Gunning bat dann um 15,000 Mann, allein auch diese wurden in den ersten Tagen des Oktober, ohne daß er die Kaiserin sehen konnte, von ihr als unverträglich mit der Würde Rußlands und seinem Verhältniß zu den übrigen europäischen Mächten verweigert. Der zweite Kourier kam am 4. Oktober mit dem Vertrags-Entwurf in Moskau an. Gunning las ihn Panin vor und wollte sich mit 10,000 Mann begnügen; allein der Kanzler übergab ihm statt aller Gegenäußerung Katharinens Antwort an den König von England und brach die Unterhaltung ab.

Natürlich waren diese Verhandlungen den fremden Diplomaten und Höfen kein Geheimniß geblieben. Als am 31. Oktober 1775 der französische Gesandte den russischen Premierminister nach der Wahrheit der in dieser Angelegenheit umlaufenden Gerüchte fragte, antwortete dieser, die Annahme des englischen Antrages sei physisch unmöglich, und ebenso unvereinbar sei es mit der Würde Englands, fremde Miethstruppen gegen seine eigenen Unterthanen zu gebrauchen. Die Kaiserin selbst war nach wie vor äußerlich sehr zuvorkommend und verbindlich gegen den englischen Gesandten und gegen den König Georg, welcher ihr die abschlägige Antwort zwar nicht nachtrug, indessen nie vergessen konnte, daß sie seinen eigenhändigen Brief nicht selbst, sondern nur durch einen Privatsekretär hatte beantworten lassen.

Noch während die Unterhandlungen mit Rußland schwebten, hatte die englische Regierung anderweitige Schritte gethan, um sich Hülfstruppen zu sichern; indessen war sie in Holland, wo sie zuerst anfragte, ebenso wenig erfolgreich in ihren Bemühungen als in Rußland.

In den Diensten der Generalstaaten stand schon seit länger als einem Jahrhundert die sogenannte schottische Brigade, deren Ursprung auf die Zeiten der Königin Elisabeth zurückging. Die Niederlande hatten ihr im Jahre 1599 als Sicherheit für ein Darlehen drei wichtige Festungen verpfändet, welche sie mit ihren eigenen Truppen besetzte. Im Jahre 1616 bezahlten die Holländer die Schuld, und sämmtliche englische Truppen wurden aus den besetzten Festungen zurückgezogen, mit Ausnahme einer englischen und schottischen Brigade, welche in den Dienst der Generalstaaten übertraten. Als Jakob II. sie zur Verstärkung seiner Armee verlangte, wurde sie von den Generalstaaten verweigert. Man habe — so lautete die Antwort — die schottische Brigade allerdings geschickt, als es sich darum gehandelt, die Rebellion des Herzogs von Monmouth zu unterdrücken; allein sie solle nie gebraucht werden, um die Freiheiten Englands zu vernichten. Wilhelm III. rief die englische Brigade zurück; so blieb denn nur die schottische Brigade, welcher im Jahre 1749 auch das Recht genommen wurde, in Schottland zu rekrutiren. Obgleich die Mannschaft des aus 2100 Mann bestehenden Regiments fortan von Angehörigen aller Nationen, namentlich Wallonen und Deserteuren gebildet wurde, so waren die Offiziere doch immer noch Schotten oder deren Nachkommen. Diesen Umstand machte der König von England bei seinem Gesuch um Ueberlassung der schottischen Brigade geltend. Die Offiziere schuldeten ihm, so hieß es, in Folge ihrer Geburt schon Treue und Gehorsam, zudem herrschten zwischen beiden Ländern schon lange intime Beziehungen und gemeinschaftliche Interessen, und endlich biete diese Gelegenheit dem Prinzen von Oranien den ganz besonderen Vortheil und die hohe Ehre, die Bande enger Freundschaft, welche durch die Neutralität der vereinigten Provinzen während des letzten französischen Krieges mehr oder weniger geschwächt worden, wieder zu stärken.

