Bekanntlich zeichneten sich die während des siebenjährigen Krieges bei der Reichsarmee stehenden bayrischen Truppen durch nichts weniger als durch Heldenthaten aus. Von welcher Beschaffenheit sie aber bei Ausbruch des amerikanischen Krieges gewesen sein müssen, geht aus der von Seb. Bruner in seinem Buche: „Der Humor in der Diplomatie“ mitgetheilten Korrespondenz hervor. Es schreibt nämlich der kaiserliche Gesandte Graf Lehrbach am 24. März 1778, also zwei Jahre nach dem Anerbieten des Kurfürsten und einige Monate nach dessen Tode, an den Minister Fürsten Kaunitz-Rittberg: „Der Militärstand ist nach der Cameral-Einrichtung auf 15,000 Mann, dermalen kaum 3000 Mann unter Gewehr, nebst einem Invaliden- und Garnison-Regiment. Zum Unterhalt dieser 15,000 Mann, worunter 39 Generale, sind alle Monat 93,000 fl. Vorschuß bestimmt, wovon der Unterhalt der Festungen, des Generalstabs und Alles, was zum Militärstand gehörig, zu bestreiten wäre, welche auch so verwandt werden, als ob dieser Stand wirklich vollzählig wäre. Welches auch leicht begreiflich, wenn man unter Anderem diesen Unfug beherziget, daß wenn eine Offiziers- oder andere Frau gesegneten Leibes war, hat man es entweder durch bloße Protektion oder mittelst Geldverwendungen, welches in diesem Lande für alle Gattungen von Bedienstungen oder Gnadenerweisungen der schicklichste Erhaltungsweg war, dahin gebracht, daß für noch nicht geborene und zur Welt gebrachte Leibesfrucht eine Offiziersstelle ertheilt worden ist. Wenn dann entweder eine todte Frucht zur Welt gekommen oder gar eine Tochter oder ein Sohn, der aber gleich oder nicht lange nachher gestorben, so hat die Familie oder Eltern der Kinder doch immer die Erträgnisse der gegebenen Offizierspatente fortgenossen. Die für die Beurlaubten ersparten Gelder fließen in die Tasche des Kurfürsten.“ Natürlich gerieth unter solchen Umständen Alles in Unordnung; es herrschte unter den Truppen Unzufriedenheit und Desertion. Kurz vor Ausbruch der französischen Revolution waren bei den Chevauxlegers-Regimentern 150 Pferde und 40 Sättel und für erstere nicht einmal die gehörigen Pferdestriegel vorhanden.

Es war also kein Wunder, wenn die bayrischen Soldaten zu jener Zeit nach den päpstlichen als die schlechtesten in Europa galten, und es war weise von Suffolk, daß er kurzer Hand das kurfürstliche Anerbieten verwarf. Dagegen zog er die ihm im Dezember 1776 gewordenen Offerten Würtemberg's und Brandenburg-Anspach's näher in Betracht und betraute zu Anfang des Jahres 1777 den Obersten Faucitt mit einer Sendung an die Höfe von Stuttgart und Anspach, um womöglich sofort mit ihnen einen Truppenlieferungs-Vertrag abzuschließen.

Da dieses Kapitel nur den verfehlten Versuchen Suffolk's, deutsche Hülfstruppen zu erlangen, gewidmet ist, so mögen hier zuerst die Verhandlungen mit Würtemberg ihren Platz finden, wenn sie auch, der Zeit nach, einige Wochen nach dem mit Anspach geschlossenen Vertrage begonnen und beendigt wurden.

Sir Joseph Yorke hatte Suffolk im September 1775 den Herzog von Würtemberg als einen Fürsten genannt, der wohl im Stande sein werde, einige Tausend Mann zu liefern; auch der Herzog selbst hatte sich dem Minister angeboten. Es kam also zunächst auf den Versuch an, Verhandlungen mit ihm anzuknüpfen.

