„Über diesen Ingo von Stein werd' ich mich mit dir schwerlich jemals verständigen, Elisabeth”, schloß die alte Dame etwas verdrießlich die Unterhaltung über diesen Gegenstand. „Du hast ja schon als Kind immer zu ihm gehalten. Und heute noch stellst du dich wie ein Engel mit dem Schwert neben ihn, sobald man diesen absonderlichen Herrn ein wenig zu kritisieren wagt. Und dabei hat er doch wahrlich nicht schön an dir gehandelt.”

„Laß das, Muttchen!”

Eine stärkere Röte stieg in Elisabeths Schläfen empor. Sie preßte die Lippen aufeinander, entschlossen, auf das Gespräch nun nicht mehr einzugehen. Die Mutter kannte diesen Zug und schwieg. Und so hatte sie Zeit, an den Geliebten zu denken, den diese Unterhaltung wieder heraufbeschworen hatte. Sie ertappte sich plötzlich auf der sinnlich-süßen Vorstellung, wie innig und närrisch er doch zu küssen und zu kosen verstand, nicht nur ihren Mund, auch ihre Ohrläppchen und andre Lieblingsstellen, wenn er einmal so recht in der Narrheit drin war. Ihr selbst war eine passive, aber zähe Sinnlichkeit eigen; sie preßte ihn in ihre starken Arme, als wollte sie ihn nie mehr fortlassen, und ließ mit Wonne seine phantasiereichen Koseworte über sich herabrieseln, als hätte sich der Himmel geöffnet und Jupiter besuchte seine Geliebte in Form eines Goldregens. Der Geliebte war oft stürmisch, doch niemals roh; aber oft auch zornig, weil „der Stein nur Stein umarme”!

Und da wurden ihre Gedanken düster und wurden sehr beschattet. Denn hier fing das Leid ihrer Trennung an. Sie war gegenüber seinen sturmhaft-närrischen Einfällen und Zärtlichkeiten zu schwerfällig, zu unerfinderisch, während ihm Genialität aus allen Poren sprühte und dann unbefriedigt und verdrossen wieder erlosch.

Dies alles, oft schon durchdacht, zog wieder einmal durch Elisabeths reifes und tiefes Gemüt.

In einem der letzten Briefe hatte er ihr damals geschrieben, er sei in der umgekehrten Lage als jener griechische Bildhauer: „während jener Glückliche die schöne Statue lebendig geküßt hat, wirst Du unter meinen Küssen immer mehr zur schönen Statue”. Oh, sie wußte diese Briefstellen auswendig! „Hast Du je um Deinen Geliebten gekämpft? Hast Du nicht immer bequem gewartet, bis er zu Dir kam? Hast Du je eine kühne, meinetwegen unschickliche Fahrt gewagt, wenn Du ihn in seelischer Not wußtest?” So stand in jenen letzten Briefen. „Du bist reinlich und ruhig, höflich und herzlich; aber Dir fehlt Phantasie und Philosophie, Du bist schwer, statt schwungvoll.”

„Ja, das ist alles wahr”, dachte Elisabeth in immer erneuter Beschämung. „Und was ich ihm nicht geben konnte, das hat ihm dann jene Frau gegeben.”

Es stieg ihr siedend heiß das herbste und letzte seiner Zornworte in der Erinnerung empor; auf sein letztes Buch, das er ihr mit langem Brief gesandt, hatte sie nur in der ihr eigenen konventionellen Kürze geantwortet: das Buch wäre recht „nett”, und sie danke schön dafür. Da brauste er aber heftig auf. „Ich sende Dir mein Herzblut — und Du findest es nur nett?! Abscheulich Wort! Pfui, schäm' Dich!”

Ja, sie schämte sich. Elisabeth schämte sich bitterlich. Das war sein letzter Brief gewesen. So hatten sie sich verloren. Weil sie zum Mitfliegen zu lässig und oberflächlich war. Aber inzwischen hatte Elisabeth in Pommern drei aufrüttelnde Lehrjahre durchgemacht. Jetzt glaubte sie Ingos Bücher und Briefe zu verstehen; und sie gab ihm recht in allem, sich selber die Schuld aufbürdend und für ihn betend jede Nacht ...

Es pochte.