»Zarte Schale hat das Glücksei,
Zähen Kernes ist die Trübsal;
Zaudre nicht das Glück zu haschen!«
Pärtel war nach Hause gekommen und hatte sich vor Tages Anbruch schlafen gelegt, aber wunderbar bunte Träume, theils freundliche, theils häßliche, scheuchten die Ruhe von seinem Lager. Mit einem Schrei sprang er auf, weil ein Traum ihm vorgespiegelt hatte, daß die weiße Schlange sich um seine Brust schlang und ihn erstickte. Zwar achtete er nicht weiter auf dieses Schreckbild, vielmehr war er fest entschlossen, die Königstochter aus den Banden der Verzauberung zu erlösen, und wenn er selber darüber zu Grunde gehen sollte — aber dennoch wurde ihm das Herz immer schwerer, je näher die Sonne dem Horizonte kam. Zur festgesetzten Zeit stand er am Steine unter der Linde, und blickte seufzend zum Himmel empor, den er um Muth und Kraft anflehte, damit er nicht vor Schwäche zittere, wenn sich die Schlange um seinen Leib winden und ihn küssen werde. Da fiel ihm plötzlich das Glücksei ein; er zog das Schächtelchen aus der Tasche, wickelte es los, und nahm das kleine Ei, das nicht größer war, als das Ei einer Grasmücke, zwischen die Finger.
In demselben Augenblicke war die schneeweiße Schlange unter dem Steine hervorgeschlüpft, hatte sich um seinen Leib gewunden, und richtete eben ihren Kopf empor, um ihn zu küssen, da — der Mann wußte selbst nicht wie es geschah — hatte er der Schlange das Glücksei in den Mund gesteckt. Er stand, ob auch mit frierendem Herzen, ohne zu beben, bis die Schlange ihn dreimal geküßt hatte. Jetzt erfolgte ein Krachen und Leuchten, als hätte der Blitz in den Stein geschlagen, und schwerer Donner machte die Erde erzittern, so daß Pärtel wie todt zu Boden fiel, und nicht mehr wußte, was mit ihm oder um ihn her geschah.
Aber in diesem furchtbaren Augenblicke waren die Bande des Zaubers gebrochen, und die königliche Jungfrau war aus ihrer langen Haft erlöst. Als Pärtel aus seiner schweren Ohnmacht erwachte, fand er sich auf weichen Seidenkissen, in einem prächtigen Glasgemach von himmelblauer Farbe. Das schöne Mädchen kniete vor seinem Bette, streichelte seine Wangen, und rief, als er die Augen aufschlug: »Dank dem himmlischen Vater, der mein Gebet erhört hat! und tausend, tausend Dank auch dir, theurer Jüngling, der du mich aus der langen Verzauberung erlöst hast. Nimm jetzt zum Lohne mein Reich, dieses prachtvolle Königsschloß mit allen seinen Schätzen, und wenn du willst, auch mich als Gemahlin mit in den Kauf. Du sollst fortan hier glücklich leben, wie es dem Herrn des Glücksei's gebührt. Bis heute war dein Loos wie das deines Taufvaters, jetzt harrt deiner ein besseres Loos, ein solches, wie es deiner Taufmutter zugefallen war.«
Pärtel's Glück und Freude vermöchte wohl Niemand zu schildern; alle unbegriffene Sehnsucht seines Herzens, die ihn ruhelos immer wieder unter die Linde trieb, war jetzt gestillt. Von der Welt geschieden lebte er mit seiner theuren Gemahlin im Schooße des Glückes bis an sein Ende. — In dem Dorfe aber und auf dem Bauerhofe, wo er gedient hatte, und wo man ihn um seines frommen Wesens willen lieb hatte, erregte sein Verschwinden große Betrübniß. Darum machten sich Alle auf, ihn zu suchen, und ihr erster Gang war zur Linde, welche Pärtel so häufig zu besuchen pflegte, und wohin man ihn auch Abends zuvor noch hatte gehen sehn. Groß war das Erstaunen der Leute, als sie dort weder den Pärtel, noch die Linde, noch den Stein mehr vorfanden; auch die kleine Quelle in der Nähe war vertrocknet, und keines Menschen Auge hat selbige Dinge jemals wieder erblickt.