Das Herzogthum Würtemberg zählte zu jener Zeit bei einer Größe von ungefähr 200 Quadratmeilen 514,575 Einwohner. Der Herzog Karl Eugen (1744–1793), der berüchtigte Peiniger Schubart's und Moser's, sowie spätere Gründer der Karlsschule, war zu jener Zeit noch der Landes- und Volksquäler, der nach dem von ihm zuerst öffentlich aus dem Französischen übersetzten zynischen Grundsatz handelte: „Was Vaterland! Ich bin das Vaterland!“ und sich erst im Jahre 1778 unter dem Einfluß einer verständigen und sanften Frau zu einem bessern Lebenswandel bekehrte. Zwanzig Jahre früher nannte er die Beschwerde seiner Stände über den ohne ihr Wissen mit Frankreich abgeschlossenen Subsidien-Vertrag, der ihm drei Millionen Gulden einbrachte, aufrührerisch und unanständig und drohte der ständischen Vertretung mit dem Asperg. Herzog Karl Eugen hat übrigens die Ehre, durch seinen Ex-Feldscherer Schiller der Nachwelt viel genauer bekannt geworden zu sein, als er verdient; so dankbar ist das deutsche Volk gegen seinen großen Dichter, daß es den kleinen Tyrannen, weil er fördernd und hemmend in dessen Jugend eingriff, sogar in Dichtung und Sage verherrlicht hat. Der Leser kann für die nähere Charakteristik dieses Mannes deshalb füglich auf die populären Lebensbeschreibungen Schiller's von Palleske und Scherr verwiesen werden. Hier nur ein Zug, der ihm unter seinen Zeitgenössischen Brüdern und Vettern als den rohesten und grausamsten kennzeichnet. Als er Schubart mit gerade demselben Recht eingekerkert hatte, mit welchem ein tunisischer Seeräuber seiner Zeit Menschen an den Küsten des Mittelmeeres stahl, zwang er sein volle zehn Jahre eingesperrtes und gemartertes Opfer sogar, ihn, den gnädigsten Peiniger, an seinen Geburtstagen zu besingen. Der arme gebrochene Mann ließ sich leider zu dieser Entehrung mißbrauchen. Die Sammlung der Schubart'schen Gedichte ist reich an derartigen, auf Bestellung gelieferten Ergüssen. Ein paar Proben, auf gutes Glück herausgegriffen, mögen in der Anmerkung Platz finden.[3]

Auch die Herzöge von Würtemberg machten wie ihre fürstlichen Kollegen seit Menschenaltern gern Geschäfte in Truppenlieferungen und waren in der Herbeischaffung von wohlqualifizirten Subjekten durchaus nicht bedenklich. In dieser Beziehung ist Karl Eugen nicht schlechter als seine Vorfahren; er handelte höchstens noch rücksichtsloser und konsequenter als sie. Man ist in der That oft in Verlegenheit, wem von ihnen man den Preis zuerkennen soll, aber in letzter Instanz muß man sich doch für Karl Eugen als den niederträchtigsten entscheiden.

Die langjährigen Zwistigkeiten des Herzogs mit seinen Ständen wurzeln zum großen Theil in der Willkür, mit welcher er seine Truppen aushob und erhielt; sie geben uns das aktenmäßig beglaubigte Material an die Hand, zur Beurtheilung der Soldateska während der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Nirgend im damaligen Deutschland war das Rechtsbewußtsein so ehrlich und schroff entwickelt als bei den braven Schwaben. Eine kurze Uebersicht über ihre Streitigkeiten mit dem Herzog ist äußerst lehrreich für das Verständniß der uns beschäftigenden Epoche. Ex uno disce omnes!

