16. Der mildherzige Holzhacker
[45]
.

Vor Zeiten ging ein Mann in den Wald, Bäume zu fällen. Er kam zur Birke und wollte sie umhauen; als die Birke die Axt sah, flehte sie kläglich: »Laß mich leben! Ich bin noch jung und habe eine Schaar von Kleinen hinter mir, die um meinen Tod weinen würden.« Der Mann ließ sich erbitten und kam zur Eiche; er wollte die Eiche umhauen. Als die Eiche die Axt sah, flehte sie kläglich: »Laß mich noch leben! ich bin noch frisch und stark, meine Eicheln sind alle noch unreif und taugen nicht zur Saat. Wo sollen die kommenden Geschlechter den Eichwald hernehmen, wenn meine Eicheln zu Grunde gehen?« Der Mann ließ sich erbitten und kam zur Esche, sie umzuhauen. Als die Esche die Axt sah, flehte sie kläglich: »Laß mich noch leben! Ich bin noch jung und habe erst gestern ein junges Weib gefreit, was soll aus der Armen werden, wenn ich falle?« Der Mann ließ sich erbitten und kam zum Ahorn, den er umhauen wollte. Der Ahorn aber flehte kläglich: »Laß mich noch leben, meine Kinder sind noch klein, alle noch unerzogen, was soll aus ihnen werden, wenn ich umgehauen werde?« Der Mann ließ sich erbitten und kam zur Erle, die er nun umhauen wollte. Als die Erle die Axt sah, flehte sie kläglich: »Laß mich leben! ich habe gerade meinen weißen Ueberzug[46] und muß viele kleine Geschöpfchen mit meinem Safte ernähren, was soll aus ihnen werden, wenn ich umgehauen werde?« Der Mann ließ sich erbitten und kam zur Espe; er wollte die Espe umhauen. Die Espe aber flehte kläglich: »Laß mich leben! Der Schöpfer hat mich geschaffen, daß ich mit meinen Blättern im Winde raschle und Nachts die Frevler auf ihrem bösen Wege schrecke. Was sollte aus der Welt werden, wenn ich umgehauen würde?« Der Mann ließ sich erbitten, kam zum Faulbaum und wollte ihn umhauen. Als der Faulbaum die Axt sah, flehte er kläglich: »Laß mich leben! Ich bin noch in Blüthe und muß der Nachtigall Schatten geben, daß sie auf meinen Zweigen singe. Wo fänden denn die Leute schönen Vogelsang, wenn die gefiederten Sänger unser Land verließen, weil ich umgehauen werde?« Der Mann ließ sich erbitten und kam zur Eberesche; er wollte die Eberesche umhauen. Die Eberesche aber flehte kläglich: »Laß mich leben! Ich stehe jetzt eben in der Blüthe, aus ihr sollen die Beerentrauben entstehen, die im Herbst und im Winter den Vögeln Atzung geben müssen. Was sollte aus den armen Thierchen werden, wenn ich umgehauen würde?« Der Mann ließ sich erbitten und dachte bei sich: wenn mit dem Laubholze nichts anzufangen ist, so will ich mein Heil beim Nadelholze versuchen. Er kam zur Fichte und wollte sie umhauen. Als die Fichte die Axt sah, fing sie gleich an kläglich zu bitten: »Laß mich leben! Ich bin noch jung und kräftig und muß Zweige treiben, um Sommers und Winters zu grünen den Menschen zur Lust. Wo sollten sie ein schattiges Obdach finden, wenn ich umgehauen würde?« Der Mann ließ sich erbitten, kam zur Kiefer und wollte die Kiefer umhauen. Aber als die Kiefer die Axt sah, flehte sie kläglich: »Laß mich leben! Ich bin noch jung und kräftig und muß mit der Fichte zusammen ohne Unterlaß grünen; es wäre Schade, wenn ich umgehauen würde.« — Der Mann ließ sich erbitten, kam zum Wachholder und wollte ihn umhauen. Der Wachholder aber flehte kläglich: »Laß mich leben! Ich bin der allergrößte Schatz des Waldes und ein Segenspender für Alle, weil man mich gegen neun und neunzig Krankheiten brauchen kann. Was sollte aus Menschen und Thieren werden, wenn ich umgehauen würde?«

