Jetzt setzte man das Gericht in Kenntniß, und schickte sogleich eine Botschaft an den Vater der Frau, daß er her käme. Die Untersuchung brachte an den Tag, daß der Mörder eilf Frauen umgebracht hatte, und auch die letzte gemordet haben würde, wenn Tönnis nicht zu Hülfe gekommen wäre; der Mörder wurde deshalb vor das peinliche Gericht gestellt, und zum Tode verurtheilt. Da er keine näheren Verwandten hatte, denen ein Erbrecht zustand, so wurden alle Edelhöfe und Besitzungen der Wittwe zugesprochen; nur ein Theil des Vermögens wurde unter die Armen vertheilt.

Bei der reichen Wittwe meldeten sich Freier von allen Seiten, aber sie heirathete keinen derselben, sondern nahm nach einem Jahre den Tönnis zum Gemahl, und Beide führten ein glückliches Leben bis an ihr Ende.


21. Der herzhafte Riegenaufseher.[84]

Einmal lebte ein Riegenaufseher, der an Herzhaftigkeit nicht viele seines Gleichen hatte. Von ihm hatte der »alte Bursche« selber gerühmt, ein herzhafterer Mann sei ihm auf der ganzen Welt noch nicht vorgekommen. Der Alte ging deßhalb häufig an den Abenden, wo die Drescher nicht in der Scheune waren, zum Aufseher zu Gast, und unter angenehmen Gesprächen wurde ihnen die Zeit niemals lang. Der alte Bursche meinte zwar, der Aufseher kenne ihn nicht, sondern halte ihn für einen einfachen Bauer, allein der Aufseher kannte ihn recht gut, wenn er sich auch nichts merken ließ, und hatte sich vorgenommen, den (alten Hörnerträger) Teufel wo möglich einmal über's Ohr zu hauen. Als der alte Bursche eines Abends über sein Junggesellen-Leben klagte, und daß er Niemanden habe, der ihm einen Strumpf stricke oder einen Handschuh nähe, fragte der Aufseher: »Warum gehst du denn nicht auf die Freite, Brüderchen?« Der alte Bursche erwiederte: »Ich habe schon manchmal mein Heil versucht, aber die Mädchen wollen mich nicht. Je jünger und blühender sie waren, desto ärger spotteten sie meiner.« Der Aufseher rieth ihm, um ältere Mädchen oder Wittwen zu freien, die viel eher kirre zu machen seien, und nicht leicht einen Freier verschmähen würden. Nach einigen Wochen heirathete denn auch der alte Bursche ein bejahrtes Mädchen; es dauerte aber nicht gar lange, so kam er wieder zum Riegenaufseher, ihm seine Noth zu klagen, daß die junge Frau voller Tücke sei; sie lasse ihm weder bei Nacht noch bei Tage Ruhe, sondern quäle ihn ohne Unterlaß. »Was bist du denn für ein Mann,« lachte der Aufseher, »daß dein Weib die Hosen hat anziehen dürfen! Nahmst du einmal ein Weib, so mußtest du auch deines Weibes Herr werden!« Der alte Bursche erwiederte: »Ich werde mit ihr nicht fertig. Hole sie der und jener, ich setze meinen Fuß nicht mehr in's Haus.« Der Riegenaufseher suchte ihm Trost einzusprechen, und sagte, er solle sein Heil noch einmal versuchen, aber der alte Bursche meinte, es sei an der ersten Probe genug, und hatte nicht Lust, seinen Nacken zum zweiten Male in das Joch eines Weibes zu legen.

