Der Flohträger trat nun grüßend auf die Herankommenden zu, und lud sie freundlich ein, am Steine niederzusitzen, um dann selbviert mit einander weiter zu gehen, falls sie einen und denselben Weg hätten. Die wandernden Handwerksburschen erzählten ihm dann, was für ein großes Unglück in der Königsstadt vor einigen Tagen sich begeben habe, da des Königs einzige Tochter beim Baden im Flusse ertrunken sei, und obwohl das Wasser dort gar keine Tiefe habe, so sei doch unmöglich den Leichnam aufzufinden, so daß es den Anschein habe, als sei die Königstochter im Wasser zerflossen. Der Flohträger fühlte wiederum das bekannte Kitzeln und sein heimlicher Rathgeber summte ihm in's Ohr: »Gehe mit ihnen, du kannst dort dein Glück machen.« Der Hörer that, wie ihm geheißen und gesellte sich ihnen zu.

Als sie schon eine gute Strecke zurückgelegt hatten, führte ihr Weg sie durch einen dichten Kiefernwald, wo ein alter zerfetzter Kober am Rande eines Grabens auf der Landstraße lag. Der Ohrkitzler sagte: »Nimm den alten Kober auf, er wird euch auf der Reise von Nutzen sein!« Wenn gleich der Mann dieser Versicherung kaum Glauben schenkte, hob er doch den fast auseinanderfallenden Kober auf, hing ihn um und sagte scherzend: »Der Mensch muß nichts verachten, was er zufällig am Wege findet, wer weiß, was uns der Koberfetzen für Nutzen bringen kann.« Die Gefährten erwiderten lachend: »Unserthalben nimm ihn, wenn du magst, wenigstens wird ein leerer Kober deine Schultern nicht ermüden.« Wohl sollten sie einige Stunden später die geheime Kraft des Kobers kennen lernen und dem Manne danken, der das verachtete Ding aufgehoben hatte.

Die brennende Mittagssonne hatte den Männern zum Dampfen heiß gemacht; sie setzten sich unter einen breiten astreichen Baum um auszuruhen und wollten eben einen Bissen Brot zu sich nehmen, wie ihn jeder in seinem Sacke mit sich führte, als der Ohrkitzler seinem Wirthe zuraunte: »Befiehl dem Kober, euch zu essen zu geben!« — Der Mann dachte: will er mich zum Besten haben, warum soll ich Andere verschonen? ich will ihnen auch einen Possen spielen. Er nahm den Koberfetzen vom Halse, stellte ihn vor sich auf den Rasen hin, klopfte mit seinem Stocke darauf und rief: »Koberchen! Koberchen! schaff uns Speise!« Hat man auf der Welt etwas Wunderbareres gesehen oder gehört, als was jetzt geschah? Aus dem Spaße wurde sofort Ernst. Anstatt des Kobers stand ein kleiner mit weißem Leinen gedeckter Eßtisch da, der war ganz mit vollen Schüsseln besetzt, vier Löffel lagen daneben; und was für Leckerbissen gab es da! Eine Suppe von frischem Fleische, Schweinebraten, Würste, Kuchen von gebeuteltem Mehle, dann zur Löschung des Durstes Flaschen mit Bier, Wein und Meth. Die Männer griffen ungebeten zu, als säßen sie an einer Hochzeitstafel, denn all' ihr Lebtage hatten sie keine besseren Gerichte gekostet. Als sie satt waren und Keines mehr Speise und Trank begehrte, verschwand der Tisch so plötzlich, wie er gekommen war und blieb nichts zurück, als der alte Kober. Hatten die drei anfangs den Koberträger verlacht, so hätte jetzt jeder gern das kostbare Geschenk auf den Rücken genommen, so daß schon ein Zank darüber auszubrechen drohte. Da sagte der Finder: »Ich habe das schlechte Ding aufgehoben, darum bin ich auch berechtigt, mich für den Eigenthümer zu halten.« Die andern wagten nicht, seine Behauptung Lügen zu strafen, sondern mußten den Kober seinem Finder überlassen. Doch sollte der Nahrungsspender nicht mehr so wie früher am Halse getragen werden, sondern einer der Wanderer, ein gelernter Schneider, nahm Nadel und Zwirn aus seinem Ranzen und machte aus einem Brotsacke einen Ueberzug für den Kober, in welchen dieser vorsichtig eingehüllt wurde, damit er unterwegs nicht beschädigt würde.