Der Mann läßt sich auf dem Rasen nieder und denkt bei sich: Die Sache kommt mir höchst wunderbar vor, jeder Baum hat seine Zunge und hat Bittreden auf der Zunge, mit denen er gegen seine Zerstörung sich sträubt; was soll ich machen, wenn ich nirgends mehr Bäume finde, die sich ruhig umhauen lassen? Mein Herz kann ihren Bitten nicht widerstehen. Hätte ich kein Weib daheim, so ginge ich mit leeren Händen zurück. Da tritt aus der Tiefe des Waldes her ein alter Mann mit langem grauem Barte, angethan mit einem Hemde von Birkenrinde und einem Rocke von Fichtenrinde[47] vor unseren Freund hin und fragt: »Was sitzest du denn so mißmuthig da auf dem Grase? hat dir Jemand etwas Böses zugefügt?« Der Gefragte erwidert: »Wie sollte ich nicht mißmuthig sein? Ich nahm heute Morgen meine Axt, ging in den Wald und wollte Nutzholz fällen, um es nach Hause zu führen, aber o Wunder! da finde ich plötzlich den ganzen Wald belebt, jeder Baum hat seinen Verstand im Kopfe und seine Zunge im Munde, und weiß sich mit Bitten zu wahren. In mir ist kein Tropfen Blut, der ihrem Flehen zu widerstehen vermöchte. Werde aus mir was da wolle, ich kann lebende Bäume nicht zerstören.« Der Alte sieht ihn mit freudevollen Blicken an und spricht: »Ich danke dir, Bauer, daß du deine Ohren vor dem Flehen meiner Kinder nicht verschlossen hast; dir soll aus dieser Mildherzigkeit kein Schade erwachsen; ich will sie dir vergelten und Sorge tragen, daß es dir in's Künftige an nichts gebreche. Die nicht vergossenen Blutstropfen meiner Kinder sollen dir Glück bringen; nicht blos an Brenn- und Nutzholz soll es dir niemals fehlen, sondern auch in anderen Dingen soll Segen in dein Haus kommen, so daß du fortan nichts weiter zu thun haben wirst, als kund zu geben was dein Herz begehrt. Nur mußt du dich hüten, daß deine Wünsche das Maß nicht überschreiten, und auch deiner Frau und deinen Kindern schärfe ein, daß sie ausschweifende Wünsche bezähmen müssen; ihre Wünsche dürfen sich nicht über das Mögliche hinaus erstrecken. Es würde sich sonst das erwartete Glück in Unglück verkehren. Da, nimm diese Goldruthe und hüte sie wie deinen Augapfel!« Mit diesen Worten gab er dem Manne eine Goldruthe, die einige Spannen lang und so dick wie eine Stricknadel war, und gab dazu die Belehrung: »Wenn du ein Haus aufführen oder sonst eine nothwendige Arbeit vollbringen willst, so geh an einen Ameisenhaufen und schwinge deine Ruthe dreimal gegen denselben, schlage aber nicht hinein, um den kleinen Geschöpfen nicht zu schaden. Dabei befiehl ihnen, was sie thun sollen und du findest den nächsten Morgen die Arbeit gethan, wie du sie gewünscht hattest. Begehrst du Speise, so nöthige mit der Ruthe den Grapen, daß er dir bereite, was du wünschest. Willst du zur Speise noch Naschwerk, so zeige die Goldruthe den Bienen und heiße sie an die Arbeit gehen, und sie werden dir mehr Honigwaben bringen, als du sammat deinem Hausgesinde verzehren kannst. Willst du Saft, so gebiete der Birke und dem Ahorn, sie werden dein Ge bot alsbald erfüllen. Die Erle wird dir Milch geben, der Wachholder Gesundheit bringen, wenn du sie in dieser Art dazu anhältst. Fisch-und Fleischgerichte wird dir der Grapen alle Tage kochen, ohne daß du erst etwas Lebendes zu tödten brauchtest. Willst du Leinewand, seidene oder wollene Kleider, so gebiete den Spinnen, sie werden dir Zeuge weben ganz wie du sie wünschest. Dergestalt wird es dir künftighin an nichts fehlen, sondern du wirst Alles zur Genüge haben, zum Lohn dafür, daß du auf die Bitten meiner Kinder hörtest und sie am Leben ließest. Ich bin des Waldes Vater[48], den der Schöpfer zum Herrscher über die Bäume verordnet hat.« Darauf nahm der Alte Abschied und verschwand vor des Mannes Augen.