Im Herbste des nächsten Jahres, als das Dreschen wieder begonnen hatte, machte der alte Bekannte dem Aufseher einen neuen Besuch. Der Aufseher merkte gleich, daß dem Bauer etwas auf dem Herzen brannte, er fragte aber nicht, sondern wollte abwarten, daß der Andere selber mit der Sache herauskäme. Er erfuhr denn auch bald des alten Burschen Mißgeschick. Im Sommer hatte derselbe die Bekanntschaft einer jungen Wittwe gemacht, die wie ein Täubchen girrte, so daß dem Männlein abermals Freiersgedanken aufstiegen. Er heirathete sie auch, fand aber später, daß sie der ärgste Hausdrache war, den es geben konnte, und daß sie ihm gern die Augen aus dem Kopfe gerissen hätte, so daß er endlich seinem Glücke dankte, als er sich von der bösen Sieben losgemacht hatte. Der Riegenaufseher sagte: »Ich sehe wohl, daß du zum Ehemann nicht taugst, denn du bist ein Hasenfuß, und verstehst nicht, ein Weib zu regieren.« Darin mußte ihm denn der alte Bursche Recht geben. Nachdem sie dann noch eine Weile über Weiber und Heirathen geplaudert hatten, sagte der alte Bursche: »Wenn du denn wirklich ein so herzhafter Mann bist, daß du dir getraust, den schlimmsten Höllendrachen unter dem Weibervolk zahm zu machen, so will ich dir eine Bahn zeigen, auf welcher deine Herzhaftigkeit bessern Lohn finden wird, als bei der Zähmung eines bösen Weibes. Du kennst doch die Ruinen des alten Schlosses auf dem Berge? dort liegt ein großer Schatz aus alten Zeiten, der noch Niemandem zu Theil geworden ist, weil eben noch keiner Muth genug hatte, ihn zu heben.« Der Riegenaufseher gab lachend zur Antwort: »Wenn hier nichts weiter nöthig ist, als Muth, so habe ich den Schatz schon so gut wie in der Tasche!« Darauf theilte der alte Bursche dem Aufseher mit, daß er in künftiger Donnerstags-Nacht, wo der Mond voll werde, hingehen müsse, um den vergrabenen Schatz zu heben, und fügte hinzu: »Hüte dich aber, daß nicht die geringste Furcht dich anwandle, denn wenn dir das Herz bangen, oder auch nur eine Faser an deinem Leibe zittern sollte, so verlierst du nicht nur den gehofften Schatz, sondern kannst auch dein Leben einbüßen, wie viele Andere, die vor dir ihr Glück versuchten. Wenn du mir nicht glaubst, so gehe nur in irgend einen Bauerhof und laß die Leute erzählen, was sie über das Gemäuer des alten Schlosses gehört — Manche auch wohl mit eigenen Augen gesehen haben. Noch einmal: wenn dir dein Leben lieb ist, und du des Schatzes habhaft werden willst, so hüte dich vor aller Furcht.«

Am Morgen des bezeichneten Donnerstags machte sich der Riegenaufseher auf den Weg, und obgleich er nicht die geringste Furcht empfand, so kehrte er doch in der Dorfschenke ein, in der Hoffnung, dort auf Menschen zu stoßen, die ihm Eins oder das Andere über die alten Schloßmauern berichten könnten. Er fragte den Wirth, was das für alte Mauern wären auf dem Berge, und ob die Leute noch etwas darüber wüßten, wer sie aufgeführt, und wer sie dann wieder zerstört habe. Ein alter Bauer, der die Frage des Riegenaufsehers gehört hatte, gab folgenden Bescheid: »Der Sage nach hat vor vielen hundert Jahren ein steinreicher Gutsherr dort gewohnt, der über weite Ländereien und zahlreiches Volk gebot. Dieser Herr führte ein eisernes Regiment, und behandelte seine Unterthanen grausam, aber mit dem Schweiß und Blut derselben hatte er unermeßlichen Reichthum zusammengescharrt, so daß Gold und Silber fuderweise von allen Seiten her auf's Schloß kam, wo es in tiefen Kellern vor Dieben und Räubern verwahrt wurde. Auf welche Weise der reiche Bösewicht zuletzt seinen Tod fand, hat Niemand erfahren. Die Diener fanden eines Morgens sein Bett leer, drei Blutstropfen auf dem Boden, und eine große schwarze Katze zu Häupten des Bettes, die man vorher nie gesehen hatte und nachher nie wieder sah. Man meinte daher, die Katze sei der böse Geist selber gewesen, der in dieser Gestalt den Herrn in seinem Bette erwürgt, und dann zur Hölle gebracht habe, wo er für seine Frevel büßen müsse. — Als später auf die Nachricht von dem Todesfall die Verwandten des Schloßherrn sich einfanden, um dessen Schatz in Besitz zu nehmen, fand sich nirgends ein Kopek Geld vor. Anfangs hielt man die Diener für die Diebe, und stellte sie vor Gericht; allein da sie sich ihrer Unschuld bewußt waren, so bekannten sie auch auf der Folter Nichts. Inzwischen hatten viele Menschen Nachts ein Geklapper, wie mit Geld, tief unter der Erde, vernommen, und machten dem Gericht davon Anzeige, und als dieses eine Untersuchung anstellte und die Aussage bestätigt fand, wurden die Diener freigelassen. Das seltsame nächtliche Geldgeklapper wurde später noch oft gehört, auch fanden sich Manche, die dem Schatze nachgruben, aber es kam nichts zu Tage, und von den Schatzgräbern kehrte keiner zurück; sicher hatte eben Der sie geholt, der dem Herrn des Geldes ein so gräßliches Ende bereitet hatte. Soviel sah Jeder, daß hier Etwas nicht geheuer war, — darum getraute sich auch Niemand in dem alten Schlosse zu wohnen, bis endlich das Dach und die Wände durch Wind und Regen verfielen, und nichts weiter übrig blieb, als die alten Ruinen. Kein Mensch wagt sich bei nächtlicher Weile in die Nähe, noch weniger erkühnt sich Einer, dort nach alten Schätzen zu suchen.« —So sprach der alte Bauer.

