Der Mann fand, als er nach Hause kam, die Frau an der Seite des Kindes ruhig im Bette schlafen, er weckte sie indeß nicht, um sie über ihren nächtlichen Gang auszufragen, sondern ging vor Gericht, wie der Weise gewollt hatte. Die Frau wurde vorgefordert. Sie weigerte sich Auskunft darüber zu geben, wo sie vergangene Nacht gewesen sei, wollte auch nicht gestehen, wo sie früher als Kind sieben Jahre lang sich verborgen gehalten, und sagte nur: Meine Seele ist schuldlos, mehr kann ich nicht sagen. Auch später wollte sie ihr Geheimniß nicht verrathen, so daß endlich der Spruch gefällt wurde: das Weib ist eine Hexe, ein Wärwolf und sonstige Uebelthäterin, deßhalb muß sie den Feuertod sterben. Es wurde dann ein großer Scheiterhaufen errichtet, an welchen man das arme Weib festband, worauf er angezündet wurde. Als aber die Flamme eben aufloderte, fiel so dichter Nebel, daß man die Hand vor Augen nicht sehen konnte[8]. Als später die Sonnenstrahlen den Nebel aufsogen, fand man den Scheiterhaufen noch unversehrt, das Weib aber war nirgends zu finden, es war als ob sie im Nebel zerflossen wäre. — Des Nebelberges König hatte sie gerettet.

Wiewohl nun Tiu jetzt auf dem Nebelberge gute Tage hatte, so fand ihr Herz doch keinen Frieden, sondern sehnte sich nach dem zurückgebliebenen Kinde. Hätte ich mein Töchterlein hier — so seufzte sie oft — dann könnte ich glücklich leben, so aber ist das halbe Herz immer bei dem Kinde im Dorfe, und die andere Hälfte lebt in Trauer. Des Nebelberges König errieth ihre geheimen Gedanken und ließ einst bei Nacht das Töchterlein aus dem Dorfe zur Mutter bringen. Da waren beide, Mutter und Tochter, vollkommen glücklich und sehnten sich nach nichts mehr. Die Dorfleute und der Mann glaubten, daß die, in einen Wärwolf verwandelte Frau das Kind bei Nacht fortgenommen habe. Der Mann freite eine andere Frau, aber weder seine eigene Wirthschaft noch die der anderen Höfe nahmen so guten Fortgang wie sonst; allsommerlich litten sie Schaden durch Dürre, das Getreide und Gras verdarben, weil der erfrischende Nachtthau nicht auf den Strich fiel, den die Leute bewohnten. Des Nebelberges König war zornig darüber, daß sie sein Pflegekind hatten umbringen wollen.

3. Die schnellfüßige Königstochter.

Es war einmal eine sehr schöne und schmucke Königstochter, die aller Orten berühmt war, denn es kamen gar viele Freier zu ihr, von Morgen und Abend, von Mittag und Mitternacht her, so daß oftmals die ganze Woche durch der Hof von den Pferden der Bewerber nicht leer wurde. Aber das Freien ward den Männern nicht so leicht wie unseren Zeitgenossen, die, wenn sie auch manchmal an einem Morgen vor sieben Thüren anklopfen müssen[9], doch dabei den Hals nicht verlieren. Mit der schmucken Königstochter war das aber anders und es durfte keinen Freier, der seine Bewerbung anbringen wollte, an gehörigem Muthe fehlen. Die königliche Maid hatte nämlich sehr schnelle Füße, und darum ihrem Vater fest versichert, sie werde nicht eher heirathen, als bis sie einen Freier fände, der eben so schnellfüßig sei, so daß er mit ihr nicht nur um die Wette, sondern ihr auch noch ein Stück vorbeilaufen könne. Nun, das hätte weiter nichts geschadet, wenn mit dem Wettlauf nicht noch eine andere Bedingung verbunden gewesen wäre, nämlich, daß jeder Freier, dessen Schritte die der Jungfrau nicht überholen könnten, sofort sein Leben verlieren sollte. Wohl muß man sich wundern, daß trotzdem immer noch junge Männer von vornehmer Geburt sich fanden, welche das gefährliche Wagestück unternahmen, obgleich noch keiner einen besseren Lohn erhalten hatte als den, daß sein erstarrter Körper um einen Kopf kürzer gemacht wurde. Die abgehauenen Köpfe wurden dann jedesmal, gleichsam ihnen selbst zum Spott und andern zum Schrecken, auf lange Stangen vor des Königs Behausung aufgespießt. Mancher kluge Mann mochte nun wohl meinen, daß in den auf ihren Stangen steckenden Köpfen doch nicht viel Hirn und Witz gewesen sein könne, da sie thöricht genug gewesen, ihre Haut so billig zu Markte zu tragen. Aber dergleichen kluge Leute vergessen, daß manchem jungen Manne das feurige Blut die ruhige Besinnung aufzehrt. Man erlebte nun freilich, daß die zur Abschreckung aufgesteckten Köpfe die gute Wirkung hatten, das unaufhörliche Zuströmen von Freiern zu verringern, daß sie auch manchen Ankömmling vor der Pforte noch zur Umkehr bewogen, ehe er das Glücksspiel versuchte. Gleichwohl stellte sich immer noch von Zeit zu ein und der andere Thor ein, der nicht wieder nach Hause kam, sondern seinen Kopf den Raben zum Futter ließ.