Der Mann aber hatte eine schlimme Frau, die ihm schon auf dem Hofe belfernd wie ein böser Hund entgegen kam, als sie den Mann mit leeren Händen aus dem Walde zurückkommen sah. »Wo bleibt das Holz, welches du bringen solltest?« schrie das Weib; der Mann erwiderte ruhig: »es bleibt im Walde und wächst.« Zornig fuhr das Weib ihn an: »O hätten doch alle Birkenreiser sich zu Ruthenbündeln zusammengebunden und dein träges Fell gegerbt.« Der Mann schwang heimlich die Goldruthe und sprach, ohne daß die Frau es hörte: »Der Wunsch erfülle sich an dir!« Da fing das Weib plötzlich an zu schreien: »Ai, ai! ai, ai! o wie weh! ai, ai! das geht durch Mark und Bein! ai, ai! Gnade, Gnade!« So schreiend sprang sie von einem Ort zum andern, und faßte bald hier, bald dort nach ihrem Leibe, als hätte ein schmerzhafter Ruthenstreich die Stelle getroffen. Als der Mann glaubte, daß es genug der Strafe sei, gab er der Goldruthe den entsprechenden Befehl. An diesem ersten Versuche erkannte er, was für ein herrliches Geschenk der Waldesvater ihm gemacht hatte, da ihm in der Glücksruthe zugleich eine Zuchtruthe für seine Frau geworden war. — Er hatte auf seinem Hofe eine alte halb verfallene Klete, und wollte darum noch selbigen Tages die Kraft der Ameisen im Häuserbau erproben. So ging er an den Ameisenhaufen heran, schwang dreimal die Goldruthe und rief: »Macht mir eine neue Klete auf dem Hofe!« Als er am andern Morgen aufstand, fand er die Klete fertig. Wer konnte wohl jetzt glücklicher sein als unser Freund? Die Bereitung der Speise machte ihm nicht die geringste Sorge; was das Herz begehrte, das kochte der Kessel sobald es ihm befohlen war, trug es auch täglich selber auf den Tisch, so daß die Hausleute nichts weiter zu thun hatten als zu essen. Spinnen webten ihnen Zeuge, Maulwürfe pflügten ihre Aecker, Ameisen streuten den Samen aus und ernteten im Herbste das Korn vom Felde, so daß es der Menschenhand nirgends bedurfte. Wenn die Kinnladen des bösen Weibes einmal zu arg klapperten oder dem Manne etwas Schlimmes anwünschten, so mußte es der Hausdrache jedesmal selber erleiden, weil die Goldruthe ihre Schuldigkeit that. Hier seufzt gewiß mancher Ehemann: O! hätte ich doch eine solche Goldruthe!

