Dieses mächtige Ereignis erleben wir jetzt. Der Krieg ist das europäische Reinigungsgewitter. Der stolze seelische Grund Frankreichs: seinen 1870 vernichteten Waffenruhm wieder herzustellen; der weniger stolze Grund Englands: den Handelsnebenbuhler zu Land und See, das rührige Deutschland, zu ducken; der Versuch Rußlands, den österreichischen Interessen zu Trotz seinen panslawistischen Traum zu erfüllen: – das kreiste schon lang am politischen Horizont. Nun brach es offen aus. Und die Schlachten werden feststellen, wie die europäische Karte fortan aussehen soll.

Es wird über diese Dinge viel geschrieben. Mich bewegen andre Sorgen. In einem Feldpostbrief waren diese sorgenden Gedanken neulich ausgesprochen. Wie wird Deutschland nach dem hoffentlich zu erwartenden Siege seine geistige Aufgabe erfassen? Werden wir eine andre Luft, verjüngte Herzen, erneuerte Menschen haben? Denn tatsächlich kämpfen unsre Krieger nicht nur so für den materiellen Bestand ihrer deutschen Güter; in ihres Herzens Grunde lebt außerdem ein Idealbegriff der deutschen Heimat. Das ist der geheime, ihnen meist unbewußte, aber wirksamste Kraftquell. Auch in unsrem naturwissenschaftlichen Zeitalter kämpft man letzten Endes nicht für Sachen an sich, sondern für Ideen, die in und hinter den Sachen wirken. Das macht Deutschland so jung, das gibt ihm diesen einmütigen Schwung: wir kämpfen für ein Deutschland, das noch kommen soll. Wir sind von der tiefen, glühenden Empfindung durchatmet, daß Deutschland seine reinste, seine eigentliche Sendung noch nicht angetreten hat. Alle Achtung vor unsren Mörsern, alle Achtung vor unsrem Generalstab und jedem einzelnen unsrer heldenmütigen Soldaten! Aber dieses Große, das wir da um uns an der Arbeit sehen, ist nur Mittel zum Ziel. Das Ziel aber ist

Deutschlands europäische Sendung.


Zu Weihnachten des verflossenen Jahres ging mir aus meinem Leserkreise eine eigenartige Gabe zu. Es war eine schlichte, mit einfachem Eichenholz fest eingerahmte Tafel, die einen großgedruckten Spruch aus meiner Gedichtsammlung »Lichtland« (Stuttgart 1912) enthielt. Dieser Spruch, der nun in der Hauptstadt der Westmark über meinem Stehpult hängt, lautet:

Wenn Deutschland seine Sendung vergißt,
Wenn Deutschland, nachdem es die Meere befahren,
Den Völkern nicht mehr Führer ist
Zum Innenland des Unsichtbaren,
Zu Gott und Geist –
Wenn Deutschland versäumt seine heilige Sendung
Und nicht mehr vorangeht in Drang nach Vollendung,
Wenn es vom Haß, der in Spannung hält
Die eiserne Welt,
Zu neuer Liebe den Weg nicht weist –
So wisse: dein Glück und dein Reich zerschellt!

Das ist, wenn auch in etwas herber und drohender Form, mein nationales Glaubensbekenntnis.

Und so setzen wir der Flut von Haß und Verleumdung, die aus dem Ausland von Romain Rolland bis Maeterlinck und Verhaeren gegen uns ansprüht, als Söhne Goethes den unerschütterlichen Glauben an Deutschlands heilige Sendung entgegen. »Das Schicksal der Deutschen ist noch nicht erfüllt«, äußerte Goethe im Gespräch mit Luden (1813). »Hätten sie keine andere Aufgabe gehabt, als das römische Reich zu zerbrechen und eine neue Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zugrunde gegangen sein. Da sie aber fortbestanden sind, und in solcher Kraft und Tüchtigkeit, so müssen sie nach meinem Glauben noch eine große Bestimmung haben.«

Eine Bestimmung äußerer und eine Bestimmung innerer Art: »Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben!«

Damit ist jenes Programm wieder aufgenommen, das einst unser Schiller in die Worte gepreßt hat: »Kann aber wohl der Mensch dazu bestimmt sein, über irgendeinem Zweck sich selbst zu versäumen?« Nämlich: seine innere Welt, sein höheres Selbst, den geistigen Leuchtkern in uns. Das zieht sich durch Schillers und Goethes Lebensarbeit. Das geht durch alle Idealisten und Propheten der ganzen Welt. Und es widerspricht keineswegs der äußeren Kriegsarbeit, die von deutschem Geiste jetzt da draußen geleistet wird. Arbeitsteilung! Ein Teil deutscher Geistestruppen muß abkommandiert werden, dieses Programm zu erfüllen – sobald die europäische Luft durch den Kriegsorkan gereinigt sein wird. Diese Truppen stehen schon im Hintergrunde; sie stellen sich jetzt schon auf ihre künftige Aufgabe ein; sie ermutigen die Mannschaft draußen durch tapfere und großzügige Gedanken. Sie geloben, mit demselben Tatsachensinn, wie er den knapp und klar sprechenden und handelnden Generalstab auszeichnet, nicht im Parteigezänke unterzugehen, sondern das Große und Ganze unverwirrt und unkleinlich im Auge zu behalten. Nämlich: mit dem Aufbau der neuen deutschen Innenwelt