Unwillkürlich fragen wir nach Gründen, geeignet, die Lieblosigkeit der Urzeit einigermassen zu erklären. Einer darunter mochte wohl darin liegen, dass die Geschlechter von einander noch zu wenig differenziert, einander noch in jeder Hinsicht zu ähnlich waren, um jene tiefere Neigung des Gemütes zu erwecken, welche nicht zum wenigsten auf dem „Anderssein“ des geliebten Gegenstandes beruht. So weit ich sehe, ist der von mir schon im ersten Kapitel hervorgehobene Umstand noch nicht gehörig gewürdigt worden, dass bei niedrigen Stämmen Mann und Weib auch leiblich nur wenig unterschieden sind. Dies spricht sich zunächst deutlich in der Bekleidung aus; beschränkt, wie sie ist, zeigt sie fast gar keine Abweichung für die beiden Geschlechter. Die Haartracht, auf welche namentlich Unbekleidete hohes Gewicht zu legen pflegen, ist nicht selten bei Männern und Weibern eine sehr ähnliche, und auch die Unterschiede in Lebensweise und Beschäftigung, obwohl sehr frühzeitig auftretend, doch noch nicht gross genug, um die weibliche Individualität in ihrer so anziehenden leiblichen und seelischen Eigenart voll auszuprägen. Mit einem Worte: das Weib ist noch zu wenig Weib, um die Geistesthätigkeit des Mannes herauszufordern, sich mit ihr zu beschäftigen, und in gleichem Masse ist auch der Mann unter seinesgleichen noch zu wenig individualisiert. Klagen doch europäische Reisende selbst bei höheren Rassen, wie bei Chinesen, Japanern oder Mongolen, dass ein Einzelwesen aussehe wie das andere und dass es langer Übung bedürfe, um die Physiognomien unterscheiden zu lernen.

Die wie in der Tierwelt nur schwach mit den Kennzeichen der Weiblichkeit ausgerüsteten Wesen lassen auch in psychischer Beziehung alles vermissen, was gesitteten Epochen als ureigentümlich gilt. Von Natur ist der Mensch nicht gut im modernen Sinne, und seine Laster, wieder im modernen Sinne, sind keine Störungen einer göttlichen Weltordnung, sondern umgekehrt die Ordnung der Welt, die sich allerdings, aber langsam, zum Bessern entwickelt, ist Mord, Raub und Unzucht. Insbesondere ist der Mensch ein grausames Geschöpf, ein fleischfressendes Tier und somit vielfach mit Roheit und Gleichgültigkeit gegen die Leiden anderer behaftet. Nährungsweise und Erziehung vermögen eine Milderung zu bewirken,[204] aber bei vielen Wilden und Halbwilden ist eine solche Veränderung noch nicht eingetreten, und selbst in Mitte der gesitteten Gesellschaft giebt es bekanntlich noch, wie John Stuart Mill mit Recht betont, „Personen, welche von Charakter oder, wie man zu sagen pflegt, von Natur aus grausam sind, welche ein wirkliches Vergnügen daran empfinden, Schmerz zu bereiten oder bereiten zu sehen. Diese Art von Grausamkeit ist nicht blosse Hartherzigkeit oder Mangel an Mitleid oder Gewissensbissen; sie ist eine ganz positive Erscheinung, eine Art von wollüstiger Erregung.“ Dies erklärt auch, wie ich schon an einem andern Orte[205] bemerkte, warum sie in der Regel stärker aufzutreten scheint bei männlichen als bei weiblichen Individuen, und in warmen Himmelstrichen intensiver als in kälteren. Bemerkenswert bleibt auch, worauf ich bei den uns beschäftigenden Untersuchungen besonderes Gewicht legen möchte, dass, obwohl so nahe verwandt mit der Leidenschaft der Liebe, die Grausamkeit weit früher in der Lebensgeschichte des Individuums sich entwickelt. In der That sind die Kindheit und das Jünglingsalter, wenigstens in der gesitteten Gesellschaft, jene Stadien, worin die Grausamkeit am auffallendsten sich äussert. Die Ursache dafür liegt wohl darin, dass in jenem Lebensalter die einschränkende Kraft, welche in späteren Jahren die Überlegung ausübt, noch nicht zur Thätigkeit wachgerufen ist. Ebenso sind die das Jugendalter der Menschheit darstellenden Naturvölker deshalb grausam, weil die die Reflexion vertretende Kultur an ihnen noch nicht wirksam gewesen ist. Dass die Grausamkeit eine positiv tierische Seite der menschlichen Natur bildet, dürfte kaum irgend jemand in Zweifel zu ziehen gesonnen sein, und es ist interessant zu wissen, dass dieselbe am ähnlichsten beim Affen sich äussert.[206] Insbesondere von den Anthropomorphen hat Broderip in seinen Zoological recreations nachgewiesen, dass sie andere Tiere prügeln, ja selbst töten, obwohl sie selbst keine Fleischfresser sind.

