Zweytes Kapitel.
Martha: ein Monolog.

»Morizchen, Morizchen,« rief sie leise und tippte mit ihrem eißkalten Finger mir auf den linken Backen: »schläfst du noch?«

Ich schlief dicht und fest.

»I, du lieber Goldjunge! (Sie bückte sich zu mir herunter und drückte ihre Lippen sanft auf die meinigen) Ach, wie warm die Lippen des kleinen Schlingels sind! – Noch einmal (sie küßte mich von neuem) Noch einmal! und – noch einmal!«

Ich schlief dicht und fest.

»Und, die kleinen rothen Bäckchen,« rief sie wie entzückt, »die kleinen rothen Bäckchen, so voll, so fest!«

Sie rückte leise einen Stuhl vors Bette, setzte sich darauf, und legte ihren rechten Backen auf meinen linken. Mein Backen brannte wie Feuer, und erhitzte nach und nach den ihrigen, der anfangs sehr kalt war. So blieb sie eine Weile liegen, ohne einen Laut von sich zu geben.

Mir ward diese Lage in die Länge beschwerlich, und ich war einigemal im Begrif, zu erwachen; aber die Besorgniß, daß ich ein plötzliches Erwachen nicht natürlich und unverdächtig würde machen können, hielt mir die Augen zu. Nach einigen Minuten richtete sie sich auf und krabbelte mir sanft und leise um Hals und Kinn.

»Alles so fein, so fleischigt, so glatt!« sagte sie mit leiser zitternder Stimme: »Ich möchte den Jungen aufessen vor Liebe! – Wenn ich meinen alten Ernst dagegen ansehe, der hat eine Haut wie Elefantenleder. Aber hier? Wie fein, wie glatt die Stirn ist? Wie prall und rund die Backen! Der alte Ernst hat hundert Millionen Runzeln vor dem Kopfe, und seine Backen sind so dick, so aufgedunsen und kirschbraun! Und das kleine Mäulchen hier – so frisch, so roth, so klein! – Warum kann ichs denn so lange ansehen?«

Sie bückte sich von neuem zu mir herunter, und gab mir einen Kuß. Diese kleinen Späße gefielen mir, und ich schlief mit jeder Minute fester ein.