E lisabeth von Stein-Birkheim saß mit ihrer Mutter am Fenster eines Genfer Hotels.
Die edlen Profile der aristokratischen Damen hoben sich in der Beleuchtung des späten Nachmittags deutlich hervor. Beide Langköpfe glichen einander in der graden Stirn und Nase und ebenso in der Knotung der schweren Haare. Nur war die alte Dame silberhaarig, die junge dagegen von einem matten Rotblond; und dem bleichen, etwas gelblichen Antlitz der zurückgelehnten Kranken entsprach auf der andren Seite die zartrosige Gesichtsfarbe der immer grade sitzenden Elisabeth.
Sie hatte aus einem Roman des Franzosen Romain Rolland vorgelesen, der sich durch sonnige Stimmung abhebt von den üblichen Erzeugnissen dieser Art. Aber die Damen hatten dabei festgestellt, daß ihr Französisch ziemlich verblaßt war; Elisabeths lange und feine Hand hatte mit störender Häufigkeit das Taschenlexikon befragen müssen. Nun griff sie wieder zu ihrer Stickerei und gestand ihrer Mutter, daß sie sich jetzt erst wieder auf vertrautem Boden fühle.
In läßlichem Geplauder gingen einige Minuten vorüber. Dann schlug Frau von Stein plötzlich ein Gespräch an, das scheinbar ohne Zusammenhang mit dem Vorausgehenden in der Luft hing.
„Ich muß mich immer wieder verwundern,” sprach sie in ihrer vornehm gedämpften und ziemlich kühlen Art, „wie es dieser Phantast Ingo so lang im Ausland, in Frankreich oder wo er sich sonst herumtreibt, aushalten mag. Er scheint doch von der hübschen Trotzendorff mehr als schicklich engagiert zu sein.”
Die betagte Dame sprach mit einer etwas dünnen, spröden, vor Alter und Gebrechlichkeit leicht zitternden Stimme; und sie sprach sehr langsam und bedächtig, fast ein wenig geziert.
Elisabeth gab zunächst keine Antwort; denn da war eine wehe Stelle, die bei der leisesten Berührung empfindlich schmerzte.
Dann aber äußerte sie leichthin:
„Laß du ihn nur ganz ruhig auf seinen Meeren fahren, Muttchen! Er wird sich schon einmal wieder an Land finden.”