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Neben diesem Phantasieleben vernachlässigte der Gralsucher nicht seine wissenschaftlichen Studien.
Er hatte sich die neuesten Schriften über die Gralsage beschafft, kannte die Forschungen des Indologen Schröder und seines Schülers Junk und deutete mit den Sprachforschern den Namen Perceval als Becherfinder — sich selber und sein Suchen mit diesem Parzival verbindend. Denn ihn fesselten auch wissenschaftliche Spürungen nur so weit, als er sie in seelisches Erlebnis umwandeln konnte. Diese Gralsmythe, wobei die Zahl zwölf von Bedeutung scheint, führte den Spielmann zum Durchdenken des Zahlenspiels, das sich in Mythus, Märchen und Symbolik so gern und mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit wiederholt: die zwölf Jahresmonate, die zwölf Tierkreiszeichen, die zwölf Apostel, die zwölf Stämme der Israeliten; die sieben Rosen am Rosenkreuz, die sieben Wochentage, die sieben Brüder im Märchen, die Siebenzahl im Rhythmus des menschlichen Lebens, von der Pubertät mit zweimal sieben Jahren bis zum biblischen Normalalter mit der zehnfachen Sieben. Hier ahnte der Musiker Harmonien und geheime Gesetze. Der ganze Kosmos mit seinen Sonnen, Planeten und Kometen schien ihm ein gewaltiger Körper mit genau geordnetem Blutumlauf. Und er landete schließlich, sonderbar genug, bei einer Betrachtung der alten Cheopspyramide, über die er sich einen Aufsatz in seine Gralsschriften gelegt hatte, und ihrer unlösbaren großzügigen Zahlenrätsel.
Das ließ in ihm die Vermutung aufsteigen, daß eine geheime Überlieferung großer Grundgesetze des Lebens durch die Menschheit gehe, bald hier und bald dort in wechselnden Symbolen und Denkformen auftauchend. Kaum war ihm dieser Gedanke wahrscheinlich geworden, so blitzte in seinem rastlos schaffenden Geiste ein Gefühl der Möglichkeit auf, in welcher Weise die vorchristliche und die außerkirchliche Denkrichtung durch diesen Strom der Geheimlehre mit dem Wesentlichen des Christentums versöhnt werden könnte. Ihn hatte das kirchliche Dogma von Sünde, Buße und dem leidigen Marterholz nie im Tiefsten zu erschüttern vermocht; ein Bußetun in Sack und Asche und die breite Ausmalung der Marterungen Christi schien ihm eine Verzerrung der Menschenwürde und des Seelenadels. Nicht zwar die Tatsache der Reuestimmung selber focht er an und noch weniger die Größe der Opfertat auf Golgatha, jener geheimnisvollen Vermischung göttlichen Blutes mit den Lebensfluten der Erde, wohl aber ihre plastische Herausstellung auf allen Wegen und Stegen. Es gab vielleicht eine derbsinnliche Zeit der Unreife, die das brauchte, wie das Mittelalter seine derben Folterinstrumente; aber ihm schien, als ob hier ein Schematismus die Herrschaft gewonnen habe, ihm schien, als ob die ersten Christen viel mehr den auferstandenen, segnenden, emporziehenden Christus liebeswarm und lebensvoll empfunden hätten. Hier nun, im leuchtenden Symbol des Grals und im anmutig-tiefen Sinnbild des Rosenkreuzes, stellte sich ihm herzliche Ergriffenheit her; sein Schönheitssinn wurde zugleich mit dem ernsten Grundton seiner Seele in Schwingung versetzt. Und so war er verstehend auch mit jenen Mystikern gegangen, die einst gleichzeitig am Rhein entlang religiöse Grundgefühle neu belebt hatten: Seuse, Tauler, Eckehart und Ruysbroeck. Es war poesievolle Frommheit, die bereits in Franz von Assisi unmittelbar die Malerei anregte und Religion mit Kunst versöhnte.
So füllte sich auf dem Gipfel des Montserrat sein Herz mit großen Empfindungen und sein Notizbuch mit Gedanken und Gedichten. So versöhnten sich Spielmann und Gralsucher. Und der Plan eines Buches zeichnete sich in Umrissen an den Horizont: die Versöhnung zwischen Kunst und Religion. Es war kein Aberglauben, dem er anheimfiel, es war Märchenglauben, dessen Bildersprache Wahrheiten einhüllte. Im übrigen blieb der hochgebildete Idealist seinen Meistern treu: Goethe und dem Johannes-Evangelium ...
„Sie glauben nicht, wie es mir eine Wohltat ist, mich mit Ihnen aussprechen zu dürfen, Herr Baron”, sagte der Konsul, als Ingo am folgenden Abend unter strömendem Regen und triefendem Lodenmantel wieder in die Korridore des Fremdenhauses eintrat. „Ich habe mich ordentlich nach Ihnen gesehnt. Schaller ist glücklicherweise nicht aufgetaucht; der verschnörkelte Park Güell in Barcelona gefalle ihm besser als der ganze Montserrat, schreibt er; und ich kann auf das Geplauder jener unbedeutenden Frauen und Mädchen, offen gestanden, hier oben gern verzichten. Aber mit Ihnen kann ich mich aussprechen. Und das tut mir wohl, denn ich bin ein einsamer Mann.”
„Dieses Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit, lieber Herr Konsul”, erwiderte Ingo mit Wärme. „Und wenn's auf mich ankommt, so bleiben wir hier oben nicht drei, sondern dreimal drei Tage.”
Und so kam es auch. Die vier Menschen freundeten sich in diesen stillen, großen und einfachen Verhältnissen herzlich untereinander an. Das Gespräch war beseelt. Manchmal saßen sie bis weit in die Nacht hinein ohne Licht, in Unterhaltung über hohe oder einfache, aber vom Hohen aus verklärte Dinge, während schwere Wolken über die schweren Felsen zogen und die Gebirgspfade in Gießbäche verwandelten.
Auch jetzt noch fühlten sich die beiden wetterfesten Männer zu einfachen Spaziergängen angetrieben, wobei des Berges nasse Öde groß um sie aufgetürmt lag. So wanderten sie zuletzt nach Santa Cecilia, an der unheimlichen Nordwand des Berges entlang.
Der Konsul erzählte von seinen Fahrten.