Besorgnisse, die mich in meinem gewöhnlichen Zustande nicht angefochten haben würden, waren mir jetzt unsäglich quälend. Ich stellte mir unter allen argen Gerichten, die über mich ergehen würden, gerade das allerärgste vor, und wenn sich auch mein sonstiger Leichtsinn von Zeit zu Zeit einmal rührte, war er doch nicht fähig, die ängstlichen Grillen zu verjagen. Ruthe und Malchen, waren zwey Begriffe, die sich durchaus nicht vertrugen, und die allein schon fähig gewesen wären, meinen Entschluß, in alle Welt zu gehen, mit jeder Minute fester zu machen; aber es kam noch ein dritter hinzu, der mir vollends keinen andern Weg übrig ließ.
Mein Papa hatte jährlich drey- oder viermal einen Besuch, auf welchen unser ganzes Haus, wie auf eine frohe Erscheinung vom Himmel, wartete. Ein Neffe des Präsidenten von Lemberg, der als Legationsrath in D** stand, kam jährlich einigemal zu seinem Onkel, und da er meinen Papa als einen alten vertrauten Freund in der Nähe hatte, so machte er ihm bey der Gelegenheit jedesmal seinen Besuch. Wenn er in die Stube trat, war ich der erste, der in seine Arme lief. Er umschloß mich dann mit allem Feuer einer väterlichen Zärtlichkeit, nannte mich seinen guten Moriz, oder auch (was mir unendlich süßer klang) seinen lieben Sohn. Er unterhielt sich mit meinem Papa nicht halb soviel, als mit mir. Ich mußte ihm erzählen, was ich seit seinem letzten Besuche gelernt, gethan und geschwärmt hatte, und ob ich artig oder unartig, folgsam oder ungehorsam gewesen? Bey diesem letztern Artikel wurden auch Papa und Martha vernommen, und sie verschwiegen ihm nichts. Manche Dinge, die für den Papa bis dahin ein Geheimniß geblieben waren, kamen dann an den Tag; denn Martha schien es sich zu einer strengen Regel gemacht zu haben, meinem Papa alles, aber dem Legationsrath nichts zu verbergen, was ich Böses oder Gutes die Zeit über vorgenommen hatte. Woher es kam, daß sie diesem Manne keine einzige meiner großen und kleinen Sünden verschwieg, konnte ich mir aus keinem andern Umstand erklären, als daß sie, so lange er bey uns war, (und das dauerte zuweilen vier bis fünf Tage) täglich eine oder zwey Stunden geheime Konferenz mit ihm hielt, und wenn er abreisete, jedesmal einen neuen Anzug oder ein paar Louisd'or, auch öfters beydes zugleich bekam. Durch dieses Mittel hatte er sie, wie es mir schien, so auf seine Seite gezogen, daß sie ihre ganze sonstige Nachsicht gegen mich vergaß und alles haarklein beichtete, was sie von mir wußte.
Eine Hauptregel, die er mir bey seiner Ankunft und Abreise jedesmal dringend ans Herz legte und anpries, war diese:
Hab' Ehrfurcht und Gehorsam gegen deinen Vater und Lehrer, und mache dir niemand, auch den Geringsten nicht, zum Feinde.
Verstoßungen gegen diesen Grundsatz ahndete er sehr scharf, nicht mit harten Ausdrücken, sondern mit Ton und Worten einer zärtlichen Rührung, die lieber weinen als schelten möchte.
Nun denke man sich, was ein Blick auf diesen Mann und diesen Grundsatz für eine Zerstöhrung in meinem Herzen anrichten mußte. Papa hatte schon seit acht Tagen gesagt, daß der Legationsrath ehestens kommen würde. »Vielleicht ist er schon da!« sagte mein beklommenes Herz: »Wenn du nach Hause kömmst, läuft er dir mit offnen Armen entgegen, drückt dich an seine Brust, nennt dich seinen lieben Sohn, und mitten unter diesen Ergießungen der Zärtlichkeit, tritt der Magister in die Stube, und erzählt, wie gottlos du ihn behandelt hast!«
»Nein, du kannst nicht nach Hause gehen!« war der erste und nächste Gedanke, der aus jenem entsprang, und sich meiner mit solcher Gewalt bemächtigte, daß ich aufsprang und ein paar hundert Schritt in größ'ter Eile fortlief. Aber, so rüstig ich auch vorwärts jagte, holten mich doch zwey Gedanken ein, die mich anfangs fest, wie angenagelt hielten, und bald nachher mich auf das Schloß und von da auf unser Gut zurückschoben. Der eine war: willst du fortlaufen, ohne Malchen etwas davon zu sagen? und der andre: du mußt deinen guten Phylax mitnehmen, damit dir unterweges niemand etwas zu Leide thun kann.
Ich ging einigemal verstohlen um das Schloß herum, und hoffte Malchen zu sehen, aber vergebens. Ich ward zehnmal ungeduldig und wieder geduldig, eh' es mir einfiel, daß ich sie vor Endigung der Schule nicht würde zu sehen bekommen. Also entschloß ich mich, unterdessen meinen Phylax zu holen. Nicht ohne Furcht, der Martha in die Augen zu fallen, stahl ich mich auf unsern Hof, und fand meinen künftigen Reisegefährten in seiner Hütte schlafend. Ich nahm ihn beym Ohr und er riß die Augen und seinen großen Rachen gähnend auf. Als er sahe, daß ich es war, machte er beydes wieder zu, und steckte den Kopf unter, um wieder einzuschlafen. »Nein, nein, komm!« sagte ich voller Ungeduld und zupfte ihn beym Ohre. Nun stand er auf und ging mit.
Ich kam glücklich ohne bemerkt zu werden vom Hofe herunter. Es war mir unbeschreiblich weh um das Herz, als ich noch einmal nach dem Hause meines Papa zurücksah; aber diese aufsteigende Wehmuth änderte meinen Entschluß nicht. Ich ging gerade nach dem Schlosse und versteckte mich in dem Baumgarten, wo wir gewöhnlich zu spielen pflegten, wenn wir der Zucht des Magisters entgangen waren.