Jetzt gewinnt Heldenverehrung wieder ihren erzieherischen Wert. Es wird uns jetzt blutvolle Gegenwart, wenn wir uns an Friedrichs des Großen ähnlichen Heldenkampf gegen europäische Übermacht erinnern. Eine ganz gerade Linie führt von ihm zu uns. Ohne Friedrich und seinen Siebenjährigen Krieg kein Bismarck und kein Reich. Auch er ein Diener der Idee, ein Werkzeug der über ihm waltenden Macht: der Macht, die das Deutsche Reich geformt hat, wie sie jetzt die deutsche Reichsseele formen will.

Man beachte das tiefsinnige Zahlenspiel: genau in der Mitte zwischen dem Siebenjährigen Kriege (etwa 1760) und dem Kriege von 1870 ist Bismarck geboren (1815). Fünfundfünfzig Jahre nach rechts und nach links! Mit der Linken reicht er Friedrich dem Großen die Hand, mit der Rechten schmiedet er einem andren edlen Hohenzollern das Deutsche Reich.

Über dieses Reich noch einige Gedanken, ehe wir unsre innere Aufgabe ins Auge fassen!

Zunächst ist unser Kampf Notwehr um des Reiches Bestand. Das hat der Kanzler in seiner Reichstagsrede am 4. August glücklich geprägt; das glüht in des Kaisers Aufruf an das deutsche Volk am 6. August, dem Jahrestag der Schlacht bei Wörth. »Alle offenkundige und heimliche Feindschaft von Ost und West und von jenseits der See haben wir bisher ertragen im Bewußtsein unsrer Verantwortung und Kraft. Nun aber will man uns demütigen. Man verlangt, daß wir mit verschränkten Armen zusehen, wie unsere Feinde sich zu tückischem Überfall rüsten. Man will nicht dulden, daß wir mit entschlossener Treue zu unserem Bundesgenossen stehen, der um sein Ansehen als Großmacht kämpft und mit dessen Erniedrigung auch unsere Macht und Ehre verloren sind … Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich … Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Roß …« Notwehr um des Reiches Bestand!

Aber Notwehr ist nur die eine Seite dieses schweren Kampfes. Es ist mehr dabei. Es ist das besondere deutsche »moralische Gemüt«, was dem Furor teutonicus wieder einmal Schwung und Wucht verleiht. Denn Ausgangspunkt der europäischen Verwicklung war ein Meuchelmord. Und meuchelmörderische Pöbelinstinkte sahen wir nicht nur in Serbien aufschäumen; das Wort »belgische Greuel« wird in die Weltgeschichte eingegraben werden. Jetzt tritt das oft in Friedenszeiten als lästig empfundene und verspottete preußisch-deutsche Talent der Zucht und Ordnung in großartige Wirksamkeit. Unser Aufmarsch war ein ganz bedeutendes Schauspiel; die öffentlichen Kundgebungen der jetzt in Deutschland befehlenden Kommandeure sind oft von plastischer Kraft und Kürze; und das Bild, das unsre Truppen gewähren, beweist, wie viel geistvolle Willenskraft hier an der Arbeit gewesen, um das zu leisten, was der Generalstab und alle einzelnen Teile vollbracht haben. Dazu gibt unser Hauptquartier in seinen Berichten vom Schlachtfeld durch knappe Wahrhaftigkeit und Sachlichkeit ein Vorbild gegenüber den geradezu unglaublichen Lügenphrasen rund herum. Zucht, Wahrheit, Sachlichkeit gegen Tücke, Phrase, Barbarei!

Zu dreien und vieren und fünfen sind sie über uns hergefallen. Einer allein wagte nicht, mit des Reiches Stärke anzubinden. Das Gespenst Eduards und seiner Einkreisungspolitik treibt jetzt seine Dämonen auf uns los. Ahnen sie Deutschlands künftige Bestimmung und wollen uns noch beizeiten ducken? Sie tun unsrem Mut Ehre an, indem sie uns eine so ungeheure Belastungsprobe zutrauen. Recht so! Nur heran! »Hier werden noch Kriegserklärungen entgegengenommen«, hat ein deutscher Spaßvogel an einen Eisenbahnwagen geschrieben.

Wenn die Reiche der Mitte diese Probe bestanden haben, so wird der Beweis erbracht sein, daß der deutsche Geist zur Führung Europas berufen ist.

Wie sich dies äußerlich bekunden wird, das kann nur aus den Ereignissen selbst als Zellengebilde oder kristallinische Bildung emporwachsen. Vorerst haben die Ereignisse das Wort.

Kriege sind im ruhigen Werden und Wachsen der Völker die vulkanischen Ausbrüche: es entladen sich in ihnen Stauungen. Es sind Krisen und Epochen. Die Befreiungskriege 1813/15 schlossen die napoleonische Epoche ab; der Krieg 1870 erfüllte den Kaiser- und Einheitstraum der Deutschen. So empfinden wir alle diesen gegenwärtigen europäischen Krieg als den Abschluß der letzten vierzig Jahre, dieser Blütezeit naturwissenschaftlicher, technischer und kaufmännischer Entwicklung – einer Entwicklung nach außen.

Wir haben uns nicht aus Haß zum Krieg entschlossen. Alle betonen – Naumann in seinen trefflichen Gedanken über »Deutschland und Frankreich« ebenso wie Sven Hedin aus seinen Beobachtungen heraus –, daß wir zumal Frankreich nicht hassen. »Keinen einzigen deutschen Offizier traf ich, der mit Härte über Frankreich sprach. Alle ohne Ausnahme hegen für jenes große und schöne Land eine aufrichtige und ehrliche Sympathie« (Sven Hedin). Anders zwar ist es mit England, dessen Neid und Selbstsucht wir als die treibende Ursache dieses Weltbrandes empfinden. Aber auch hier wäre es unsrem Verantwortungsgefühl niemals eingefallen, Krieg zu suchen. Deutschland wächst, schafft, blüht aus innerem Lebensdrang: es wächst ganz von selber seinen europäischen Nachbarn über den Kopf. Die Auseinandersetzung kriegerischer Art mußte endlich, wie eine Krise, wie ein biologischer oder naturgeschichtlicher Vorgang, die ganz von selbst entstandene Elektrizität entladen. Dieser Krieg ist eine europäische Wachstumserscheinung; es finden Sprengungen, Verschiebungen der unruhig und noch nicht gut gelagerten Gebilde statt. Und so wachsen wir nun, von höheren und inneren Mächten gedrängt, hinein in