Jetzt begann das Gelage, zu welchem die Leute zu Tausenden von allen Seiten herbeigeströmt waren. Obwohl die Gasterei volle drei Wochen dauerte, so mangelte es doch weder an Speise noch an Trank, vielmehr blieb von Allem noch ein gut Theil übrig.
Das Volk war voll Dank und Preis für den König und den Hersteller des Festes. Als der König diesem den bedungenen Lohn ausbezahlen wollte, sagte Schlaukopf: »Ich habe noch mit dem Fremden ein kleines Geschäft abzumachen, ehe ich meinen Lohn in Empfang nehme.« Dann nahm er sieben starke Männer mit sich, die er mit tüchtigen Knütteln versorgen ließ, und führte sie dahin, wo er den Alten vor drei Wochen an einen Balken aufgehängt hatte. »Ihr Männer! Fasset die Knüttel fest in die Faust und verarbeitet mir den Alten, daß er dieses Bad und unser Gastgebot in seinem Leben nicht vergesse!« — Die Männer begannen nun alle sieben den Alten greulich durchzugerben, so daß sie ihm fast das Leben genommen hätten; aber von ihren harten Schlägen riß endlich der Strick. Das Männlein fiel herunter und verschwand im Nu unter der Erde, hinterließ aber eine breite Oeffnung. Schlaukopf sagte: »Ich habe ein Pfand, mit welchem ich ihm folgen muß. Bringet dem Könige viele tausend Grüße und saget ihm, er möge, wenn ich nicht zurück kommen sollte, meinen Lohn unter die Armen vertheilen.«
Er kroch nun durch dasselbe Schlupfloch, durch welches der Alte verschwunden war, in die Tiefe. Anfangs fand er den Weg sehr eng, aber einige Klafter tiefer wurde er viel breiter, so daß man leicht vorwärts kommen konnte. Eingehauene Stufen bewahrten den Fuß davor, daß er trotz der Finsterniß nicht glitt. Schlaukopf war eine Weile gegangen, als er an eine Thür kam. Er lugte durch eine kleine Oeffnung und sah drei junge Mädchen sitzen und den ihm wohlbekannten Alten, dessen Kopf dem einen der Mädchen im Schooße lag. Das Mädchen sagte: »Wenn ich noch ein Paar Mal die Beule mit der Klinge presse, so vergeht Geschwulst und Schmerz.« Schlaukopf dachte, das ist gewiß die Stelle, die ich vor drei Wochen mit dem Rücken des Beils gezeichnet habe. Er nahm sich vor, so lange hinter der Thür zu warten, bis der Hausherr sich schlafen gelegt habe und das Feuer ausgelöscht sei. Der Alte bat: »Helft mir in die Kammer, daß ich mich zu Bette lege, mein Körper ist ganz aus den Gelenken, ich kann nicht Hand noch Fuß regen.« Darauf wurde er in die Schlafkammer geführt. Während der Dämmerung, als die Mädchen das Gemach verlassen hatten, schlich Schlaukopf herein und fand ein Versteck hinter dem Biertönnchen.[41]
Die Mädchen kamen bald zurück und sprachen leise miteinander, um den alten Papa nicht aufzuwecken. »Die Kopfbeule hätte nichts zu sagen,« meinte die eine, — »und der verrenkte Körper würde sich auch schon wieder herstellen, aber der verlorene Kraftring ist ein unersetzlicher Schade, und der quält den Alten wohl mehr als sein körperlicher Schmerz.« Als man später den Alten schnarchen hörte, trat Schlaukopf aus seinem Versteck hervor und befreundete sich mit den Mädchen. Anfangs sahen diese wohl erschrocken drein, aber der verschlagene Jüngling wußte ihre Furcht zu beschwichtigen, so daß sie ihn zur Nacht da bleiben ließen. Er hatte von den Mädchen herausgebracht, daß der Alte zwei ganz besondere Dinge besitze, ein berühmtes Schwert und eine Gerte vom Ebereschenbaum,[42] und er gedachte beides mit zu nehmen. Die Gerte schuf auf dem Meere eine Brücke vor ihrem Besitzer her, und mit dem Schwerte ließ sich das zahlreichste Heer vernichten. Den folgenden Abend hatte sich Schlaukopf richtig des Schwertes und der Gerte bemächtigt, und war vor Tagesanbruch mit Hülfe des jüngsten Mädchens entkommen. Aber vor der Thür fand er das alte Schlupfloch nicht mehr, sondern einen großen Hofplatz und weiterhin wogte das Meer hinter der Koppel.
