»Bräutigamchen ist betrogen
Hat ein fremdes Theil bekommen!«

Die Schwiegermutter sprang zornig vom Tische auf und sagte: »Jagt mir die unverschämten Schmarotzer von der Schwelle!« Aber die Stieftochter flüchtete auf den Boden, wo sie so lange warten wollte, bis das junge Paar in die Schlafkammer geführt würde. Dem Bräutigam schmeckte weder Speise noch Trank mehr, ihn hatten die seltsamen Sänge, die er wiederholt vernommen, ganz verstimmt.

Da die junge Frau keine Brüste hatte, wie sie ihrem Geschlechte eigen sind, so hatte ihr die Mutter Büschel von Hede unter's Hemd in den Busen gestopft. Als nun die Gäste zur Ruhe gingen und auch das junge Paar sich in's Schlafgemach begab, sang das bekannte Stimmchen wieder vor dem Fenster:

»Bräutigamchen, liebes Bürschlein!
Auf der Brust sind Büschel Hede;
Hede giebt dem Kind nicht Nahrung,
Noch dem Manne seine Freude.«

Der Bräutigam stand unschlüssig, das Herz war ihm frostiger als ein Februarmorgen, als aber die junge Frau eingeschlummert war, eilte er sich zu überzeugen, ob der Gesang Wahrheit oder Lüge verkündet habe, und siehe! in der That fand sich Hede am Busen statt der Brüste. Jetzt wurde dem Männlein der Betrug klar, doch sagte er Niemandem ein Wörtchen davon, sondern machte heimlich einen Anschlag, den Frevel zu ahnden. Als er andern Tages mit der jungen Frau nach Hause fuhr, fand er am Flusse ein Loch im Eise, hielt das Pferd an und that als ob er es tränken wolle, packte dann plötzlich die junge Frau bei den Haaren, schleppte sie bis an den Rand des Loches und stieß sie dort Kopf unten Füße oben unter's Eis. »Besser unbeweibt leben als eine Hedekunkel umarmen,« dachte der Mann und fuhr seiner Wege.

Als er am Abend nach Hause kam, fand er zu seiner Ueberraschung sein Schätzchen schon vor der Kammer; die alte Nachbarin hatte es heimlich dahin geschafft. Der Mann war mit dem Tausche sehr zufrieden, that aber keinem Menschen kund, was ihm auf der Hochzeit begegnet war, sondern lebte ruhig und glücklich mit seiner jungen Frau weiter.

Ueber ein Jahr später, als die junge Haubenträgerin schon gesegneten Leibes gewesen war, und gerade ihr erstes Kind schaukelte, wollte die Stiefmutter ihr einen Besuch machen; sie hatte nichts von der Vertauschung der Frauen erfahren, sondern meinte, ihre eigene Tochter sei die Gattin des Mannes. Daß die Stieftochter sich nach der Hochzeit nicht mehr hatte blicken lassen, fand die Mutter ganz natürlich. »Das Mädchen hat ein Haar im Hochzeithalten gefunden« — dachte sie — »und weiß schon im Voraus, wie der Feuerbrand auf ihrem Rücken tanzen würde, wenn sie wieder käme.«

Als sie auf der Fahrt zum Schwiegersohn an das Flußufer kam, wo im verflossenen Winter der Mann die ihm angetraute Frau ertränkt hatte, fand sie eine hübsche Teichrose[32] auf dem Wasser blühen. Die Mutter wollte das Blümlein herausziehen und ihrer Tochter mitbringen, daß sie sich daran ergötze. Als sie aber die Hand danach ausstreckte, hörte sie ein Tönen — ob es aus der Luft oder dem Wasser kam, konnte sie nicht recht unterscheiden, aber Gesang ließ sich also vernehmen:

»Laß das Blümlein ungepflücket,
Nimmer brich das blüh'nde Röslein:
Es entsproß aus deiner Tochter,
Es erwuchs aus deinem Liebling,
Aus dem trauten Herzenspüppchen.«

Die Mutter erschrak über das, was sie vernommen; sie wußte nichts besseres zu thun, als einen Weisen aufzusuchen, dessen Zauberkraft das Töchterchen aus der Blumenhaft befreien könne. Mit Hülfe dieses Weisen erhielt denn auch die Teichrose ihre Menschengestalt zurück und so kam die Mutter wieder zu ihrer verlorenen Tochter, und fuhr mit ihr nach Hause zurück. Hier begann sie mit sich zu Rathe zu gehen, wie der Schwiegersohn, der ihr theures Kind im Flusse ertränkt hatte, am besten zu bestrafen wäre. Nachdem sie lange fruchtlos hin und her gesonnen hatte, ging sie wieder zum Weisen und bat ihm um Hülfe. Der Weise versprach, die Tochter in eine Katze zu verwandeln und so in den Hof des Schwiegersohnes zu schicken, dort sollte die Katze bei Nacht in aller Stille dem Kinde der Stiefschwester die Kehle dermaßen zerkratzen, daß das Kind nicht wieder aufwachen würde. Aber die alte Kinderbeschwichtigerin, welche eine nicht minder verschlagene Zauberin war, lief voraus in des Schwiegersohnes Hof, wo sie noch vor der Katze ankam; sie unterrichtete die Frau und sagte: »Wenn die fremde Katze am Abend in die Stube kommt, so gieb ihr Milch zu lecken, streichle sie und locke sie auf deinen Schooß. Alsdann versenge ihr mit heißer Asche Krallen und Pfoten und wirf sie zur Thür hinaus.« Die junge Frau erfüllte genau die Vorschrift des Dorfmütterchens und hörte dann noch eine gute Weile, wie die Katze draußen schmerzlich wimmerte.