RAOUL. Wer sie sei,
Will sie allein dem König offenbaren.
Sie nennt sich eine Seherin und Gotts
Gesendete Prophetin, und verspricht
Orleans zu retten, eh der Mond noch wechselt.
Ihr glaubt das Volk und dürstet nach Gefechten.
Sie folgt dem Heer, gleich wird sie selbst hiersein.
(Man hört Glocken und Geklirr von Waffen, die aneinandergeschlagen
werden)
Hört ihr den Auflauf? Das Geläut der Glocken?
Sie ists, das Volk begrüßt die Gottgesandte.
KARL (zu Du Chatel). Führt sie herein—
(zum Erzbischof) Was soll ich davon denken!
Ein Mädchen bringt mir Sieg und eben jetzt,
Da nur ein Götterarm mich retten kann!
Das ist nicht in dem Laufe der Natur,
Und darf ich—Bischof, darf ich Wunder glauben?
VIELE STIMMEN (hinter der Szene).
Heil, Heil der Jungfrau, der Erretterin!
KARL. Sie kommt!
(Zu Dunois) Nehmt meinen Platz ein, Dunois!
Wir wollen dieses Wundermädchen prüfen,
Ist sie begeistert und von Gott gesandt,
Wird sie den König zu entdecken wissen.
(Dunois setzt sich, der König steht zu seiner Rechten, neben ihm Agnes Sorel, der Erzbischof mit den übrigen gegenüber, daß der mittlere Raum leer bleibt)
ERSTER AUFZUG
Zehnter Auftritt
Die Vorigen. Johanna begleitet von den Ratsherren und vielen
Rittern, welche den Hintergrund der Szene anfüllen; mit edelm
Anstand tritt sie vorwärts, und schaut die Umstehenden der
Reihe nach an
DUNOIS (nach einer tiefen feierlichen Stille).
Bist du es, wunderbares Mädchen—
JOHANNA (unterbricht ihn, mit Klarheit und Hoheit ihn anschauend).
Bastard von Orleans! Du willst Gott versuchen!
Steh auf von diesem Platz, der dir nicht ziemt,
An diesen Größeren bin ich gesendet.
(Sie geht mit entschiedenem Schritt auf den König zu, beugt ein
Knie vor ihm und steht sogleich wieder auf, zurücktretend. Alle
Anwesenden drücken ihr Erstaunen aus. Dunois verläßt seinen Sitz
und es wird Raum vor dem König)