Franz. »Todtenbleich in seinen Stuhl zurücktaumeln, und dem Tage fluchen, an dem ihm zum erstenmal Vater entgegengestammelt ward. Man hat mir nicht alles entdecken mögen, und von dem Wenigen, das ich weiß, erfährst du nur weniges. Dein Bruder scheint nun das Maas seiner Schande gefüllt zu haben; ich wenigstens kenne nichts über dem, was er wirklich erreicht hat, wenn nicht sein Genie das meinige hierin übersteigt. Gestern um Mitternacht hatte er den großen Entschluß, nach vierzig tausend Dukaten Schulden — ein hübsches Taschengeld, Vater — nachdem er zuvor die Tochter eines reichen Banquiers allhier entjungfert, und ihren Galan, einen braven Jungen von Stand, im Duell auf den Tod verwundet, mit sieben andern, die er mit in sein Luderleben gezogen, dem Arm der Justiz zu entlaufen« — Vater! Um Gotteswillen, Vater! wie wird euch?

D. a. Moor. Es ist genug. Laß ab, mein Sohn!

Franz. Ich schone eurer — »man hat ihm Steckbriefe nachgeschickt, die Beleidigten schreyen laut um Genugthuung, ein Preiß ist auf seinen Kopf gesetzt — der Name Moor« — Nein! Meine armen Lippen sollen nimmermehr einen Vater ermorden! (zerreißt den Brief.) Glaubt es nicht, Vater! glaubt ihm keine Sylbe!

D. a. Moor (weint bitterlich.) Mein Name! Mein ehrlicher Name!

Franz (fällt ihm um den Hals.) Schändlicher, dreimal schändlicher Karl! Ahnete mirs nicht, da er noch ein Knabe den Mädels so nachschlenderte, mit Gassenjungen und elendem Gesindel auf Wiesen und Bergen sich herumhezte, den Anblick der Kirche, wie ein Missethäter das Gefängniß, floh, und die Pfennige, die er euch abquälte, dem ersten dem besten Bettler in den Hut warf, während daß wir daheim mit frommen Gebeten und heiligen Predigtbüchern uns erbauten? — Ahnete mirs nicht, da er die Abentheuer des Julius Cäsar und Alexander Magnus und anderer stockfinsterer Heiden lieber las, als die Geschichte des bußfertigen Tobias? — Hundertmal hab' ichs euch geweissagt, denn meine Liebe zu ihm war immer in den Schranken der kindlichen Pflicht, — der Junge wird uns alle noch in Elend und Schande stürzen! — O daß er Moors Namen nicht trüge! daß mein Herz nicht so warm für ihn schlüge! Die gottlose Liebe, die ich nicht vertilgen kann, wird mich noch einmal vor Gottes Richterstuhl anklagen.

D. a. Moor. O — meine Aussichten! Meine goldenen Träume!

Franz. Das weiß ich wohl. Das ist es ja, was ich eben sagte. Der feurige Geist, der in dem Buben lodert, sagtet ihr immer, der ihn für jeden Reiz von Größe und Schönheit so empfindlich macht; diese Offenheit, die seine Seele auf dem Auge spiegelt, diese Weichheit des Gefühls, die ihn bei jedem Leiden in weinende Sympathie dahinschmelzt, dieser männliche Muth, der ihn auf den Wipfel hundertjähriger Eichen treibet, und über Gräben und Pallisaden und reissende Flüsse jagt, dieser kindische Ehrgeitz, dieser unüberwindliche Starrsinn und alle diese schönen glänzenden Tugenden, die im Vatersöhnchen keimten, werden ihn dereinst zu einem warmen Freund eines Freundes, zu einem treflichen Bürger, zu einem Helden, zu einem grossen, grossen Manne machen — seht ihrs nun, Vater! — der feurige Geist hat sich entwickelt, ausgebreitet, herrliche Früchte hat er getragen. Seht diese Offenheit, wie hübsch sie sich zur Frechheit herumgedreht hat, seht diese Weichheit, wie zärtlich sie für Koketten girret, wie so empfindsam für die Reitze einer Phryne! Seht dieses feurige Genie, wie es das Oel seines Lebens in sechs Jährgen so rein weggebrannt hat, daß er bei lebendigem Leibe umgeht, und da kommen die Leute, und sind so unverschämt und sagen: c'est l'amour qui a fait ça! Ah! seht doch diesen kühnen unternehmenden Kopf, wie er Plane schmiedet und ausführt, vor denen die Heldenthaten eines Kartouches und Howards verschwinden! — Und wenn erst diese prächtigen Keime zur vollen Reife erwachsen — was läßt sich auch von einem so zarten Alter Vollkommenes erwarten? — Vielleicht, Vater, erlebet ihr noch die Freude, ihn an der Fronte eines Heeres zu erblicken, das in der heiligen Stille der Wälder residiret, und dem müden Wanderer seine Reise um die Hälfte der Bürde erleichtert — vielleicht könnt ihr noch, eh' ihr zu Grabe geht, eine Wallfahrt nach seinem Monumente thun, das er sich zwischen Himmel und Erden errichtet — vielleicht, o Vater, Vater, Vater — seht euch nach einem andern Namen um, sonst deuten Krämer und Gassenjungen mit Fingern auf euch, die euren Herrn Sohn auf dem Leipziger Marktplatz im Portrait gesehen haben.

D. a. Moor. Und auch du, mein Franz, auch du? O meine Kinder! Wie sie nach meinem Herzen zielen!

Franz. Ihr seht, ich kann auch witzig seyn, aber mein Witz ist Skorpionstich. — Und dann der trockne Alltagsmensch, der kalte, hölzerne Franz, und wie die Titelgen alle heissen mögen, die euch der Contrast zwischen ihm und mir mochte eingegeben haben, wenn er euch auf dem Schoose saß, oder in die Backen zwickte — der wird einmal zwischen seinen Gränzsteinen sterben, und modern, und vergessen werden, wenn der Ruhm dieses Universalkopfs von einem Pole zum andern fliegt — Ha! mit gefaltnen Händen dankt dir, o Himmel! der kalte, trockne, hölzerne Franz — daß er nicht ist, wie dieser!

D. a. Moor. Vergib mir, mein Kind; zürne nicht auf einen Vater, der sich in seinen Planen betrogen findet. Der Gott, der mir durch Karln Thränen zusendet, wird sie durch dich, mein Franz, aus meinen Augen wischen.