Inzwischen hatte der Zauberer seinen Schmelzofen fertig, der so hoch war, daß er fast an die unterste Wolkenschicht reichte. Der König stellte ihm zweitausend Arbeiter zur Verfügung, welche das Glas in den Ofen thaten. Hier schmolz es, und die Hitze wurde so stark, daß Sümpfe, Flüsse und kleine Seen austrockneten, ja selbst in Quellen und tiefen Brunnen eine Abnahme des Wassers zu bemerken war.
Während nun der Zauberer seinen Glasberg zusammenschmilzt, wollen wir in eine Bauernhütte treten, die nicht weit von der Königsstadt liegt, und wo ein alter Vater mit seinen drei Söhnen wohnt. Die beiden älteren Brüder waren gescheute, gewiegte Bursche, der jüngste aber etwas einfältig. Als der Vater erkrankte und sein Ende herannahen fühlte, ließ er seine Söhne vor sein Lager treten und sprach folgendermaßen: »Ich fühle, daß mein Heimgang herannaht, deßhalb will ich euch meinen letzten Willen kund thun. Ihr, meine lieben älteren Söhne, sollt gemeinschaftlich Haus und Acker bestellen, so lange ihr nicht beide heirathet. Die Herrschaft zweier Herdesköniginnen würde einen Riß in's Hauswesen bringen. Denn ein altes wahres Wort sagt: »Wo sieben unbeweibte Brüder friedlich bei einander leben, da wird es zweien Frauen zu eng; sie müssen sich zausen.« Tritt aber dieser Fall ein, so sollt ihr Haus und Felder unter einander theilen. Euer jüngster Bruder aber, der weder zum Wirth noch zum Knecht taugt, soll bei euch Obdach und Nahrung finden, so lange er lebt. Zu diesem Behufe vermache ich euch beiden meinen Geldkasten. Euer jüngster Bruder ist zwar etwas kurz von Verstande, aber er hat ein gutes Herz, und wird euch eben so willig gehorchen, wie er mir immer gehorcht hat.« Die älteren Brüder versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge des Vaters Willen zu erfüllen, der jüngste sprach kein Wort und weinte bitterlich. »Noch Eins will ich sagen,« fuhr der Vater fort — »wenn ich todt bin und ihr mich begraben habt, so erweiset mir als letzten kleinen Liebesdienst, daß jeder von euch eine Nacht an meinem Grabe wacht.« Beide älteren Brüder versprachen mit trockenem Auge und geläufiger Zunge, des Vaters Willen zu erfüllen, der jüngste sagte kein Wort und weinte bitterlich. Bald nach dieser Unterredung hatte der Vater seine Augen auf immer geschlossen.
Die beiden älteren Brüder richteten ein großes Gastmahl an und luden viele Gäste ein, damit der todte Vater mit allen Ehren bestattet werde. Sie selbst waren guter Dinge und aßen und tranken wie auf einer Hochzeit, während ihr dritter Bruder still weinend am Sarge des Vaters stand; als der Sarg dann weggetragen und in's Grab gesenkt wurde, da war dem jüngsten Sohne zu Muthe, als wären nun alle Freuden abgestorben und mit dem Vater begraben.
Spät am Abend, als die letzten Gäste fortgegangen waren, fragte der jüngste Bruder, wer die erste Nacht am Grabe des Vaters wachen würde. Die andern sagten: »Wir sind müde von der Besorgung des Begräbnisses, wir können heute Nacht nicht wachen, aber du hast nichts Besseres zu thun, also geh du und halte Wache.«
Der jüngste Bruder ging ohne ein Wort zu sagen zum Grabe des Vaters, wo Alles still war und nur die Grille zirpte. Um nicht einzuschlafen, ging er leisen Schrittes auf und ab. Es mochte um Mitternacht sein, als es wie von einer klagenden Stimme aus dem Grabe tönte:[65]
»Wessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen.«
Der Sohn verstand die Frage und antwortete:
»Das ist ja dein jüngster Knabe,
Dessen Schritt ist's, der da schüttet
Groben Kiessand auf die Augen,
Schwarze Erde auf die Brauen.«
Die Stimme fragte weiter, warum die älteren Brüder nicht zuerst zur Wacht gekommen seien, worauf der jüngste sie entschuldigte, sie hätten, ermüdet von der Beerdigung, heute nicht kommen können.
Wieder hob des Vaters Stimme an: »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth, darum will ich dir auch deinen Lohn nicht vorenthalten. Es wird bald eine Zeit kommen, wo du dir bessere Kleider wünschen wirst, um in die Gesellschaft vornehmer Leute kommen zu können. Dann tritt an mein Grab, stampfe mit deiner linken Ferse dreimal auf den Grabhügel und sprich: »Lieber Vater, ich bitte um meinen Lohn für die erste nächtliche Wacht.« Dann wirst du einen Anzug und ein Pferd erhalten. Aber sage deinen Brüdern nichts davon.«