Als Georg dieses Verlangen zum ersten Mal stellte, wurde er vom jungen Statthalter kurzer Hand abgewiesen. Als er aber sein Gesuch erneuerte, hatte er hauptsächlich mit dem Widerspruch der Generalstaaten zu thun. Seeland und Utrecht kamen dem Wunsche des Königs zwar nach; aber der bei weitem mächtigste der Generalstaaten, Holland, wandte ein, daß ein Handelsvolk nur im äußersten Nothfall sich in fremden Streit mischen dürfe. Namentlich trat der Baron Johann Derk van der Capellen, Mitglied des Adels von Oberyssel, so entschieden gegen das Ansinnen der englischen Regierung auf, daß er, wenn auch nicht direkt, so doch indirekt dessen Annahme vereitelte. „Es hieße Theil an dem Kampf nehmen — das ungefähr war der Inhalt von Capellen's beredtem Proteste — ja wir würden selbst mit in den Krieg verwickelt werden, wollten wir England Truppen überlassen und die Grundsätze unbedingter Neutralität aufgeben. Wir haben bisher England unser Wohl und Gedeihen geopfert, ohne irgend einen Vortheil dafür erlangt zu haben. Frankreich wird sich voraussichtlich mit in den Kampf mischen — welche wird dann unsere Stellung sein? Bleiben wir neutral, so fällt uns für den Fall eines Krieges zwischen England und Frankreich der Handel des letztern Staates zu, welcher unser natürlicher Bundesgenosse in der Vertheidigung der Handelsfreiheit ist. Zudem hat England uns stets so übermüthig behandelt, als ob wir gar kein selbständiges Volk wären, und, während wir gewissenhaft die mit ihm geschlossenen Verträge befolgten, gegen den Grundsatz der Freiheit der Waare in freien Schiffen gehandelt und willkürlich unsere Schiffe durchsucht und konfiszirt. Statt also die Truppen eines freien Volkes zur Niederwerfung der sogenannten Rebellion zu verlangen, sollte England lieber Janitscharen miethen. Wie gehässig würde eine solche Rolle für uns sein, für uns, ein freies Volk, welches selbst unter dem Joch der Tyrannei geseufzt und sich mit dem Schwerte davon befreit, das ebenfalls den stolzen Namen Rebellen geführt hat, doppelt gehässig den Amerikanern gegenüber, die uns niemals beleidigt haben, die sich der Achtung der ganzen gebildeten Welt würdig zeigen und mit Mäßigung und Würde ihre Rechte vertheidigen. Aus diesen Gründen muß der Wunsch des Königs von England abgeschlagen werden.“

Obgleich die Staaten von Oberyssel beschlossen, die England beleidigende Motivirung des Antrages van der Capellens aus den Protokollen ihrer Sitzung zu streichen, so verfehlte die Beredsamkeit dieses Staatsmanns doch ihre Wirkung nicht. Die Generalstaaten willigten zwar ein, um jeden Schein der Unhöflichkeit gegen den mächtigen Nachbarn zu vermeiden, die schottische Brigade an England zu überlassen, fügten aber die Bedingung hinzu, daß sie nicht außerhalb Europa's verwandt werden dürfe. Diese Bedingung kam beinahe einer abschlägigen Antwort gleich. England faßte sie auch als eine solche auf und ließ, vielleicht auch deshalb, weil sich ihm im langgedehnten Laufe der Verhandlungen andere Bezugsquellen eröffnet hatten, die ganze Angelegenheit fallen.

Weniger Schwierigkeiten verursachte die Verlegung von fünf hannöverschen Bataillonen nach Gibraltar und Port Mahon, weil der König von England hier als Kurfürst von Hannover handelte und höchstens mit dem Widerspruche des eigenen Parlaments zu kämpfen hatte. Uebrigens war die ganze Maßregel schon ausgeführt, als sie den Lords und Gemeinen vorgelegt wurde, wie denn überhaupt in jener Zeit die Regierung die Genehmigung des Parlaments als eine bloße Formsache auffaßte und in allen wichtigen Dingen so handelte, als ob gar kein Parlament existirte.