Als der Riegenaufseher seine Erzählung vernommen hatte, äußerte er wie halb im Scherze: »Ich hätte Lust, mein Heil zu versuchen! Wer geht künftige Nacht mit mir?« Die Männer schlugen ein Kreuz und betheuerten einhellig, daß ihnen ihr Leben viel lieber sei, als alle Schätze der Welt, die doch Niemand erlangen könne, ohne seine Seele zu verderben. Dann baten sie den Fremden, er möge den eitlen Gedanken fahren lassen, und sein Leben nicht dem Teufel überantworten. Allein der kühne Riegenaufseher achtete weder Bitten noch Einschüchterungen, sondern war entschlossen, sein Heil auf eigene Hand zu versuchen. Er bat sich am Abend von dem Schenkwirth ein Bund Kienspan aus, um nicht im Dunkeln zu bleiben, und erkundigte sich dann nach dem kürzesten Wege zu den alten Schloßruinen.

Einer der Bauern, der etwas mehr Muth zu haben schien als die Andern, ging ihm eine Strecke weit mit einer brennenden Laterne als Führer voran, kehrte aber um, als sie noch über eine halbe Werst weit von dem Gemäuer entfernt waren. Da der bewölkte Nachthimmel Nichts erkennen ließ, so mußte der Riegenaufseher seinen Weg tastend verfolgen. Das Pfeifen des Windes und das Geschrei der Nachteulen schlug schauerlich an sein Ohr, konnte aber sein tapferes Herz nicht schrecken. Sobald er im Stande war, unter dem Schutze des Mauerwerks Feuer zu machen, zündete er einen Span an, und spähte nach einer Thür oder einer Oeffnung umher, durch die er unter die Erde hinabsteigen könnte. Nachdem er eine Weile vergebens gesucht hatte, sah er endlich am Fuße der Mauer ein Loch, welches abwärts führte. Er steckte den brennenden Span in eine Mauerspalte, und räumte mit den Händen soviel Geröll und Schutt fort, daß er hineinkriechen konnte. Nachdem er eine Strecke weit gekommen war, fand er eine steinerne Treppe, und der Raum wurde weit genug, daß er aufrecht gehen konnte. Das Kienspan-Bund auf der Schulter und einen brennenden Span in der Hand, stieg er die Stufen hinunter, und kam endlich an eine eiserne Thür, die nicht verschlossen war. Er stieß die schwere Thür auf und wollte eben eintreten, als eine große schwarze Katze mit feurigen Augen windschnell durch die Thür und zur Treppe hinauf schoß. Der Riegenaufseher dachte: die hat gewiß den Herrn des Geldes erwürgt, stieß die Thür zu, warf das Kienspan-Bund zu Boden, und sah sich dann den Ort näher an. Es war ein großer breiter Saal, an dessen Wänden überall Thüren angebracht waren; er zählte deren zwölf, und überlegte, welche von ihnen er zuerst versuchen sollte. »Sieben ist doch eine Glückszahl!« sagte er, und zählte dann von der Eingangsthür bis zur siebenten; aber diese war verschlossen und wollte nicht aufgehen. Als er sich indeß mit aller Leibeskraft gegen die Thür stemmte, gab das verrostete Schloß nach, und die Thür sprang auf. Als der Riegenaufseher hineintrat, fand er ein Gemach von mittlerer Größe, welches an einer Wand einen langen Tisch nebst einer Bank, an der andern Wand einen Ofen und vor demselben einen Herd enthielt; neben dem Herde lagen auch Scheite Holz am Boden. Der Mann machte nun Feuer an, und sah beim Scheine desselben, daß ein kleiner Grapen und eine Schale mit Mehl auf dem Ofen standen, auch fand er etwas Salz im Salzfaß. »Sieh' doch!