zweites Mal versprochen, und Elfriede dachte: Wenn er es ein drittes Mal tut, so sage ich ihm, daß es nun kein Versprechen mehr sein soll. Hedwig fand diese Art des Verkehrs geschmacklos und nannte Elfriede undiszipliniert. —

Du könntest doch für die Ferien mit uns aufs Gut gehen! — Dieser einfache Gedanke fiel ihr plötzlich ein. Er sah sie überrascht und hocherfreut an: Löste sich die Frage so wie Elfriede vorschlug, so brauchte er das ganze Jahr mit der Existenz seiner Familie so gut wie gar nicht zu rechnen, denn nach den Ferien würde er mit den van Loos zurückgehen, und dann war wieder für ein halbes Jahr vorgesorgt. —

Frau van Loo gab Elfriede nicht sofort die schnelle Antwort, die sie erwartete und Pitt gleich zu überbringen dachte, erst am übernächsten Tag rief sie Elfriede zu sich und sagte in beiläufigem und zärtlichem Ton zu ihr: Also sage ihm, daß er mitgehen darf, du dummes Mädchen. —

Hedwig war, wie zu erwarten stand, nicht einverstanden mit diesem Plane: Freundschaften solle man in maßvollen Grenzen halten, nur dann könnten sie von Dauer sein. Du übersiehst — so sagte sie zu ihrer Mutter — was ich schon lange kommen sehe: Die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit, daß sich Elfriede in diesen Menschen verliebt, sonst könntest du gar nicht so unbedachtsam handeln. — Hältst du mich eigentlich für dumm? war alles was Frau van Loo ihr antwortete, in einem freundlichen Tone, der alles weitere abschnitt. Da sprach Hedwig mit Elfriede selber. Aber Elfriede antwortete nur, es sei eine Gemeinheit von Hedwig zu behaupten, daß sie sich verliebe. —