Jetzt hatten schon so lange keine Hufe von Freier tragenden Rossen den Weg zum Königssitze gestampft, daß die Leute schon anfingen zu hoffen, diese unsinnigen Fahrten würden gar nicht mehr vorkommen, als mit einem Male ein von Sehnsucht getriebener Königssohn aus weiter Ferne her sich abermals auf den Weg machte. Dieser Freier war aber ein gar schlauer Mann und hatte deshalb schon daheim ein paar Jahre oder noch länger seine Beine täglich im Laufen geübt. Jetzt verstand er seine Sache aus dem Grunde, denn in dem ganzen Königreiche, welches sein Vater beherrschte, war unter Männern und Weibern Niemand, den der Königssohn nicht im Lauf überholt hätte. Wenn er trotzdem mit Kutsche und Pferden auf die Freite fuhr, so wollte er einmal dadurch den Leuten seinen Reichthum zeigen, und dann auch seinen Beinen Ruhe gönnen, damit sie nicht noch vor dem Wettlauf ermüdeten. Einen halben Scheffel Gold nahm der Jüngling für die Wegekost mit; dasselbe wurde, als wäre es ein Hafersack, hinten auf der Kutsche festgebunden. Der Königssohn war auf seiner Freierfahrt noch nicht weit gekommen, da sieht er von weitem ein Menschenbild im Fluge herankommen, wie von Vogelfittigen getragen und nach wenig Augenblicken saust auch der Schnellfuß wie der Wind an der Kutsche vorbei. »Halt still, halt still!« schreit der Königssohn aus Leibeskräften, damit das Ohr des Windfüßigen es vernehme. Alsbald hält der Mann seinen Lauf an und bleibt stehen, um zu hören, weshalb er gerufen wird. Da erst wird der Königssohn gewahr, daß dem Läufer an beiden Füßen ein Mühlstein hängt. Dieser seltsame Umstand läßt die Laufkraft des Mannes in des Königssohn Augen noch gewaltiger erscheinen, darum fragt er: »Weshalb hast du die Mühlsteine an den Füßen?« »Meine Füße würden sonst im schnellen Laufe nicht am Boden haften«, erwidert der Mann — »und ich könnte unversehens wer weiß wohin gerathen, wenn die Füße keine schwerere Last zu tragen hätten als bloß den Körper.«

Der Königssohn denkt alsbald, einen solchen Mann könnte ich in Dienst nehmen, wer weiß wie die Sache geht, vielleicht kann ich einen Stellvertreter zum Wettlauf stellen, falls ich selber nicht gewiß wäre durchzukommen. »Hast du nicht Lust in meinen Dienst zu treten?« fragte er den Mann. »Warum nicht, wenn wir Handels einig werden. Was versprecht ihr mir denn für Lohn?« Der Königssohn erwidert: »Alle Tage frisches Essen und Trinken, soviel dein Herz begehrt, schöne vollständige Sommer- und Winterkleidung und einen Stof[10] Gold als Jahreslohn.«

Der Mann war damit zufrieden und der Königssohn hieß ihn sich hinter der Kutsche auf den Goldsack zu setzen. »Wozu?« fragte der Mann. »Glaubt ihr, daß eure Pferde schnellere und stärkere Beine haben als ich? Seid unbesorgt, ich werde ihnen immer voraus sein.« So zogen sie denn weiter.