« rief der Aufseher. »Hier finde ich ja unerwartet Mundvorrath, Wasser habe ich mir im Fäßchen mitgebracht, jetzt kann ich mir eine warme Suppe kochen.« Damit stellte er den Grapen auf's Feuer, that Mehl und Wasser hinein, streute Salz darauf, rührte mit einem Splitter um, und kochte die Suppe gar; dann goß er sie in die Schale, und setzte sie auf den Tisch. Das helle Feuer des Herdes erleuchtete die Stube, so daß er keinen Span anzuzünden brauchte. Der muthige Riegenaufseher setzte sich nun an den Tisch, nahm den Löffel und fing an, sich mit der warmen Suppe den leeren Magen zu füllen. Plötzlich sah er, als er aufblickte, die schwarze Katze mit den feurigen Augen auf dem Ofen sitzen; er konnte nicht begreifen, wie das Thier dahin gekommen sei, da er doch mit eigenen Augen gesehen hatte, wie die Katze die Treppe hinauf gerannt war. Darauf wurden draußen drei laute Schläge an die Thür gethan, so daß Wände und Fußboden schütterten, aber der Riegenaufseher verlor den Muth nicht, sondern rief mit strenger Stimme: »Wer einen Kopf auf dem Rumpfe hat, soll eintreten!« Augenblicklich prallte die Thür weit auf, die schwarze Katze sprang vom Ofen herunter und schoß durch die Thür, wobei ihr aus Maul und Augen Feuerfunken sprühten. Als die Katze davon gelaufen war, traten vier lange Männer ein in langen weißen Röcken und mit feuerrothen Mützen, welche dermaßen funkelten, daß sich Tageshelle im Gemach verbreitete. Die Männer trugen eine Bahre auf den Schultern, und auf der Bahre stand ein Sarg; das flößte aber dem beherzten Riegenaufseher keine Furcht ein. Ohne ein Wort zu sagen, stellten die Männer den Sarg auf den Boden, gingen dann einer nach dem andern zur Thür hinaus und zogen sie hinter sich zu. Die Katze miaute und kratzte an der Thür, als ob sie herein wollte, aber der Riegenaufseher kümmerte sich nicht darum, sondern verzehrte ruhig seine warme Suppe. Als er satt war, stand er auf und besah sich den Sarg; er brach den Deckel auf und erblickte einen kleinen Mann mit langem weißen Barte. Der Riegenaufseher hob ihn heraus, und brachte ihn zum Herde an's Feuer, um ihn zu erwärmen. Es dauerte auch nicht lange, so fing das alte Männchen an, sich zu erholen und Hände und Füße zu regen. Der muthige Riegenaufseher hatte nicht die geringste Furcht; er nahm die Suppenschüssel und den Löffel vom Tische, und fing an, den Alten zu füttern. Diesem aber dauerte das zu lange, drum faßte er die Schüssel mit beiden Händen und schlürfte hastig alle Suppe hinunter. Dann sagte er: »Dank dir, Söhnchen! daß du dich über mich Armen erbarmt, und meinen von Hunger und Kälte erstarrten Leib wieder aufgerichtet hast. Für diese Wohlthat will ich dir so fürstlichen Lohn spenden, daß du mich Zeit Lebens nicht vergessen sollst. — Da hinter dem Ofen findest du Pechfackeln, zünde eine derselben an, und komm mit mir. Vorher aber mach die Thür fest zu, damit die wüthige Katze nicht herein kann, die dir den Hals brechen würde. Später wollen wir sie so kirre machen, daß sie Niemanden mehr Schaden zufügen kann.«