Richard Schmidt und anderen, die vor ihm über Fakire, Dervische und gleichartige Wundermenschen geschrieben, entging es, dass eine der beliebtesten Gestalten der deutschen Nationalliteratur ihren Ruf und Ruhm vor allem Künsten verdankt, die alles überragen, was Fakire je zu leisten vermocht. Wer sich davon überzeugen will, der lese Das alte Faustbuch nach, von dem August Holder auf Grund der alten Ausgaben und anderer Quellen eine vorzügliche neue Bearbeitung geliefert hat (Leipzig 1907, Deutsche Verlagaktiengesellschaft). Erkennen und kennen wir vorerst unser eigenes Volktum, so verliert für uns das anderer Völkergruppen sehr bald vieles von seinen Unverständlichkeiten und Unbegreiflichkeiten. Auch Rade hat in unserer Gesellschaft seinesgleichen.


[1] Siehe Anthropophyteia III (1906) S. 402 f.: ‘Von einem der Melodien farzte’ u. S. 404.

[2] Zitiert bei Daniel G. Brinton in Religions of primitive peoples, New-York 1897, S. 199.

[3] Am besten zu erfragen bei Frau Henriette Fleissig, Wien-Währing XVIII, Anastasius Grüngasse 13.

[4] Man vrgl. darüber Richard Schmidt, Fakire und Fakirtum, Yogalehre und Yogapraxis. Mit 87 farb. Illustrationen. Berlin 1908, H. Barsdorf. Dies Werk des um die Erforschung der indischen Erotik hochverdienten Gelehrten erlaubt es mir, mich hier ganz kurz zu fassen.

[5] Der Zusatz lautet: »Mit der ‘Wissenschaft’ des Yoga hat es in gewissem Sinne seine Richtigkeit, wie auch die in München zum Kongresse erschienene Flugschrift ‘Yoga’ von Dr. Karl Kellner behauptet. Yoga ist eine sehr alte und lange geheim gehaltene Lehre, die ihren Jünger in Stand setzt, durch gewisse Übungen die Erscheinungen des künstlichen Somnambulismus willkürlich in sich hervorzurufen. Und da die Ekstase bis zur Bewusstlosigkeit dem religiösen Indier als der höchste Zustand menschlicher Seligkeit erscheint, so werden die Yogi als heilige Menschen besonders geachtet. Sich nun aber als ‘Schwindler’, das heisst als Nicht-Schläfer verurteilt zu sehen, nachdem er sich in Budapest, wie Herr Pratapa versichert, ohne die geringste Geldentschädigung von Seite des Impresario zur Schau gestellt hatte, das ist ihm sehr schmerzlich. Der Yoga-Schlaf Pratapa’s hat noch einen anderen Apologeten gefunden, und zwar am Mystiker und Theosophen Dr. Franz Hartmann, der eine eigene Monatschrift für die Propagierung der indischen Religionlehre: ‘Lotusblüte’ herausgab. Als Zweck der Schaustellung Pratapa’s bezeichnet er in einer kleinen Flugschrift ‘Yoga-Schlaf’: ‘Denkfähigen Menschen den Beweis zu liefern, dass es ausser dem äusserlichen Leben des Körpers noch ein innerliches Seelenleben gibt, und dass somit wohl das Leben des Körpers von der Gegenwart des Seelenlebens, nicht aber die Seele vom Körper abhängig ist. Damit ist denn auch die ganze verkehrte sogenannte ‘materielle’ Weltanschauung in ihrer Grundlage erschüttert und umgeworfen.’ Der schlafende Fakir hatte also keinen geringeren Beruf, als die ‘materielle’ Weltanschauung umzuwerfen — und zu diesem Zwecke zog er nach München, wo die Psychologen zu dem ganz entgegengesetzten Zwecke versammelt waren, wo die bedeutendsten Forscher den Nachweis führten, dass ohne körperliche Vorgänge kein Denken geschieht? Eine Weltanschauung durch Schlaf erschüttern zu wollen — das ist grossartig!«

[6] M. Gj. Milićević, Kneževina Srbija, p. 1085.

[7] Eine Biographie Rade’s (Uskok Radojica) lieferte P. Mirković im Javor, Bd. XIV, S. 705–707, 721–723, 737–739. Er verlegt Rade irrtümlich ins 16. statt ins 17. Jahrhundert. Im übrigen leidet der Aufsatz an allseitig unzureichender Stoffkenntnis und patriotisch-banaler Kritiklosigkeit des Biographen.