„Bei uns Elsässern, die wir Verwandte in Frankreich haben und morgen vielleicht wieder französisch werden — —”
„Aha, damit rechnen Sie also?! Glauben Sie denn wirklich, Deutschland werde das mit so viel Blut erkaufte Elsaß je wieder herausgeben? Gestatten Sie mir einmal in allem Ernst die Frage: Möchten Sie wieder französisch werden?”
Madame Frank-Dubois zögerte; sie hatte sich nie viel mit diesen Dingen beschäftigt; sie machte eben mit, wie es in ihren Kreisen guter Ton schien.
„Französisch werden?” wiederholte sie gedehnt. „Das nun grade nicht. Das würde doch wohl wirtschaftliche Störungen mit sich bringen. O nein, das eigentlich nicht! Nur — —”
„Nur eben auch nicht deutsch, nicht wahr?” lachte Stein. „Also weder Fisch noch Fleisch! Elsässer — weiter nichts! O weh, wie würd' ich Ihr schönes Land bedauern, wenn es ein Zwitterding würde wie Luxemburg! Wissen Sie übrigens, daß auch ich elsässisches Blut in den Adern habe? Eine meiner Urahnen war aus dem oberelsässischen Adel und hat nach Thüringen geheiratet. Sehen Sie, damals sperrten sich die Elsässer nicht ab!”
„Das sag' ich ja auch,” erwiderte Madame Frank-Dubois und atmete auf, denn es war ihr bei diesem Gespräch nicht behaglich gewesen, „drum geb' ich ja auch meine Tochter einem — —”
Hier klopfte Herr Schaller, der besorgt in diese Politik herübergelauscht hatte, hell und unternehmend ans Glas; und die erglühende Martha senkte den Kopf. Er erhob sich in seiner ragenden Größe und stemmte das Monokel ins Auge; sein kühnes und festes Herrengesicht glänzte wie die Rose in seinem Knopfloch; der studentische Schmiß glühte doppelt keck in der vielfarbigen Beleuchtung der Lampions. Die Saitenmusik schwieg; das Tischgespräch ging über in erwartungsvolle Stille.
„Meine Damen und Herren,” sprach er auf deutsch, übersetzte aber sogleich jeden Satz mit eleganter Handbewegung ins Spanische, „die erste Überraschung des Abends bestand darin, daß ich Ihnen einen geistreichen Idealisten, den ich schätze und beneide, heute abend zugeführt habe.” Er winkte mit leichter Verneigung dem Baron zu. „Ich für mein Teil pflege offen meinen Realismus zu bekennen, denn ich mache gar kein Hehl daraus, daß mir der Sperling in der Hand lieber ist als die Taube auf dem Dache. Noch lieber ist mir die Taube in der Hand als der Sperling auf dem Dache. Und ich bin in der glücklichen Lage, Ihnen sagen zu dürfen, daß ich ein Täubchen gefangen habe, eine schöne weiße Taube, die fortan meine Arche Noah über den Ozean des Lebens geleiten wird. Meine Herrschaften, gestatten Sie mir, Ihnen meine Braut vorzustellen, Fräulein Martha Frank-Dubois!”
Erstaunte Stille — dann ein brausendes Hoch in allen drei Sprachen von allen Seiten des langen Tisches und der wunderlich gemischten Gesellschaft! Es war ein Knalleffekt! Man hatte geahnt, man hatte getuschelt; aber nur wenige waren auf die deutliche Tatsache gefaßt gewesen. Alles drängte nun zu dem Brautpaar heran, Gläser klangen, Glückwünsche flogen, Umarmungen fluteten über die Braut herab; und mehr als ein Tropfen des köstlichen Getränkes spritzte auf Tisch und Teppich.