Bei Gott! ich bin dein, wie’s ein Waisenkind ist!

30Verdirb es, verwirb es, wie Dir es erspriesst!

Schlag, Nachtigall, schlage, wo immer du bist!

Lang schon ist’s her, und ich sah dich nicht.

Solcher Liedchen enthält Blaus Sammlung mehrere; das sind aber auch die besten Stücke des moslimisch-slavischen Kunstschrifttums, soweit ich es kennen gelernt habe. Auf meiner ethnographischen Forschungreise in Bosnien und dem Herzogtum habe ich dieser Literatur nebenbei einige Aufmerksamkeit gewidmet und an 24 Handschriften gesammelt, die zu dieser Literatur gehören. Alle sind mit arabischen Buchstaben geschrieben. Mit solchen Schriftzeichen sind vor 45 Jahren zu Konstantinopel zwei Broschüren für die moslimischen Slaven Herceg-Bosnas gedruckt worden.[12]

Uskufî ist der bekannteste von den Kunstdichtern unter seinen Glaubensgenossen. Man zeigte mir zu Skoplje an dem Vrbasflüsschen sein ehemaliges Heim und auf der Ruine von Prusac sein Lieblingplätzchen, von wo aus man einen herrlichen Ausblick auf das tiefe und breite Tal und auf die Höhen der Čardak Planina geniesst.

Am meisten verbreitet sind im Volke die sogenannten Avdijen, das sind Ratschläge eines Vaters an seinen Sohn Avdija. Darnach nennt der slavische Moslim solche Gedichte kurzweg Avdije, ohne Rücksicht darauf, ob sie den Namen Avdija enthalten. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Avdijen als blosse Übersetzungen, vielleicht Umarbeitungen türkischer oder vielmehr arabischer Vorlagen sind.[13]

Jeder Moslim lernt in Bosnien und im Herzogtum vom Gemeindelehrer, vom Chodscha (hodža) türkisch lesen und schreiben und die unumgänglich notwendigen Suren des Koran; überdies muss er eine Avdija auswendig kennen. Auch Mädchen haben die Avdija inne. Ein kleines, fünfjähriges Töchterchen eines Beg (Edelmannes) in Maglaj an der Bosna sang mir in näselndem Tone eine Avdija vor. Sie hatte sich mit kreuzweis unterschlagenen Beinen auf dem Boden niedergekauert und wiegte rhythmisch den Oberkörper nach rechts und links.

Erwachsene näseln gleichfalls recht monoton die Avdija herab, nur ist’s Gebeutel krampfhafter; dabei rollt der Rezitator mit den Augen hin und her und schneidet Grimassen, als handelte es sich um Sein oder Nichtsein. Der Orientale kennt überhaupt das ruhige Erzählen nicht wie wir, er singelt immer nach gewissen Rhythmen und hält viel auf Pathos. Jeder Blick und jedes absichtliche, wenn auch noch so leise Zucken mit den Brauen oder dem Munde, alles hat seinen besonderen tiefen Sinn und Wert. In die geringfügigste Kleinigkeit weiss der Orientale etwas hineinzugeheimnissen. Seine Mimik dient zur plastischen Hervorhebung seiner Rede. Er spricht nicht bloss, um zu sprechen, er will den Zuhörer auch gleich durchdringend überzeugen. Er spricht nicht bloss mit dem Munde, er spricht zugleich mit dem ganzen Körper. Die Mimik wird zum Kommentar der Worte.

Aus diesem Grunde ist eine Avdija für den slavischen Moslim von weitaus höherer Bedeutung, als sie uns erscheinen mag, die wir leicht geneigt sind, eine Avdija als eine Reihe zusammenhangloser, zum Teil recht einfältiger Aussprüche zu betrachten. Lehrsätze dieser Art kennt übrigens auch der nichtmoslimische Slave in Herceg-Bosna. Er legt sie den Waldfräulein, den Vilen, in den Mund. Jede Sentenz hebt also an: