Nach einigen Tagen zeigte sich auf der Höhe der See ein Schiff. Der Königssohn ging dicht an's Ufer, ließ ein weißes Tuch flattern um den Schiffsleuten ein Zeichen zu geben und winkte ihnen heranzusegeln; dann kaufte er ihnen die ganze reiche Schiffsladung ab und ließ sie an's Land bringen. Die Axt ließ, auf Geheiß ihres Herrn, unablässig Haus an Haus sich reihen, so daß in kurzer Zeit eine Stadt daraus wurde. Der Königssohn aber ließ das Schiff mit Korn füllen und sandte es dann zurück in die Heimath. — Als er darauf wieder im Walde umherstrich, begegnete ihm der kleine Alte mit dem langen grauen Barte. Der Alte sagte: »Eine Stadt hast du nun wohl fertig, aber Einwohner fehlen der Stadt. Da, nimm diesen Eber eschenzweig[59], geh morgen früh an einen Ameisenhaufen, klopfe dreimal mit der Ruthe darauf und rufe: »schaffet Leute für meine Stadt!« so werden Einwohner genug in die neue Stadt kommen. Der Königssohn that am andern Morgen was der Alte ihm geheißen und fand, als er zurück kam, alle Häuser der Stadt mit Einwohnern angefüllt, denen der Feuerstahl das tägliche Brot schaffte.
Als der Schiffer an's Land gestiegen war, ging er sofort zum Könige und erzählte ihm die wunderbare Begebenheit, wie er an eine wüste Insel gekommen sei, auf welcher bis dahin kein lebendes Wesen zu finden gewesen, während jetzt am Ufer eine prächtige Stadt stehe, deren Eigenthümer ihm die Schiffsladung abgekauft, und das Schiff mit Korn beladen zurückgesandt habe. »Mein geringer Verstand kann es nicht begreifen,« — so schloß der Schiffer seine Erzählung — »wie die Stadt so plötzlich dahin gekommen ist.« — Der König erwiderte: »Ich muß selber hin, um dieses Wunder zu sehen.« Er hatte sich aber mittlerweile des Kriegsobersten älteste Tochter zur Gemahlin erkoren und diese sagte jetzt, als sie des Königs Worte hörte: »Es ist nicht nöthig, daß ihr dahin geht; nöthiger ist es durch drei Königreiche in das Land zu fahren, wo ein prächtiger Brunnen mit goldener Bekleidung und silbernem Schwengel steht, eben dort ist auch eine goldene Maurerkelle und eine andere silberne daneben.«
Zum Glück hatte der Königssohn diese Rede mit angehört, denn er hatte sich mit des Alten Hülfe in einen kleinen Floh verwandelt[60] und saß in des Königs Gemach am Fenster, wo Niemand ihn bemerkte. Als er der Königin Rede hörte, dachte er: »O! stände doch dieser Brunnen vor meiner Stadt, dann käme der König gewiß um ihn anzusehen.« Als er aber heim kam, fand er auch wirklich einen solchen Brunnen schon vor der Stadt; eine Katze lief an der goldenen Brunnensäule hinauf und bat um Gnade, dann kam sie herunter und bat selbst um den Tod.
Nach diesem geschah es wieder, daß ein anderer Schiffer mit seinem Schiffe sich der Insel näherte. Der Königssohn rief ihn an's Ufer, kaufte ihm die ganze Schiffsladung ab und ließ das Schiff mit Korn füllen. Als der Schiffer nach Hause kam, ging er sofort zum Könige, ihm den wunderbaren Vorfall zu melden. Als er über die Schwelle trat, bemerkte er nicht, daß der Königssohn in Gestalt einer Fliege ihm in den Busen geschlüpft war. Der Schiffer erzählte dem Könige, wie er auf einer wüsten Insel plötzlich eine sehr schöne Stelle gefunden, wo eine herrliche Stadt stehe, deren Häuser von Gold und Silber glänzen, und am Thore stehe ein prächtiger Goldbrunnen, der im Sonnenschein funkele. Da verlangte es den König selbst hinzugehen, um das Wunder mit eigenen Augen zu sehen, aber die Königin that sogleich Einspruch: »Ihr braucht nicht dahin zu gehen, viel nöthiger wäre es durch vier Königreiche zu fahren, dahin wo die schönen Heuschläge liegen; das Heu schichtet sich selber ohne daß Jemand zu mähen oder zu harken braucht, thut sich selber auf den Boden und kommt auch wieder herunter, so daß es gar keiner Arbeiter bedarf, weder zum Aufspeichern noch zum Herunterwerfen. Und es sollen dort drei Könige mit einander Krieg führen; der eine von ihnen ist gewaltig, der andere noch viel gewaltiger und der dritte giebt vollends seine Macht nicht aus den Händen. Es thäte wohl Noth, dieses Kriegsgewühl mit anzusehn.«
Der Königssohn dachte in seinem Sinn: Wenn dergleichen bei meiner Stadt sich fände, so käme der König gewiß hin, sich das Wunder zu besehen. So wie ihm dieser Gedanke durch den Kopf fuhr, hatte sich auch Alles schon so gefügt, denn der graubärtige Alte hatte es bewirkt.
Jetzt zeigte sich nach einigen Tagen abermals ein Schiff auf hoher See, der Königssohn lockte es wieder an seine Küste, kaufte die ganze Ladung, füllte das Schiff mit Korn bis zum Rande und sandte es zurück. Sich selbst aber verwandelte er in eine Stecknadel und that sich in des Schiffers Rock. Als der Schiffer nach Hause kam, eilte er zum Könige und erzählte von all' den Wundern auf der wüsten Insel. »Dort sind« — sagte der Schiffer — »so wunderbare Dinge, wie sie sicherlich nirgends sonst in der Welt gefunden werden, gold- und silberfarbene Häuser, allerlei Goldbrunnen und Heuschläge, welche selber das Heu mähen, aufnehmen, auf den Boden bringen und vom Boden wieder herunterwerfen, ohne daß Hülfe von Menschenhand erforderlich ist. Ueberdies bekriegen sich dort unaufhörlich drei Könige, die einander nicht bezwingen können.« Da erwachte in des Königs Brust ein heftiges Verlangen dahin zu gehen und mit eigenen Augen diese Wunderdinge zu schauen. Die Königin aber sagte, als sie seine Absicht vernahm: »Dahin zu gehen thut nicht Noth, sondern vielmehr durch fünf Königreiche zu fahren, wo die elf Männer am Tische sitzen, deren Arme bis zum Ellenbogen goldfarben und deren Beine bis zum Knie silberfarben sind[61]; diese Dinge sind viel wunderbarer.« Dennoch nahm sich der König vor, zur Insel zu fahren um das zu sehen, wovon die Schiffsleute ihm erzählt hatten. Die Königin aber widersetzte sich hartnäckig und wollte den König nicht ziehen lassen; dagegen sagte der König: »Bis heute habe ich zweimal auf euren Widerspruch gehört, aber länger habe ich nicht Lust nach eurer Pfeife zu tanzen, sondern will nun das dritte Mal meinen Willen durchsetzen. Uebrigens sind ja alle eure Angaben falsch gewesen; ich bin überall hingegangen, wohin ihr mich gehen hießet, habe aber nirgends auch nur eine Nagelspitze von den gerühmten Wunderdingen gefunden.«
Als der Königssohn diese Rede vernommen, eilte er nach Hause und erzählte seiner Mutter was er gehört hatte und fragte wo jene elf Männer wohl sein könnten. Die Königin muthmaßte sogleich, wie es sich mit den elf Männern verhalte, deßwegen buk sie drei Kuchen; zwei derselben knetete sie mit Milch aus ihrer Brust, in den Teig des dritten aber that sie Gift. Dann unterwies sie ihren Sohn folgendermaßen: »Verfüge dich in Gestalt einer Stecknadel auf die Schwelle der Thür, wo die elf Männer zu Tische sitzen, und warte bis der Hausherr aus der andern Kammer kommt und sich oben am Tische niedersetzt. Wenn sie nun im Begriff sind die Mahlzeit zu beginnen, dann verwandle dich in einen Mann und tritt zu ihnen ein, grüße sie ehrerbietig und biete ihnen deine Kuchen als Gastbrot an. Den Kuchen mit dem Gifte reiche dem Hausherrn ganz, die beiden andern brich in elf Theile, lege jeglichem ein Stück auf den Tisch und lade sie ein, das Gastbrot zu essen.« Der Sohn vollführte Alles wie die Mutter ihm aufgetragen hatte. Der Hausherr aß zuerst von seinem Kuchen, aber sowie er einen Bissen hinunter geschluckt hatte, barst er mitten von einander[62]. Die jungen Männer erschracken sehr und fragten einander: was hat dieser schlimme Vorfall zu bedeuten? Der Königssohn aber forderte sie auf, nur dreist zu essen. Doch keiner hatte den Muth von dem Kuchen zu kosten, vielmehr sagten sie: »Iß du zuerst, so wollen wir dann auch essen.« Er nahm jetzt ein Stück von dem Kuchen, aß und die andern aßen nach ihm. Nach dem Essen bat er seine Brüder sich zu Gast. Die Brüder fragten: »Auf welche Weise sollen wir gehen? In Gestalt von Pferden oder in menschlicher Bildung?«
Er aber unterwies sie: »Laßt uns als Tauben dahin fliegen.« So geschah es auch und binnen kurzer Zeit langten sie an.
Am andern Tage nun kam auch der König zur Insel um die Wunderdinge zu schauen, von denen er vernommen, und er fand sie alle ganz so wie man ihm berichtet hatte. Zuletzt trat er auch in das Haus, in welchem seine verstoßene Frau wohnte, die ihm schon auf der Schwelle freundlich grüßend entgegenkam. Der König aber erschrack im ersten Augenblicke heftig und wußte nicht was er von der Sache denken sollte, ob ein Schattenbild der Frau oder ob sie selber leibhaft vor ihm stehe. Da sagte die Frau mit holdseliger Rede: »Hier stehen meine zwölf Söhne so wie ich sie zur Welt gebracht habe, und nicht als die jungen Hunde, welche euch gezeigt wurden.« Jetzt kam auch der wunderthätige Alte und erklärte dem Könige umständlich, wie sich Alles begeben und wer die Kinder vertauscht habe.
Am andern Morgen fuhr der König mit seiner Frau und seinen zwölf Söhnen heim, versteckte sie aber an einem verborgenen Orte und ließ sämmtliche Oberrichter zusammenkommen, auch seine gegenwärtige Gemahlin mußte unter ihnen Platz nehmen. Dann erzählte der König, was neuerdings einen geringen Mann betroffen habe, welches Unrecht man ihm zugefügt habe und daß ein naher Blutsverwandter als der Hauptschuldige da stehe. Noch ehe die Richter den Mund öffnen konnten, rief die Königin mit zorniger Stimme: »Einem solchen Uebelthäter gebührt kein besserer Lohn, als daß man ihn in eine große Tonne legt, welche inwendig mit eisernen Stacheln versehen sein muß, und daß man die Tonne so lange rollt, bis die scharfen Stacheln ihm das Fleisch von den Knochen herunter gerissen haben und er unter großen Schmerzen den Geist aufgiebt. Seine Helfershelfer müssen von Pferden auseinander gerissen und ihre Glieder auf's Rad geflochten werden.« Die Richter billigten einstimmig den Ausspruch der Königin.