Ingo erbleichte.

Dann schoß eine jähe Blutwelle in sein Gesicht zurück, als er nun so vor Tante Adelheids prüfend ruhigen Blicken gefesselt auf seinem Stuhle saß.

„Wieso denn?” fragte er tonlos.

„Sie haben in Ihrem Verhältnis zu Elisabeth immer vor uns andren Versteck gespielt; und auch sie selber hat in ihrer verschwiegenen Art nie ein Wort darüber geäußert. Es ist ein merkwürdiges und im Grunde seelisch einsames Mädchen; sie hat in tieferen Dingen keine einzige Vertraute — nicht einmal mich,” setzte sie lächelnd hinzu, „die ich doch so gern Beichtmutter bin. Uns schien damals zwischen Ihnen beiden ein heimliches Verlöbnis zu bestehen — nun, man hat so dies und jenes beobachtet. Aber dann entferntet ihr euch wieder voneinander. Das mag ja nun sein, wie es will, aber man kann doch in Güte aneinander denken und auch nach aufgehobener Verlobtheit oder Verliebtheit einander Freundlichkeiten erweisen, besonders einem so vortrefflichen Menschenkinde wie dieser selbstlosen, viel zu viel nur für andre lebenden Elisabeth. Einem solchen Kindergemüt Tränen auszupressen — Ingo, darauf kann kein Segen ruhen!”

Ingo war bestürzt.

„Tante Adelheid,” sprach er endlich, „Sie sprechen nur von Elisabeth und was ich ihr etwa angetan haben könnte. Für mich als Mann schickt es sich wohl nicht, von etwaigen eigenen Leiden zu sprechen und von dem, was ich selber gelitten habe durch Elisabeths sprödes, unergiebiges Naturell. Das ist eben Schicksal. Da kann ein Dritter schwerlich hineinschauen.”

„Danke!” erwiderte Fräulein von Stein kaltblütig. „Sie setzen mir also den Stuhl vor die Türe. Nun, immerhin habe ich in den letzten Jahren tiefer in das Wesen dieser edlen Mädchenseele hineingeschaut als wahrscheinlich ein gewisser anderer, der im Ausland Studien machte. Sie haben zu viel an der Peripherie gelebt, Ingo. Aber leidende und liebende Menschenherzen gibt es auch in der Heimat; Heroismus und Größe gibt es auch im Inland. Man braucht kein Spießbürger zu werden und kann doch mit seinen Mitbürgern in Herzensfühlung bleiben — nämlich als ein Schenkender, lieber Ingo. Ich appelliere also an Ihre Großmut, wenn sonst andres Sie nicht bei uns festhalten kann, bei uns hier in Ihrem deutschen Vaterland. Hier ist der Punkt, mein Herr Neffe, auf den ich hinauswill. Reisen Sie, heimsen Sie Garben in Ihre Scheunen — dann aber muß der Zeitpunkt kommen, wo Sie Ihre Frucht dreschen und in die Mühle bringen. Eine Menge Freunde haben Sie sich draußen erworben — aber Sie sind im Begriff, alte Freunde zu verlieren, und darunter die wertvollste von allen, diese innerliche Elisabeth!”

Ingo sprang abermals auf. Wie immer, wenn ihn etwas stark bewegte, schritt er im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gesenkt.

„Sie haben recht! Tante Adelheid, Sie haben tausendmal recht! Und doch — und doch — —”

Tante Adelheid nahm inzwischen, mit der ihr eigenen Bedächtigkeit, die Brille aus dem Futteral, setzte sie auf und suchte unter einem Stoß von Papieren einige zusammengebundene Briefe hervor.