Darnach wird es wohl niemanden in Erstaunen setzen, zu vernehmen, dass das Weib des Wilden heute noch vielfach, wie die Tigerin, den Instinkt der Grausamkeit besitzt und, wie die Löwin oft teilnimmt an den blutigen Kämpfen der Männer. Ungesprochen ist für das Weib des Wilden das schöne Frauenwort, welches Sophokles seine Antigone sagen lässt: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da!“ Die französischen Schwestern der katholischen Mission in Weidah klagen, dass der jugendliche Teil der weiblichen Bevölkerung Dahomehs aus wahrhaften Tigerkatzen bestehe und weit schwerer zu erziehen sei als die Knaben.[207] Wilfried Powell erzählt von den entsetzlichen Martern und Qualen, welche die Neubritannier ihren Kriegsgefangenen aufzuerlegen pflegen. „Eine Art solcher Martern besteht darin, dass man Hände und Beine des Opfers an Stöcke im Boden festbindet und ihm Feuer auf den Leib legte. Diese teuflische Quälerei wird durch die Frauen vorgenommen, welche weit grausamer sind, als die Männer; letztere erlösen bisweilen den armen Gefangenen durch einen Speerstoss oder Beilhieb von seiner Pein, aber die Weiber lachen und jubeln dabei, stossen auch wohl den Dulder mit einem Speere, um ihn aufzustören, falls er ihnen nicht genug zuckt und heult.“[208] Wer dächte dabei nicht an die verschiedenen Sippen der Katzen, deren Weibchen an Grausamkeit den Männchen nichts nachgeben! Sogar unter Kulturnationen fehlt es nicht an Beispielen, dass Frauen blutgieriger sich zeigen als Männer.[209] Zwar verfehlt die vorwiegendere Pflanzenkost, auf welche das Weib sich im Laufe der Entwicklung bald angewiesen sieht, nicht, eine grössere Differenzierung der Geschlechter zu bewirken und aus dem Weibe im Durchschnitt eine immer schwächere Genossin des Mannes auf seinen rauhen Lebenspfaden zu machen; dagegen sehen wir auf tieferen Kulturstufen dasselbe ihn noch in den Krieg begleiten, Speere, Steine u. dergl. tragend und durch Zuruf aufreizend. Powell berichtet von einem Kampfe mit den Eingebornen Neubritanniens, welche standhielten, ermutigt durch die Weiber, die wie die Teufel herumsprangen und tanzten und Hohn- und Schimpfreden der ekelhaftesten Art dem Feinde entgegenschleuderten.[210] Das Gleiche berichtet der englische Forscher Joseph Thomson von dem bislang noch wenig bekannten Volke der wilden Massai in Ostafrika. Auch dort spornen die mit ins Feld ziehenden Weiber auf beiden Seiten die kämpfenden Krieger zu den kühnsten Thaten an.[211] Wie die Frauen der alten Germanen reizen auch die Kabylenweiber in Algerien durch Geschrei und Gesang zum Kampfe; bei diesem kriegerischen Volke muss das Weib eben so viel wagen und dulden als der Mann; ihr Scharfblick begleitet ihn in das Schlachtengetümmel, um über sein Betragen zu urteilen und zu richten. Die Weiber der Hesareh im Hindukusch, deren Männer keine Eifersucht kennen und welche sich dies zu nutze machen, sind stolz darauf, ein Ross mit Gewandtheit reiten und das Schwert mit gleicher Tapferkeit gebrauchen zu wissen, wie ihre kriegerischen Brüder und Gatten;[212] ihre Gegner fürchten sogar die Grausamkeit der Weiber mehr als jene der Männer.[213] Diese kühnen Reiterinnen nehmen stets Anteil am Kampfe und kein Mädchen heiratet, ehe es nicht eine Heldenthat vollbracht.[214] In der für Muhammed so unglücklichen Schlacht am Berge Ochod erschienen die ungeordneten aber frohmutigen Haufen der arabischen Heiden mit den Scharen der Weiber vor sich, welche ihre Pauken schlugen und das alte Kriegslied sangen:

Wir Kinder eines Recken

Ruhen auf weichen Decken,

Vordringende zu wecken,

Rückweichende zu schrecken.[215]

Solcher Beispiele liessen sich noch gar viele anführen.

Endlich ist es bekannt, dass heute noch in einem Reiche des äquatorialen Afrika Weibersoldaten nichts Ungewöhnliches sind. Der König der Dahomehneger, deren eigentlicher Name Ffons ist, besitzt nämlich eine Leibgarde weiblicher Krieger, die früher 3000–8000 Köpfe stark, jetzt bloss noch 1500 Köpfe zählt, immerhin aber noch den Kern des mit Kanonen und Schiesswaffen versehenen Heeres bildet. Ich habe nach Richard Burton eine ausführliche Schilderung dieser Weibertruppe an anderer Stelle[216] gegeben und begnüge mich hier auf dieselbe zu verweisen. Dass diese Weiber tapfer sind und von ihren Waffen einen tüchtigen Gebrauch zu machen wissen, das haben anfangs der siebziger Jahre die Engländer erfahren, welche von der Meeresküste nach Dahomeh mit einem kleinen Heere einzudringen versuchten, aber von den schwarzen Weibersoldaten mit grossem Verluste zurückgeworfen wurden. Meiner Ansicht nach sehr richtig erklärt Zöller diese Vereinigung des Weiblichen mit dem Kriegerischen aus der eigentümlichen männlichen Bildung des Negerskelettes, dem nichts weniger als üppigen Körperbau und besonders der Schmalheit des weiblichen Negerbeckens, wozu dann noch das kurz geschorene Haar und die von jener der Männer durchaus nicht abweichende Kleidung kommen.[217]

Dass es solche Weiberregimenter auch in Indien giebt oder wenigstens noch bis in die Hälfte unseres Jahrhunderts gab, ist weniger bekannt. Eine aus jener Zeit stammende Quelle sagt vom damals noch unabhängigen Nizam von Haiderabad: „Ausser den gewöhnlichen prätorianischen Banden, die man aus Misstrauen gegen die englische Herrschaft im Solde behielt, hatte der Nizam noch vor wenigen Jahren und, so weit wir immer wissen, noch jetzt eine eigentümlich zusammengesetzte, nämlich ganz aus Weibern bestehende Wache. Diese Amazonen heissen Gardonis — wahrscheinlich aus dem europäischen Worte Garden verderbt — und sind oder waren zu der Zeit, von der wir sprechen, nämlich vor zwanzig oder dreissig Jahren, wie Sipahis gekleidet, mit Musketen versehen und bis zu einem gewissen Grade diszipliniert. Dass sie zum mindesten nicht schlechter waren als andere Haustruppen des Nizam, ergiebt sich aus dem Umstande, dass sie oft thätigen Anteil an den kriegerischen Operationen nahmen, deren Schauplatz das Gebiet des Nizam so häufig gewesen. Während des Krieges mit den Mahratten am Schlusse des vorigen Jahrhunderts nahm der Nizam Ali, als er ins Feld zog, zwei dieser weiblichen Bataillone, jedes tausend Köpfe stark, unter dem Namen Zaffer Pultuns, d. h. Siegesbataillone, mit sich. Sie nahmen Teil an dem Gefecht von Kurdlah, wo der Nizam von Daulet Rao Scindia geschlagen wurde und sie, wie die Geschichte jener Zeit meldet, zum mindesten nicht schlechter fochten, als der übrige Teil der Armee.“[218] Ja, selbst im Jahre 1885, als ein englisch-russischer Krieg auszubrechen drohte, machte die verwittwete Maharani von Baroda dem Vizekönig von Indien das Anerbieten, auf eigene Kosten ein Amazonenkorps aus Maharattifrauen bestehend aufzustellen und zu unterhalten.[219]