In den ersten Jahren seiner Regierung enthielt sich Karl Eugen jedes gewaltthätigen Eingriffs in die Rechte seiner Unterthanen und zwang sie namentlich nicht zum Dienste. Erst allmälig entwickelte sich der Sultan in ihm. Als der siebenjährige Krieg ausgebrochen war, und als der Herzog neben den 6000 Mann Hülfstruppen, die er Frankreich geliefert hatte, sein Reichskontingent stellen sollte, das bis dahin nicht vorhanden war, da schritt er mit einer Rücksichtslosigkeit zur gewaltsamen Aushebung seiner Bürger und Bauern, die im schroffsten Gegensatze zu deren verbrieften Rechten stand und zu langjährigen Zwistigkeiten mit den Landständen führte. Der berüchtigte Major Rieger erhielt Vollmacht, in kürzester Zeit die nöthige Truppenzahl zu liefern. So schwer das war, da die Schwaben gegen Friedrich den Großen als Beschützer des Protestantismus in Deutschland nicht dienen wollten — Karl Eugen war katholisch — so erfüllte Rieger doch seinen Auftrag. Wer achtzehn Jahre und sonst tauglich war, mußte Soldat werden; vom Feld und aus den Werkstätten, aus den Häusern und aus den Betten holte man die Leute, umstellte Sonntags die Kirche und ließ sie von da gewaltsam fortschleppen; zur Unterzeichnung der Kapitulation aber zwang man sie durch Hunger und Gefängniß. Beamte, die sich hierbei nicht recht thätig zeigten, wurden mit strengen Strafen bedroht. Die auf solche Art zusammengeraffte Mannschaft empörte sich jedoch, als sie in's Feld ziehen sollte, und Rieger mußte mit noch grausamerer Strenge ein neues Heer zusammenbringen. — Ueber dies Verfahren entstand allgemeiner Unwille im Lande; indessen fruchteten die wiederholten wehmüthigsten, aber respektvollsten Vorstellungen des ständischen Ausschusses nicht. Weil aber die Desertionen so sehr überhand nahmen, daß die Truppen in kurzer Zeit 360 Deserteure zählten und im September 1757 allein aus dem Feldlager bei Linz 62 ausrissen, so wurden die Gesetze gegen das Desertiren bedeutend verschärft. Selbst wer mit Gewalt zum Kriegsdienst weggenommen war, wurde, sobald man ihn wieder ergriff, gehängt und mit Vermögensverlust bestraft. Wer einem Deserteur half, verlor das Bürgerrecht, wurde ohne weitern Prozeß ins Zuchthaus abgeführt und hier, unter wiederholtem Willkomm (d.h. Stockprügeln) zu harter Arbeit angehalten. Um das Entkommen der Ausreißer zu verhindern, wurde befohlen — in der Würtembergischen Geschäftssprache nannte man die Maßregel Deserteur-„Attrapirungs-Anstalten“ — daß die Nachtwächter auf den Nebenwegen längs den Dörfern alle Nächte streichen mußten. Wenn Lärm gemacht wurde, so hatte die aufgerufene Gemeinde augenblicklich alle Straßen, Brücken, Nebenwege und Fußsteige zu besetzen und wenigstens vier und zwanzig Stunden lang besetzt zu halten. Wegen eines einzigen Ausreißers hatte in solchen Fällen Tübingen 106, Herrnberg 92, Böblingen 101, Besigheim 48 Mann auszuschicken; der kleine, aus fünfzig Familien bestehende Ort Dachtel stellte in einem Jahre 1488 Mann auf die Alarmplätze. Nicht selten verloren beim Widerstand bewaffneter Ausreißer arme Familienväter Leben oder Glieder. Derjenige Ort aber, auf dessen Gemarkung ein Deserteur nicht aufgehalten wurde, obgleich es hätte geschehen können, mußte einen Mann von der Größe des Entwichenen stellen, und namentlich sollte dann bei den Söhnen des Ortsvorstehers der Anfang gemacht werden. Dieser Befehl war alle Monate von der Kanzel zu verkündigen. Am 1. Oktober 1758 erhielten die Beamten den Auftrag, die Aushauser fortwährend namhaft zu machen und allenfalls gleich einzuschicken, „und zwar nicht blos solche, die ihr Vermögen schon verthan hätten, sondern überhaupt Alle, welche ein liederliches Leben führten, Trunkenbolde, Raisonneure, illegale Müßiggänger, unruhige Köpfe, subtile und schleichende Aufwiegler oder andere dem Publikum politisch oder zur Last fallende Leute, welche nicht über 60 Jahre alt, nicht gebrechlich und wenigstens 5 Fuß 8 Zoll hoch seien.“ Als Grund für diesen Befehl wurde vom herzoglichen Zuchtmeister angegeben, daß viele Beispiele von solchen Leuten vorhanden seien, die sich im Militärdienst ganz und gar geändert und der hier herrschenden preiswürdigsten Ordnung und Disziplin dergestalt folgsam erzeigt hätten, daß man sich bei ihrer einstigen Entlassung gehorsame, ruhige und vernünftige Bürger an ihnen zu versprechen habe.

