Miller. Hum! rede deutlicher.
Luise. Ich weiß so eben kein liebliches Wort dafür—Er muß nicht erschrecken, Vater, wenn ich Ihm ein häßliches nenne. Dieser Ort—O warum hat die Liebe nicht Namen erfunden! den schönsten hätte sie diesem gegeben. Der dritte Ort, guter Vater—aber Er muß mich ausreden lassen—der dritte Ort ist das Grab.
Miller (zu seinem Sessel hinwankend). O mein Gott!
Luise (geht auf ihn zu und hält ihn). Nicht doch, mein Vater! Das sind nur Schauer, die sich um das Wort herum lagern—Weg mit diesem, und es liegt ein Brautbette da, worüber der Morgen seinen goldenen Teppich breitet und die Frühlinge ihre bunten Guirlanden streun. Nur ein heulender Sünder konnte den Tod ein Gerippe schelten; es ist ein holder, niedlicher Knabe, blühend, wie sie den Liebesgott malen, aber so tückisch nicht—ein stiller, dienstbarer Genius, der der erschöpften Pilgerin Seele den Arm bietet über den Graben der Zeit, das Feenschloß der ewigen Herrlichkeit aufschließt, freundlich nickt und verschwindet.
Miller. Was hast du vor, meine Tochter?—Du willst eigenmächtig Hand an dich legen.
Luise. Nenn' Er es nicht so, mein Vater. Eine Gesellschaft räumen, wo ich nicht wohl gelitten bin—an einen Ort vorausspringen, den ich nicht länger missen kann—ist denn das Sünde?
Miller. Selbstmord ist die abscheulichste, mein Kind—die einzige, die man nicht mehr bereuen kann, weil Tod und Missethat zusammenfallen.
Luise (bleibt erstarrt stehn). Entsetzlich!—Aber so rasch wird es doch nicht gehn. Ich will in den Fluß springen, Vater, und im Hinuntersinken Gott den Allmächtigen um Erbarmen bitten.
Miller. Das heißt, du willst den Diebstahl bereuen, sobald du das Gestohlene in Sicherheit weißt—Tochter! Tochter! Gib Acht, daß du Gottes nicht spottest, wenn du seiner am meisten vonnöthen hast. O! es ist weit, weit mit dir gekommen!—Du hast dein Gebet aufgegeben, und der Barmherzige zog seine Hand von dir.
Luise. Ist lieben denn Frevel, mein Vater!