Der Besitzer der Goldruthe hatte seine Lebenstage im Glücke beendigt, weil er sich niemals Dinge gewünscht hatte, welche die Grenzen der Möglichkeit überschritten. Vor seinem Tode vererbte er die Goldruthe seinen Kindern, gab ihnen dieselbe Unterweisung, die er vom Waldesvater erhalten hatte und warnte sie vor unmöglichen Wünschen. Die Kinder richteten sich danach und brachten ihr Leben nicht minder glücklich zu. In der dritten Generation aber geschah es, daß die Ruthe in den Besitz eines Mannes kam, der, ohne sich an die Warnung seiner Eltern zu kehren, viele unnütze Dinge wünschte und deßhalb die Goldruthe zwecklos bemühte; indeß entstand zunächst aus diesen Wünschen noch kein Schade, weil die gewünschten Dinge doch wenigstens möglich waren. Der übermüthige Mann gab sich aber damit nicht zufrieden sondern vermaß sich, um die Kraft der Ruthe auf die Probe zu stellen, Unmögliches zu wünschen. So hatte er eines Tages der Goldruthe geboten, die Sonne vom Himmel herunter zu holen, damit er einmal seinen Rücken ganz dicht an der Sonne wärmen könne. Die Ruthe wollte zwar ihres Herrn Befehl ausführen, da aber das Herunterkommen der Sonne ein unmögliches Ding ist, so sandte der Schöpfer dem Wünschenden so flammende Strahlen aus der Sonne herab, daß er sammt allen Gebäuden verbrannte, ohne daß auch eine Spur davon zurück blieb. Ob nun die Glücksruthe im Feuer geschmolzen ist oder nicht — Niemand weiß jetzt Ort und Stelle anzugeben, wo man sie zu suchen hätte. Auch glaubt man, daß die heißen Sonnenstrahlen, welche an diesem unglücklichen Tage herabschossen, die Bäume im Walde dermaßen in Schrecken versetzt hatten, daß ihre Zungen gebunden blieben und Niemand später ein Wort mehr aus ihrem Munde vernommen hat.

17. Die nächtlichen Kirchengänger.

Meines Großvaters Vetter lebte als junger Mensch in einem Bauerhofe unweit der Kirche, die im Winter nicht ganz zwei Werst entfernt war, weil der Weg dann über den gefrorenen Morast führte. An einem Weihnachts-Samstag-Abend legten sich die Bewohner des Hofes zeitig schlafen, weil sie am ersten Festtag in der Morgenfrühe aufstehen und zur Kirche gehen wollten, wo an diesem Tage der Gottesdienst bei Kerzenschein gehalten wurde. Der Hofbesitzer erwachte von Allen zuerst, ging hinaus um nach dem Wetter zu sehen, und gewahrte, daß die Kirchenfenster schon im Lichterglanz strahlten. Als er wieder in's Gemach trat, weckte er die Leute aus dem Schlafe: »Steht auf, wir haben zu lange gesäumt; die Lichter in der Kirche sind schon angezündet.« Da brannte es den Leuten unter den Sohlen, alle sprangen vom Lager auf, wuschen sich, und zogen sich an; die Jüngeren machten sich dann zu Fuße auf, während die Andern die Pferde anspannten und ihnen nachfuhren. Das Nebelwetter gönnte ihnen nicht viel Sternenlicht — aber die von Kerzenlicht erhellte Kirche stand da wie eine geschmückte Jungfrau, und war ihnen ein leuchtender Wegweiser. Als sie näher kamen, tönte ihnen der Gesang der in der Kirche Befindlichen entgegen; derselbe schien aber etwas Fremdartiges zu haben. Die Kirchenthüren standen weit offen und die Kirche schien gedrängt voll von Menschen, dennoch war nicht ein einziges Gespann in der Nähe zu sehen. Die Männer schritten nun voran, in der Hoffnung, doch in dem Gedränge noch irgendwo Platz zu finden — die Weiber gingen hinterdrein. Als die Männer eben an die Kirchenthür gekommen waren und den Fuß über die Schwelle setzen wollten, verstummte der Gesang und die Lichter erloschen plötzlich, sodaß die Kirche mit einem Male stockfinster war[49]. Ein fremder Mann kam ihnen an der Kirchenthür entgegen und sagte: »Ihr mit geweihtem Wasser getauften Leute habt hier jetzt nichts zu schaffen! jetzt ist unsere Kirchenzeit; euer Gottesdienst beginnt erst am Morgen!