Am leidenschaftlichsten und tiefsten empfunden war der Brief seiner Elisabeth. Sie ging mit kurzer und stolzer Wendung über Leroux hinweg; sie erzählte ihren Besuch bei der Kranken in München, die jetzt wieder am Fenster saß; sie bat ihn, nie an ihrer einzigen, ersten und letzten Liebe zu zweifeln. Und sie, die spröde, bat um seine genaue Adresse; sie werde sofort zu ihm reisen und Auge in Auge Schmerz und Mißtrauen zerstreuen, denen er ohne ihre Schuld zum Opfer gefallen.

In ungewohnter ernster Kürze schrieb Frau Friederike:

„Es ist Zeit, lieber Ingo, daß wir alle unsren festen Platz wählen. Ich habe ein Vorgefühl, wenn ich Richards Briefe richtig deute, als ob unsrem ganzen Europa eine Titanic-Katastrophe bevorstehe. Da fällt alles Schwärmerische und Unechte ab, und es bleibt bestehen Wahrhaftigkeit und Liebe, jene Liebe, die zugleich Güte und Treue ist. Laß uns zusammenhalten wie bisher, lieber Freund, aber Elisabeth soll mit in unsrem Bunde sein. Messe Dir Dein Land ab, richte Dein Haus ein, Deine Lehr- und Wanderjahre sind vorüber. Und bleib gut Deinem Kameraden Friedel!”

Ingo schaute in die fahlen Horizonte, in die Heerscharen, die dort um Deutschland gelagert schienen.

Dann wandte sich sein Blick zu dem üppig-starken Baum- und Graswuchs, der von allen Seiten Hainstein und Wartburg in schimmernder Schönheit umgrünt. Wie weich und voll die Wipfel, wie anschmiegsam die Wiesen, und schlank darüber der Bergfried mit dem Kreuz!

Die Fenster des Pallas mit den edelgeschwungenen romanischen Bogen standen offen. Die Burg war jetzt gefüllt mit Uniformen und hohen Zivilisten. In jenem Mittelbau dort, vor dem Sängersaal, waren die schön getäfelten, behaglich-vornehmen Gemächer des Kaisers und des Großherzogs belebt. Unter den geladenen Gästen wandelte mit dem weimarischen Burgherrn Seine Majestät der deutsche Kaiser.

Major von Trotzendorff, ganz Uniform und geschwellte Mannesbrust, holte den Freund ab.

Eine halbe Stunde später bewegten sie sich selber im Farbenspiel des festlichen Gewimmels.

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Im zweiten Burghof, wo Waldgrün die Farbe der Landschaft bestimmt, stand alles im Zeichen der Jagd. Fast jedermann trug Weidmannsuniform. Der Verkehrston war bei aller Gehaltenheit ungezwungen, wenn auch gedämpft durch die lästige Gewitterschwüle.