Unter den Mädchen hatte sich nach seinem Scheiden ein Wortwechsel erhoben, der so heftig wurde, daß der Alte von dem Lärm erwachte. Aus ihrem Zanke wurde ihm klar, daß ein Fremder hier verkehrt hatte, er stand zornig auf und fand Schwert und Gerte entwendet. »Mein bester Schatz ist mir geraubt!« brüllte er, vergaß allen Körperschmerz und stürmte hinaus. Schlaukopf saß noch immer am Meeresufer und sann darüber, ob er die Kraft der Gerte erproben oder sich einen trockenen Weg suchen solle. Plötzlich hört er hinter sich ein Sausen wie von einer Windsbraut. Als er sich umsieht, erblickt er den Alten, der wie toll gerade auf ihn los rennt. Er springt auf und hat eben noch Zeit, mit der Gerte auf die Wellen zu schlagen und zu rufen: »Brücke vorn, Wasser hinten!«[43] Kaum hat er das Wort gesprochen, so befindet er sich auf einer Brücke im Meere, schon eine Strecke vom Ufer entfernt.
Der Alte kommt ächzend und keuchend an's Ufer und bleibt stehen, als er den Dieb auf der Brücke über dem Meere sieht. Schnaufend ruft er:[44] »Nikodemus, Söhnchen! wo willst du hin?« — »Nach Hause, Papachen!« war die Antwort. »Nikodemus, Söhnchen! du hast mir mit dem Beil auf den Kopf geschlagen und mich bei den Beinen am Balken ausgehängt?« — »Ja, Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! hast du mich von sieben Mann durchprügeln lassen und meinen goldenen Ring geraubt?« — »Ja, Papachen!« »Nikodemus, Söhnchen! hast du dich mit meinen Töchtern befreundet?« — »Ja, Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! hast du das Schwert und die Gerte gestohlen?« — »Ja, Papachen.« »Nikodemus, Söhnchen! willst du zurück kommen?« — »Ja, Papachen!« gab Schlaukopf wieder zur Antwort. Inzwischen war er auf der Brücke so weit gekommen, daß er des Alten Rede nicht mehr hören konnte. Als er über das Meer hinübergelangt war, erfragte er den nächsten Weg zur Stadt des Königs und eilte dahin, um seinen Lohn zu fordern.
Aber siehe da! er fand hier Alles ganz anders als er gehofft hatte. Seine Brüder standen beide im Dienste des Königs, der eine als Kutscher, der andere als Kammerdiener. Beide lebten gar lustig: sie waren reiche Leute. Als Schlaukopf sich vom Könige seinen Lohn ausbat, sagte dieser: »Ich hatte dich ein ganzes Jahr lang erwartet, da aber nichts von dir zu hören noch zu sehen war, so hielt ich dich für todt, und wollte deinen Lohn unter die Armen vertheilen lassen nach deinem Geheiß. Da kamen aber eines Tages deine älteren Brüder, um diesen Lohn zu erben. Ich übergab die Sache dem Gericht, welches ihnen den Lohn zuerkannte, wie sich's auch gebührte, weil man glaubte, du seiest nicht mehr am Leben. Später traten deine Brüder in meinen Dienst, und stehen noch darin.« Als Schlaukopf diese Rede des Königs hörte, glaubte er zu träumen, denn seines Bedünkens war er nicht länger als zwei Nächte in der unterirdischen Behausung des Alten gewesen, und hatte dann einige Tage gebraucht, um heimzukehren; jetzt zeigte sich's aber, daß jede Nacht Jahreslänge gehabt hatte. Er wollte seine Brüder nicht verklagen, ließ ihnen das Geld, dankte Gott, daß er mit dem Leben davon gekommen war und sah sich nach einem neuen Dienste um. Der königliche Koch nahm ihn als Küchenjungen an, und er mußte jetzt alle Tage den Braten am Spieße drehen. Seine Brüder verachteten ihn wegen dieser geringen Handthierung und mochten nicht mit ihm umgehen, er aber hatte sie doch lieb. So hatte er ihnen auch eines Abends Manches von dem erzählt, was er in der Unterwelt gesehen hatte, wo die Gänse und Enten goldenes und silbernes Gefieder trugen. Die Brüder hinterbrachten das Gehörte dem Könige und baten ihn, er möge ihren jüngsten Bruder doch hinschicken, damit er die seltenen Vögel herbringe. Der König ließ den Küchenjungen rufen und befahl ihm, sich am nächsten Morgen aufzumachen, um die Vögel mit dem kostbaren Gefieder zu holen.
Mit schwerem Herzen machte sich Schlaukopf auf den Weg, nahm aber Ring, Gerte und Schwert, die er heimlich bewahrt hatte, mit sich. Nach einigen Tagen kam er an den Meeresstrand und sah an der Stelle, wo er auf seiner Flucht an's Land gestiegen war, einen alten Mann an einem Steine sitzen. Als er näher trat, fragte ihn der Mann, der einen langen grauen Bart hatte: »Weßhalb bist du so verdrießlich, Freundchen?« Schlaukopf erzählte ihm den schlimmen Handel. Der Alte hieß ihn gutes Muths und ohne Sorge sein und sagte: »So lange der Kraftring in deiner Hand ist, kann dir nichts Böses geschehen.« Dann erhielt Schlaukopf eine Muschel von ihm und wurde bedeutet, mit der Zaubergerte die Brücke bis in die Mitte des Meeres zu schlagen; alsdann solle er mit dem linken Fuße auf die Muschel treten, so werde er dadurch in die Unterwelt gelangen, wo das Gesinde gerade schlafen werde. Weiter hieß er ihn aus Spinnegewebe[45] einen Sack nähen, um die silber- und goldgefiederten Schwimmvögel hineinzuthun; dann solle er unverzüglich zurück kommen. Schlaukopf dankte für die erwünschte Anleitung und eilte fort. Die Sache ging so, wie vorhergesagt war; aber kaum war er mit seiner Beute bis an's Meeresufer gelangt, so hörte er den alten Burschen hinterdrein keuchen und vernahm auch, wie er auf die Brücke trat, wieder dieselben Fragen als das erste Mal: »Nikodemus, Söhnchen! Du hast mir mit dem Rücken des Beils auf den Kopf geschlagen und hast mich bei den Beinen am Balken aufgehängt?« u. s. w. bis zuletzt noch die Frage hinzukam, welche den an den Schwimmvögeln verübten Diebstahl betraf. Schlaukopf antwortete auf jede Frage »ja« und eilte weiter.