« — Die Leute sahen einander an und wußten nicht was sie von dem wunderlichen Vorfall halten sollten; da wurde die Kirchenthür von innen geschlossen und jetzt war kein besserer Rath als wieder nach Hause zu gehen, weil weder Prediger noch Küster schon Feuer auf dem Heerde hatten. Der fremde Mann aber nahm meines Großvaters Vetter bei der Hand, führte ihn einige Dutzend Schritte von den Andern abseits hinter eine Kirchenecke und flüsterte ihm zu: »Komm drei Tage vor Johannis-Samstag um Mitternacht hierher, so will ich dir den Weg zum Glücke zeigen; aber laß gegen Niemand das Geringste von meiner Einladung verlauten, sonst könntest du zu Schaden kommen.« Mit diesen Worten war er auch verschwunden. Beim Nachhausegehen fiel der Nebel und der Himmel klärte sich auf, so daß die Sterne schimmerten, und am Stande derselben erkannten die Männer, daß Mitternacht angebrochen sei, was auch der Hahnenschrei ankündigte, der ihnen vom Hause her entgegen tönte. Die Aelteren legten sich noch einmal zu Bette, während das junge Volk wach blieb, um den Anbruch des Tages zu erwarten. Erst nach einigen Stunden war die rechte Kirchenzeit angebrochen und man machte sich von Neuem auf. Die Leute erzählten später dem einen und dem andern ihrer Bekannten von dem Kirchgange in der Weihnachtsnacht, so daß sich die Sache herum sprach und zuletzt auch dem Geistlichen zu Ohren kam. Der Geistliche ließ die Männer zu sich berufen, fragte sie genau über den Vorfall aus und verbot ihnen dann weiter davon zu reden, da ihr vermeintlicher Kirchgang in der Weihnachtsnacht nichts weiter gewesen sein könne als ein lebhafter Traum. Obgleich nun die Männer ihrerseits das klare Bewußtsein hatten, daß sie wirklich zur Kirche gegangen waren und mit wachen Augen die Sache erlebt hatten, so mochten sie doch nicht länger mit ihrem Prediger streiten, sondern versprachen zu schweigen. Aber was half das jetzt noch, da das Gerücht schon nach allen Seiten hin ausgesprengt war und sich von Tag zu Tage weiter verbreitete. Eben so gut kannst du die Luft greifen, als das einmal losgelassene Gerede der Leute wieder bannen.

Meines Großvaters Vetter war anfangs fest entschlossen den ihm angegebenen Glückspfad aufzusuchen, allein je näher die Zeit heranrückte, desto mehr sank ihm der Muth. Konnte er doch nicht darüber in's Klare kommen, wer der Einladende oder wer die nächtlichen Kirchengänger gewesen, und wie weit ein Christenmensch ihnen trauen durfte? Ja, wäre es ihm vergönnt gewesen, mit einem andern zuverlässigen Manne sich zu berathen, wer weiß ob seine Zweifel nicht geschwunden wären, aber daß ihm der fremde Mann eingeschärft hatte, die Sache geheim zu halten, machte ihm eben die meiste Pein. Er hatte sich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, von dem Versuche abzustehen, als vierzehn Tage vor Johanni sich etwas Unerwartetes zutrug, was ihn wieder anderen Sinnes machte. Als er nämlich eines Abends nach Sonnenuntergang nach Hause ging, fand er ein fremdes altes Mütterchen am Wege sitzen. Der Mann grüßte und wollte vorübergehen, aber die Alte fragte ihn, weßhalb er denn in so tiefen Gedanken sei, daß er wie im halben Traume einhergehe. — Unser Freund getraute sich nicht die Frage der Alten zu beantworten, weil er die Wahrheit nicht sagen konnte und nicht lügen wollte. Die Alte schien indeß seine Gedanken zu errathen, als sie fragte: »Willst du mir nicht deine Hand zeigen, Söhnchen, damit ich sehe was dein Herz drückt und ich dir einen guten Rath geben kann?