Sechstes Kapitel
Die Verlobung
O brich nicht, Steg! du zitterst sehr.
O stürz nicht, Fels! du dräuest schwer.
Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein,
Eh' ich mag bei der Liebsten sein!
Uhland
A us dem dröhnenden Geräusch der spanischen Hafenstadt Barcelona hebt sich das vornehme Villenviertel am Gebirgszug Tibidabo empor und sucht reine Luft.
Dort klettert die Straße, die nach einem katalonischen Dichter den Namen führt, die Calle Muntaner, mit starker Steigung bergan.
Auf der Terrasse eines prächtig unterhaltenen Gartens voll immergrüner Gewächse standen dort die beiden Mozart-Mädchen.
Hier aber war die Stimmung anders als auf dem leichten Riviera-Hügel. Die zwei jugendlichen und schönen Geschöpfe lachten nicht aus ungezwungenen Matrosenkleidchen in eine heiter-natürliche Welt; sie waren vielmehr eingenäht in nagelneue, steif knisternde Festkleider. Und hinter ihnen ragte mit strengem Stolz Schallers große Villa, ein viereckiger Bau mit flachem Dach, einem Kastell nicht unähnlich.
Um sie her aber prangte der balsamisch duftende Garten, planvoll gefüllt mit Palmen, Orangenbäumchen, Zitronen und andren Stauden und Spalieren des halbtropischen Klimas. Zu ihren Füßen funkelte abendschön die laute, energische, menschenvolle Stadt; in der Ferne glühte blendend das Meer; zur Rechten sahen sie den schräg ansteigenden und steil abfallenden Festungsberg Montjuich den Hafen bewachen. Hinter ihnen, auf den Höhen, waren Pinien rötlich angeglüht von der sinkenden Sonne, und wie Minarets winkten dazwischen fremdartige Türmchen.