Die Beschwerden der Landstände „mit ihrer in Staatssachen schwachen Einsicht“, wie der Herzog meinte, wurden keiner Antwort gewürdigt, der Landschafts-Konsulent Moser aber, die Seele der Opposition und der berühmte Staatsrechtslehrer, ward verhaftet und auf den Asperg geschafft.

Als 1760 nach Ablauf des Subsidienvertrages mit Frankreich der Plan mißlungen war, 6000 Mann Fußvolk in spanische Dienste zu bringen, wurde die um's Vierfache gesteigerte Militärlast von 10,290 Mann auf's Land gewälzt. Der Herzog versprach zwar, daß er sich alle Mühe geben werde, um durch einen neuen Subsidienvertrag seinen lieben und getreuen Unterthanen eine nicht geringe Erleichterung des verlangten Militärbeitrags zu verschaffen; es wollte aber kein soldatenbedürftiger Fürst die Würtemberger. Während diese unter tüchtiger Führung zu den allerbesten deutschen Soldaten gehörten, war zu jener Zeit ihre Abneigung gegen den Dienst ganz berechtigt. Damals war das Militär bei seinen eigenen Landsleuten verachtet und verabscheut. Den jungen Würtemberger wandelte ein Schauder an, wenn er nur Soldaten sah; lieber verließ er das elterliche Haus oder erlegte starke Majoritätsgelder, um heirathen zu dürfen, wenn er von einer Aushebung hörte. Die Ursachen dieser Abneigung vor dem Militärstand lagen in den allzuschroffen Kriegsartikeln, in dem kläglichen Sold, der zerlumpten Kleidung, den abgedrungenen Kautionen, in der schlechten Behandlung der Soldaten, in den nicht gehaltenen Kapitulationen, den erzwungenen Loskaufungsgeldern und dem Schicksal der verwahrlosten, Abscheu und Ekel erregenden Invaliden und der abgedankten als Bettler herum ziehenden Soldaten. Deßwegen wähnte man damals, das Militär sei blos ein Zuchtinstitut, wohin nur Taugenichtse, Aussauger, Faullenzer, Verschwender, mißrathene Söhne und Sträflinge gehörten. Der Bauernbursche glaubte, daß das Soldatenhandwerk nur durch Stockprügel und Regimentsstrafen erlernt werden könne. Selbst noch zu Anfang der französischen Revolution waren die Würtembergischen Soldaten bloß ein Haufen zusammengestoppelter, der Strapazen ganz ungewohnter Leute, von denen die meisten nur darum gern in's Feld zogen, um eine schickliche Gelegenheit zum Ausreißen zu finden. Der Abgang wurde zwar durch Werbungen wieder ersetzt, aber die Rekrutentransporte waren öfters, noch ehe sie die Standquartiere erreichten, unterwegs durch Desertion oder durch die Künste fremder Werber auf die Hälfte herabgeschmolzen, so daß man sie zuletzt stets durch Husaren begleiten ließ. Lange Zeit war daher auch das Desertiren und Rekrutiren die größte Kompagnieneuigkeit und Desertion der gewöhnliche Frührapport. Ein Theil des Kontingentes aber bestand aus alten und gebrechlichen Leuten, welche täglich um ihren Abschied oder den Invalidengehalt baten, und der kleinere Theil war durch die vielen Veränderungen und das böse Beispiel der Deserteure ganz mißmuthig und verdrießlich geworden. Die Artillerie allein machte eine Ausnahme von diesem schlechten Zustand. (Pfaff's Geschichte des Militärwesens in Würtemberg. Stuttgart. 1842. pp. 66–87.)