« — Der Mann stand unschlüssig und wußte nicht ob er das Verlangen der Alten erfüllen sollte oder nicht. Die Alte aber fuhr freundlich fort: »Fürchte nichts! ich will ja nicht in schlimmer Absicht deine Hand besehen; ich wünsche nur dein Glück und das kannst du wahrlich brauchen, weil du noch jung und unerfahren bist und die größere Hälfte deines Lebens noch vor dir hast. Prophezeiung künftiger Geschicke kann dem Menschen bisweilen von Nutzen sein; sollte ich in deiner Handfläche etwas finden, was besser verborgen bliebe, so werde ich's dir verschweigen.« »Nein, nein! Goldmütterchen!« rief meines Großvaters Vetter, »verkünde mir Alles, es sei gut oder schlimm, ich werde nicht vor dem erschrecken was mir auferlegt ist!« und damit reichte er der Alten die Hand zur Besichtigung. Die Alte setzte ihre Brille auf die Nase und begann in seiner Hand zu lesen. Die Züge mußten wohl etwas verworren sein, denn erst nach geraumer Zeit gab sie dem Wartenden folgenden Bescheid: »Du bist ein ausgemachtes Glückskind, dir steht ein großes Glück nahe bevor, wenn du gescheidt genug bist, das Glück so bei den Hörnern zu packen, daß es dir nicht mehr entrinnen kann. Deine Besorgniß wegen des unbekannten Mannes ist grundlos, du kannst ihm dreist vertrauen, weil er dein Glück wünscht und keinen Vortheil für sich sucht. Geh ohne Furcht dahin, wohin du gerufen wirst, Böses hast du dort nicht zu fürchten. Nur dein eigenes Herz kann dir einen Streich spielen; hüte dich vor Bedenken und Zweifeln und erfülle zuversichtlich, was weisere Leute dir anrathen. Aber wenn du einmal auf die Freite gehst, dann mache deine Augen auf, sonst stürzest du in's Unglück. Ein glattes Ei hat oft einen faulen Kern und deine Ehestandslinien laufen etwas verworren. Durch Vorsicht kannst du dich aus allen Schlingen lösen. Mehr darf ich dir heute nicht sagen, aber wenn wir einmal wieder zusammentreffen sollten, wirst du mir sicher für meine Anleitung danken.« — Der Mann griff in seine Tasche, und wollte einige Kopeken heraus nehmen, um sie der Alten für ihre Mühe zu geben, aber die Alte verstand die Bewegung und rief abwehrend: »Biete mir kein Geld an, ich nehme es von Niemandem; ich verkünde alle meine Sprüche den Leuten umsonst, weil ihr Glück meine höchste Belohnung ist.« Sie erhob sich, nahm Abschied und ging so raschen Schrittes von dannen, wie ein junges Mädchen, so daß sie wie der Blitz verschwunden schien. Obgleich nun meines Großvaters Vetter die ganze Geschichte mehr für Spaß als Ernst nahm, so fühlte er sich doch bedeutend erleichtert, es war ihm, als ob ihm ein Stein vom Herzen gefallen wäre, und er war nun fest entschlossen, den gewiesenen Glücksweg aufzusuchen.

Drei Tage vor Johannis-Samstag schlug er spät Abends den Weg zur Kirche ein, damit er um Mitternacht anlange; je näher er kam, desto unruhiger schlug ihm das Herz, es war wie wenn ihm Jemand in's Ohr riefe: »du bist nicht auf dem rechten Wege.« Auch hätte nicht viel gefehlt, daß er wieder umgekehrt wäre. Da erhob sich ein schöner Gesang in den Lüften und er vernahm die Worte:

»Weiche nicht vom Weg des Glückes,
Fürchte nichts und bange nimmer!
Dich beschirmen Schutzesgeister.
Deiner warten Glückesloose:
Weiche nicht vom Weg des Glückes.«