20. Der Frauenmörder.
Es lebte einmal ein reicher hochadliger Gutsherr, unter dessen Botmäßigkeit ausgedehnte Gebiete, Landgüter und eine Unzahl von Leuten standen. Seinen Wohnsitz hatte er auf einem einsamen festen Schlosse, das hinter Wäldern und Sümpfen versteckt lag wie eine Bärenhöhle, und rings mit Mauern und Gräben umgeben war, so daß Feinde nicht leicht eindringen konnten. Man meinte, der große Herr habe den einsamen Ort deßwegen zu seinem Wohnsitz gewählt, damit seine unermeßliche Habe den Leuten nicht in die Augen steche und ihre Habsucht reize. Es sollten da nämlich große Felsenkeller mit Gold und Silber angefüllt sein, womit der Besitzer, wenn er gewollt hätte, ganze Königreiche hätte kaufen können. An Geld und Schätzen hatte er also Ueberfluß, aber mit seinen Frauen hatte er kein Glück. Sie starben ihm alle binnen kurzer Frist, eine nach der andern; doch hielt sich der Wittwer nie mit langem Trauern auf, sondern ritt jedesmal ohne Zeitverlust von neuem auf die Freite. Obschon er noch im mittleren Mannesalter stand, sollte er doch schon eilf Frauen auf der Bahre gesehen haben, als er auszog, um die zwölfte zu freien. Man weiß, daß es einem reichen Manne nie schwer wird, zu einer Frau zu kommen, denn mit dem Goldnetze kann man die Mädchen zu Dutzenden fangen. Trotzdem stellten sich unserem reichen Freier, als er jetzt die zwölfte Frau nehmen wollte, Hindernisse in den Weg, so daß er wie ein geringer Mann an mancher Thüre anklopfen mußte, ehe er eine Braut unter die Haube bringen konnte. Das rasche Wegsterben seiner vielen Frauen hatte den jungen Damen der Umgegend Schrecken eingeflößt; es konnte doch wohl nicht mit rechten Dingen zugehen, daß die jungen blühenden Frauen so rasch dahin welkten. Ein Geheimniß mußte hier obwalten — aber es blieb Allen ein Räthsel.
Als nun der stolze reiche Freier lange Zeit vergebliche Wege gemacht hatte, beschloß er endlich, sein Glück auf einem Edelhofe zu versuchen, wo ein armer Edelmann mit seinen drei blühenden Töchtern lebte. Sie waren alle drei schön und glichen köstlichen Aepfeln, aber die jüngste überstrahlte die beiden andern, so daß sie recht gut auch die Gemahlin eines Königs hätte werden können. Der vornehme Freier hatte sein Auge alsbald auf das jüngste Fräulein geworfen; zwar schien des Fräuleins Herz anfangs kalt gegen ihn zu sein, aber seine reichen Geschenke, seidene Kleider, goldene Ketten und sonstiger Schmuck, übten eine so erwärmende Wirkung, daß es dem Vater und den beiden Schwestern gelang, das Mädchen zu überreden. Der Vater hoffte an dem reichen Schwiegersohne eine Stütze zu finden, und auch die Töchter erwarteten, daß ihnen der Schwager nützlich sein werde, der schon versprochen hatte, ihnen auf seine Kosten prächtige Hochzeitskleider machen zu lassen. Da die Schwestern sich sehr lieb hatten, so waren die älteren nicht im mindesten neidisch darüber, daß die jüngste zuerst heirathen sollte. Der Bräutigam hatte seinen künftigen Schwiegervater darum gebeten, die Hochzeit nicht auszurichten, da er sie auf seinem Schlosse zu feiern und alle Kosten selbst zu tragen wünsche.