Nach einer Weile sieht der Königssohn einen Mann am Wege sitzen, der eine Flinte an die Wange gelegt hatte, als ob er auf irgend einen Vogel ziele. Aber wie scharf auch der Königssohn und seine Diener nach allen Seiten hin spähten, sahen sie doch weder auf der Erde noch in der Luft irgend etwas, worauf der Schütze hätte zielen können. »Was thust du da,« fragte der Königssohn. Der Schütze wies mit der Hand, als wollte er zu verstehen geben, sprecht kein Wort, ihr verscheucht mir den Vogel. »Was machst du da?« fragt der Königssohn zum zweiten, und als keine Antwort erfolgte zum dritten Male. »Seid still«, sagte der Schütze mit leiser Stimme, »bis ich euch Antwort gebe, ich muß erst den Vogel herunterschießen.« Nach einem Weilchen ließ sich ein Paff hören, worauf der Schütze sogleich aufstand und also sprach: »Ich habe den Vogel, jetzt kann ich euch Antwort geben. Schon eine Weile kreiste eine Mücke um den Thurm der Stadt Babylon und wollte sich auf den Thurmknopf niederlassen; ich konnte das aber nicht dulden, denn die Mücke ist zehn Liespfund schwer, sie hätte die feine Knopfspitze beschädigen können, deshalb schoß ich den Feind nieder.« Der Königssohn fragt verwundert: »Wie kannst du denn so weit sehen?« — »Was für eine winzige Weite ist das«, lacht der Mann, »mein Auge reicht viel weiter.« »Wartet ein wenig,« ruft der schnellfüßige Läufer dazwischen, »ich will hin und sehen, ob der Mann aufgeschnitten, oder die Wahrheit gesagt hat.« Mit diesen Worten war er auf und davon wie der Wind, und nach einigen Augenblicken hatte ihn der Königssohn aus dem Gesicht verloren.

Einen solchen Schützen könnte ich wohl auch einmal irgendwo brauchen, denkt der Königssohn und geht sogleich daran, den Vertrag abzuschließen. »Willst du zu mir als Diener kommen?« fragt er den scharfsichtigen Schützen. »Warum nicht«, erwidert der Mann, »wenn wir Handels einig werden können. Was versprecht ihr mir als Löhnung?« Der Königssohn sagt: »Täglich frisches Essen und Trinken, soviel das Herz begehrt, vollständige schöne Kleidung für Sommer- und Winterbedarf, und einen Stof Gold als Jahreslohn.« Der Schütze war damit einverstanden, und eben langte auch der Schnellfuß wieder von Babylon an, auf dem Rücken die heruntergeschossene große Mücke, die ihm gar nicht lästig war. Der scharfsichtige Schütze setzte sich hinter der Kutsche auf den Goldsack und man fuhr wieder weiter.

Sie waren noch nicht viel weiter gefahren, da sah der Königssohn, der, wie kluge Leute pflegen, Augen und Ohren überall hatte, am Wege einen Mann, der auf der Erde lag und das Ohr an den Boden hielt, als wollte er erlauschen; des Mannes Ohr war röhrenförmig gestaltet und drei Klaftern lang. »Was machst du da?« fragte der Königssohn. Der Horchende erwiderte: »In der Stadt Rom sind gerade jetzt fünf Könige versammelt, die heimlich über einen Krieg rathschlagen; ich wollte nun eben hören, ob der Krieg auch uns berühren wird.« Der Königssohn fragte verwundert: »Wie kannst du in so weiter Ferne hören?« Der Mann erwiderte: »Das ist nun gerade nicht weit, mein Ohr reicht noch weiter, es kann wohl kaum irgendwo auf der Welt etwas gesprochen werden, was nicht an mein Ohr dringen würde, wenn ich anders Lust hätte, von allem leeren Weibergeschwätz Kenntniß zu nehmen.« Der Königssohn dachte gleich bei sich, wer weiß ob eines solchen Mannes Beistand nicht manchmal nöthig werden kann, und fragte den Ohrenmann: »Hättest du nicht Lust in meinen Dienst zu treten?« »Warum nicht — erwiderte der Ohrenmann — wenn wir Handels einig werden. Was versprecht ihr mir denn zum Jahreslohn?« Der Königssohn gab zur Antwort: »Täglich frisches Essen und Trinken, soviel dein Herz begehrt, vollständige schöne Kleidung und einen Stof Gold jährlichen Lohn.« Der Ohrenmann war damit sehr zufrieden, worauf der Handel geschlossen wurde. Der Mann drehte seine lange Ohrröhre zusammen, damit sie den Boden nicht berührte, setzte sich neben dem Scharfsichtigen auf den Goldsack hinter der Kutsche und so fuhren sie weiter.