Oberst William Faucitt, der den siebenjährigen Krieg in Deutschland mitgemacht hatte und Volk und Fürsten dort kannte, wurde bereits zu Anfang August 1775 von Georg III. nach Hannover geschickt, um die Uebernahme der dortigen Bataillone in den englischen Dienst zu besorgen. „Da Wir — so lauteten die vom 11. August 1775 datirten königlichen Instruktionen — unter dem Beirath unseres geheimen Rathes beschlossen und für thunlich erachtet haben, fünf Bataillone unsrer kurfürstlichen Infanterie in englische Dienste zu nehmen und sie in unseren Garnisonen von Gibraltar und Minorka zu verwenden, um desto besser im Stande zu sein, eine gleiche Anzahl englischer Truppen, welche jetzt dort Garnisonsdienste thun, nach England zurückzuverlegen und auf Grund dessen unsere Streitkräfte zu vermehren, welche zur Unterdrückung des unnatürlichen Aufstandes eines Theils unserer nordamerikanischen Kolonien verwandt werden; da ferner besagte Truppen sich in Stade sammeln sollen, um nach den genannten Garnisonsplätzen eingeschifft zu werden, so haben Wir es für rathsam befunden, Sie zu unserm Kommissär zu ernennen, um diese Truppen in Empfang zu nehmen und in den Dienst zu mustern.“

Faucitt reiste also sofort über den Haag, wo er von dem englischen Gesandten Sir Joseph Yorke, einem langjährigen Kenner und Beobachter deutscher und kontinentaler Politik, Rath und Auskunft erhielt, nach Hannover ab und kam dort am 20. August an. Die Truppen waren zwar für den 1. September segelfertig, erhielten aber Gegenbefehl, weil die Lords der Admiralität die erforderlichen Transportschiffe nicht früh genug hatten absenden können. Der hannöversche General Spörken war beauftragt, die fraglichen fünf Bataillone marschfertig zu machen, so daß dem Obersten Faucitt nichts zu thun blieb, als sie vor ihrer Annahme in den englischen Dienst zu mustern und einzuschwören. Indessen wurde auch von der letztern Bedingung abgesehen, weil die Soldaten eine Abneigung gegen die See hätten, also möglichen Falls zu marschiren sich weigern möchten, dann aber, weil die Verführung zur Desertion sehr groß sei, indem die ganze hannöversche Grenze von preußischen und anderer Fürsten Werbern umringt sei, die alle auf die Unzufriedenheit der Soldaten spekulirten und diese für sich zu gewinnen hofften.

Faucitt fand sämmtliche fünf Bataillone, die aus je 473 Mann bestehend, im Ganzen 2365 Mann ausmachten, und von den Regimentern von Reden, von Goldacker, de la Motte, Prinz Ernst und von Hardenberg genommen waren, gut bewaffnet und gekleidet und die Mannschaften mit wenigen Ausnahmen kräftig und diensttüchtig, dabei willig und gehorsam. Trotz aller Verführung desertirte nicht ein einziger Soldat. Es verging übrigens noch der ganze September mit den Vorbereitungen zur Verschiffung, die mit Bewilligung des Hamburger Senates über Ritzebüttel, statt, wie Anfangs beabsichtigt war, über Stade erfolgte. Die beiden für Minorka bestimmten Bataillone, Prinz Ernst und Goldacker, wurden am 2. Oktober, die für Gibraltar bestimmten am 6. Oktober eingeschifft. Der Wind war jedoch während des ganzen Monats so ungünstig, daß die aus siebenzehn Transportschiffen bestehende Flotille erst am 1. November 1775 in See ging.