ZWEITER. Nicht möglich! Nimmermehr! Wie kam sie in das Lager?

DRITTER. Durch die Luft! Der Teufel hilft ihr!

VIERTER und FÜNFTER.
Flieht! Flieht! Wir sind alle des Todes! (Gehen ab)

TALBOT (kommt). Sie hören nicht—Sie wollen mir nicht stehn!
Gelöst sind alle Bande des Gehorsams,
Als ob die Hölle ihre Legionen
Verdammter Geister ausgespieen, reißt
Ein Taumelwahn den Tapfern und den Feigen
Gehirnlos fort, nicht eine kleine Schar
Kann ich der Feinde Flut entgegenstellen,
Die wachsend, wogend in das Lager dringt!
—Bin ich der einzig Nüchterne und alles
Muß um mich her in Fiebers Hitze rasen?
Vor diesen fränkschen Weichlingen zu fliehn,
Die wir in zwanzig Schlachten überwunden!—
Wer ist sie denn, die Unbezwingliche,
Die Schreckensgöttin, die der Schlachten Glück
Auf einmal wendet, und ein schüchtern Heer
Von feigen Rehn in Löwen umgewandelt?
Eine Gauklerin, die die gelernte Rolle
Der Heldin spielt, soll wahre Helden schrecken?
Ein Weib entriß mir allen Siegesruhm?

SOLDAT (stürzt herein). Das Mädchen! Flieh! Flieh, Feldherr!

TALBOT (stößt ihn nieder). Flieh zur Hölle
Du selbst! Den soll dies Schwert durchbohren,
Der mir von Furcht spricht und von feiger Flucht. (Er geht ab)

ZWEITER AUFZUG

Sechster Auftritt

Der Prospekt öffnet sich. Man sieht das englische Lager in vollen Flammen stehen. Trommeln, Flucht und Verfolgung. Nach einer Weile kommt Montgomery

MONTGOMERY (allein).
Wo soll ich hinfliehn? Feinde ringsumher und Tod!
Hier der ergrimmte Feldherr, der mit drohndem Schwert
Die Flucht versperrend uns dem Tod entgegentreibt.
Dort die Fürchterliche, die verderblich um sich her
Wie die Brunst des Feuers raset—Und ringsum kein Busch,
Der mich verbärge, keiner Höhle sichtet Raum!
O wär ich nimmer über Meer hieher geschifft,
Ich Unglückselger! Eitler Wahn betörte mich,
Wohlfeilen Ruhm zu suchen in dem Frankenkrieg,
Und jetzo führt mich das verderbliche Geschick
In diese blutge Mordschlacht.—Wär ich weit von hier
Daheim noch an der Savern' blühendem Gestad,
Im sichern Vaterhause, wo die Mutter mir
In Gram zurückblieb und die zarte süße Braut.
(Johanna zeigt sich in der Ferne)
Weh mir! Was seh ich! Dort erscheint die Schreckliche!
Aus Brandes Flammen, düster leuchtend, hebt sie sich,
Wie aus der Hölle Rachen ein Gespenst der Nacht
Hervor.—Wohin entrinn ich! Schon ergreift sie mich
Mit ihren Feueraugen, wirft von fern
Der Blicke Schlingen nimmer fehlend nach mir aus.
Um meine Füße, fest und fester, wirret sich
Das Zauberknäuel, daß sie gefesselt mir die Flucht
Versagen! Hinsehn muß ich, wie das Herz mir auch
Dagegen kämpfe, nach der tödlichen Gestalt!
(Johanna tut einige Schritte ihm entgegen, und bleibt wieder
stehen)
Sie naht! Ich will nicht warten, bis die Grimmige
Zuerst mich anfällt! Bittend will ich ihre Knie
Umfassen, um mein Leben flehn, sie ist ein Weib,
Ob ich vielleicht durch Tränen sie erweichen kann!