Als die Männer einige Stunden nach der Mittagsmahlzeit geruht hatten, machten sie sich wieder auf den Weg. Ein gesättigter Magen und ein von Hoffnung gehobenes Herz sind die allererheiterndsten Begleiter auf der Wanderung. Das sah man auch an unseren Wanderern, welche singend und scherzend dahin zogen. Am Abend wurde unter einem Gebüsche eine Lagerstelle für die Nacht bereitet, und das Koberchen gab ihnen, wie am Mittage, reichlich Speise und Trank. Beim Schlafengehen machte es den Männern die meiste Sorge, wie sie während der Nacht den Kober hüten sollten, daß keine Diebsfinger daran kämen. Endlich wurde ausgemacht, daß alle vier ihre Köpfe auf den Kober nebeneinander legen sollten, so daß der eine seine Füße nach Süden, der andere nach Norden, der dritte nach Osten und der vierte nach Westen streckte. Der Finder befestigte außerdem noch das eine Ende seines Gurts an den Kober und das andere an seine linke Hand, so daß er augenblicklich fühlen mußte, wenn man etwa den Kober abschneiden wollte. Obgleich nun ihr Nahrungsspender[35] gar nicht besser gehütet sein konnte, so wurden doch die Männer oft durch unruhige Träume aus dem Schlafe geweckt, und da war es immer eines Jeden erste Bewegung, mit der Hand nach dem Kober zu fassen, um zu sehen, ob das kostbare Ding noch da sei.

Als sie am Morgen aufstanden, bereitete ihnen das Koberchen auf ihr Geheiß ihr Frühstück. Und so herrlich ging es Tag für Tag weiter, bis sie nach einer Woche in die Königsstadt kamen. Hier flüsterte der Ohrenbläser seinem Retter in's Ohr, daß ein böser Nix die verschwundene Königstochter in seinen Schlupfwinkel gebracht habe — er wolle ihn aber dahin führen, wo die Jungfrau verborgen gehalten werde.

Zuvor aber hieß er den Mann vor den König treten und diesem melden, er habe sich zu dem Versuche entschlossen, die verschwundene Königstochter aus dem Flusse zu holen. Für den Fall aber, daß ihm dabei ein Unglück zustieße, so daß er nicht mit dem Leben davon käme, solle der König geloben, die Hälfte des Lohnes seinen, des Unglücklichen, Eltern zu schicken und die andere Hälfte unter die Armen der Stadt zu vertheilen. Obwohl nun der König nicht die geringste Hoffnung hatte, nach so langer Zeit noch eine Spur der verstorbenen Tochter wiederzufinden, nahm er dennoch des jungen Mannes Anerbieten freundlich an und versprach mit dem Lohne so zu verfahren, wie jener gewünscht. Am folgenden Tage sollte der Versuch unternommen werden. Als unser Freund das Haus des Königs verließ, summte der Ohrenkitzler: »Fange dir heut Abend drei Krebse, die werden dir den Weg zeigen.« Der Mann that, wie geboten.

Am folgenden Tage strömte das Volk in dichten Schaaren[36] an's Ufer, wo der Mann in den Fluß gehen sollte, um die verschwundene Königstochter zu suchen, und auch der König selbst kam in Begleitung vieler Großen, um den Versuch mit anzusehen. Dann wurden die Zofen gerufen um die Stelle zu zeigen, wo des Königs Tochter untergegangen sei, denn die Mädchen hatten an jenem Tage am Ufer gesessen und den unglücklichen Vorfall mit angesehen. Soviel begriff Jedermann augenblicklich, daß man an der bezeichneten Stelle nicht ertrinken konnte; die Tiefe betrug nicht ganz drei Fuß, der Grund war fest und die Strömung schwach. Wenn man etwa dreihundert Schritt weiter hinab ging, so stieß man allerdings auf eine Tiefe, aber wie konnte die Königstochter so weit abwärts gekommen sein? Mit natürlichen Dingen konnte es hier nicht zugegangen sein. Der Rathgeber summte dem Manne in's Ohr: »Laß heimlich einen Krebs frei und gieb Acht, wohin er geht.« Der Mann befolgte das Gebot ungesäumt, that als wollte er mit der Hand die Wassertiefe messen und ließ, ohne daß die Leute es merkten, einen Krebs in's Wasser. Der Krebs schwamm zwanzig Schritt flußabwärts, wandte sich dann plötzlich links und verschwand in der Uferwand. Ganz denselben Weg nahmen der zweite und dritte Krebs. Jetzt summte der Rathgeber dem Manne in's Ohr: »den Weg wissen wir nun, dahin müssen wir. Schlage dreimal mit der linken Ferse auf's Ufer und dann spring kopfüber in's Wasser, so werden wir wohl an's Ziel kommen.« Der Mann that, wie ihm geboten war, stampfte dreimal das Ufer und sprang dann kopfüber in den Fluß, so daß über ihm der Schaum zusammenschlug. Das Volk harrte schweigend der Dinge, die nun kommen würden.

In der Uferwand fand der Mann die Mündung eines Schlupfwinkels, in die ein menschlicher Körper leicht hineinkriechen konnte. »Krieche in die Höhle!« rief der Rathgeber. Als der Mann ein Weilchen mühsam vorwärts gekrochen war, wurde der dunkle Gang auf einmal weit genug, daß er aufrecht gehen konnte. Der Rath geber trieb ihn an, dreist vorzuschreiten, da Unheil nicht zu befürchten sei. Eine Strecke weiterhin dämmerte ein schwacher Schimmer auf, bis sich endlich der Mann wieder in voller Helligkeit befand. Da stand auf weitem grünen Plane vor ihm, noch über eine halbe Werst weit, ein großes, aus blauem Steine aufgeführtes Wohnhaus. »Merke auf das, was ich dir jetzt sagen will — sprach der Rathgeber — und führe Alles pünktlich aus, sonst kannst du die Königstochter nicht aus ihrem Kerker befreien. Sie lebt dort in dem blauen Hause des Nixen. Zwei Bären halten Tag und Nacht Wache vor der Pforte, so daß kein lebendes Wesen heraus noch hinein kann. Diese Wächter müssen wir kirre machen. Nimm also, wenn wir hinkommen, dein Koberchen und gebiete ihm, sich in einen Bienenstock zu verwandeln. Diesen wirf den Bären vor und dann schlüpfe hinter ihrem Rücken in's Haus. Dort werde ich dir weitere Anleitung geben.« Als der Mann an die Pforte kam, hörte er das Brummen der Bären und da wurde ihm schon bange, als er aber die häßlichen Thiere durch die Spalte erblickt hatte, sank ihm das Herz vollends in die Hosen. Doch nahm er das Koberchen von der Schulter und gebot ihm, zum Bienenstocke zu werden. Augenblicklich stand ein großer Bienenstock vor ihm, so schwer, das der Mann ihn nicht heben konnte. Die Bären aber hatten den Geruch des Honigs gewittert, stießen die Pforte selber auf und stürmten auf den Bienenstock los, so daß sie gar nicht Zeit hatten, den Mann zu bemerken. Dieser eilte hinter ihrem Rücken in den Hof und von da flugs in die Hausthür, die glücklicherweise nicht verschlossen war. Dann sagte der Rathgeber: »Vor der Kammer rechts steckt ein goldener Schlüssel, drehe denselben im Schlosse um und stecke ihn in die Tasche, so kann der alte Nix nicht heraus. In der Kammer links, vor welcher ein silberner Schlüssel steckt, sitzt die Königstochter gefangen, die du befreien mußt.«

Als der Mann den goldenen Schlüssel umgedreht hatte, hörte er in der Kammer ein so gräßliches Gebrülle, daß die Wände erbebten! Er aber steckte den Schüssel in die Tasche und eilte an die Thür, in welcher der silberne Schlüssel stak. Als er die Thür geöffnet hatte, erblickte er die Königstochter, die traurig, in halb sitzender Stellung, auf einem Bette ruhte. Beim Anblick des fremden Mannes erschrak sie, als er aber erklärt hatte, er sei gekommen, sie aus ihrem Gefängniß zu befreien, sprang sie freudig vom Bette auf. Der Jüngling sagte: »Wir dürfen hier nicht länger weilen, sondern müssen uns sofort auf den Weg machen, ehe die Bären mit ihrem Bienenstocke fertig werden.« Dann nahm er die Königstochter bei der Hand und führte sie vor die Thür. Die mit dem Bienenstock beschäftigten Bären achteten der Kommenden nicht. Auf den Zehen leise tretend, kamen sie hinter den Bären zur Pforte hinaus. Der Mann verschloß die Pforte von außen, damit die Bären nicht heraus könnten und machte sich dann eilends davon. Der Rathgeber summte ihm in's Ohr: »Rufe das Koberchen zurück!« Da rief der Mann: »Koberchen, Koberchen! komm heim!« Flugs hing das Koberchen an seinem Halse. Als sie an den Höhleneingang kamen, sagte der Jüngling zur Königstochter: »Fürchtet weder das Dunkel, noch weiterhin die Enge des Weges, wir gelangen nach kurzer Zeit wieder an's Tageslicht. Wenn wir in's Wasser kommen, so machet die Augen fest zu, bis ich euch an's Ufer getragen habe.« Als er vorwärts schritt, fand er den Hohlweg nach dem Flusse zu viel breiter als vorhin, so daß beide bequem durch konnten. Im Flusse umfaßte er die Königstochter mit beiden Armen und trug sie an den trockenen Strand.

Die meisten Zuschauer waren schon nach Hause gegangen, weil sie die Hoffnung auf die Rückkehr des Suchenden aufgegeben hatten. Der König und die ihm näher stehenden Großen waren aber noch am Ufer geblieben und besprachen das unglückliche Ereigniß, als plötzlich zwei Köpfe auf der Oberfläche des Wassers sichtbar wurden. Wer vermöchte die Freude des Königs und der Leute zu beschreiben, als statt des erwarteten todten Körpers die Jungfrau frisch und gesund an's Ufer kam. Der König fiel bald seiner Tochter, bald ihrem Retter um den Hals, und vergoß Freudenthränen und mit ihm weinte der umstehende Haufe. Als aber die Freudenbotschaft mit der Schnelligkeit des Windes sich in der Stadt verbreitet hatte, strömten die Menschen zu Tausenden herbei, um das Wunder zu sehen. Auf des Königs Geheiß mußte der Retter seiner Tochter im königlichen Schlosse Wohnung nehmen, wo ihm ein königlicher Lohn ausgezahlt wurde; dreimal so viel als bedungen war.