So wie ihm der Freund mit dem grauen Barte vorausgesagt hatte, kam er am Abend mit seiner kostbaren Vogellast in der Stadt des Königs an; der Sack aus Spinnegewebe hielt die Thiere so fest, daß keines heraus konnte. Der König schenkte ihm ein Trinkgeld und befahl ihm, am folgenden Tage wieder hinzugehen, denn er hatte von den älteren Brüdern gehört, der Herr der Unterwelt besitze sehr viele goldene und silberne Hausgeräthe, und diese begehrte der König für sich. Schlaukopf wagte nicht sich dem Befehle zu widersetzen, aber er ging unmuthig von dannen, weil er nicht vorher wissen konnte, wie die Sache ablaufen würde. Am Meeresufer aber kam ihm der Mann mit dem grauen Barte freundlich entgegen und fragte ihn nach der Ursache seiner Betrübniß. Alsdann erhielt Schlaukopf wiederum eine Muschel und noch eine Handvoll kleiner Steinchen nebst folgender Anweisung: »Wenn du nach Mittag hin kommst, so liegt der Wirth im Bette, um zu verdauen, die Töchter spinnen in der Stube, und die Großmutter scheuert in der Küche die goldenen und silbernen Gefäße blank. Klettere dann behend auf den Schornstein, wirf die in ein Läppchen eingebundenen Steinchen der Alten an den Hals, folge selbst schleunigst nach, stecke die kostbaren Geräthe in den Sack von Spinnegewebe und dann lauf', was die Beine halten wollen.« Schlaukopf dankte und machte es ganz, wie vorgeschrieben war. Als er aber das Läppchen mit den Steinchen fahren ließ, dehnte es sich zu einem sechslöfigen mit Kieselsteinen gefüllten Sacke aus, der die Alte zu Boden schmetterte. Flugs hatte Schlaukopf alle goldenen und silbernen Gefäße in den Sack von Spinnegewebe gepackt und war davon gejagt.[46] Der »alte Bursche« meinte, als er das Gepolter des Sackes hörte, der Schornstein sei eingestürzt und getraute sich nicht gleich nachzusehen. Als er aber die Großmutter lange vergeblich gerufen hatte, mußte er endlich selbst gehen. Als er das Unglück entdeckte, eilte er, dem Diebe nachzusetzen, der noch nicht weit sein konnte. Schlaukopf war schon auf dem Meere, als der Verfolger ächzend und keuchend an's Ufer kam. »Nikodemus, Söhnchen!« u. s. w. wiederholte der alte Bursche alle früheren fragen der Reihe nach. Die letzte Frage war: »Nikodemus, Söhnchen! hast du mir mein Gold- und Silbergeräth gestohlen?« »Freilich, Papachen!« war die Antwort. »Nikodemus, Söhnchen! versprichst du noch wiederzukommen?« — »Nein, Papachen!« antwortete Schlaukopf und lief auf der Brücke vorwärts. Obwohl der alte Bursche hinter dem Diebe her schimpfte und fluchte, so konnte er seiner doch nicht habhaft werden, weil alle Zauberwerkzeuge in den Händen des Diebes waren.
Schlaukopf fand den Alten mit dem grauen Barte wieder am Strande, warf den schweren Sack mit den Gold- und Silbersachen, den er nur mit Hülfe des Kraftringes hatte fortbringen können, ab, und setzte sich dann, um die müden Glieder auszuruhen. Im Gespräch erfuhr er nun von dem alten Manne Manches, was ihn erschreckte. Der Alte sagte: »Die Brüder hassen dich und trachten, dir auf alle Weise das Garaus zu machen, — wenn du ihrem bösen Anschlag nicht zuvorkommst. Sie werden den König hetzen, dir solche Arbeit aufzutragen bei der du leicht den Tod finden kannst. Wenn du nun heute Abend mit der reichen Last vor den König trittst, so wird er freundlich gegen dich sein, dann erbitte dir als einzigen Gnadenlohn, daß die Tochter des Königs Abends heimlich hinter die Thür gebracht werde, um zu hören, was deine Brüder untereinander sprechen.«