So legt, anschliessend an Lubbock, der geistvolle Lippert den Sachverhalt dar.[352] Richtig ist, dass unter manchen kulturarmen Völkern der Geschlechtsgenuss dem Weibe so lange untersagt ist, als sie ihr Kind säugt. Allein diese Vorschrift hat durchaus nicht allgemeine Gültigkeit. Bei den marokkanischen Arabern z. B. pflegen die Mütter ihre Kinder zwei Jahre lang zu nähren und während dieser Zeit leben sie zumeist allein; doch ist es ihrem Manne nach Ablauf von drei Perioden gestattet, sie wieder zu besuchen und mit ihnen Umgang zu pflegen.[353] Ferner ist es wohl eine durchaus irrige Voraussetzung, dass Entsagung ein physiologisches Gesetz und vollends, dass sie zur Erhaltung des Kindes notwendig sei. Vielmehr ist in der überlangen, sich nicht selten auf vier bis fünf, ja mitunter bis zu zehn und zwölf Jahren erstreckenden Nährfrist eine der Ursachen der übergrossen Kindersterblichkeit zu suchen, während sie zugleich eine frühzeitig eintretende Hinfälligkeit und Abgelebtheit der Mutter nach sich zieht. Man kann also nur so viel sagen, dass unter günstigen Verhältnissen die kräftigen Mütter wilder und halbwilder Völker ihren Kindern eine nach unseren Begriffen ungemein lange Zeit die Milch ihrer Brust als fast ausschliessliche Nahrung darreichen können, ohne dass sie selbst oder ihre Sprösslinge dadurch besondern Schaden erleiden. Allerdings beobachtet man auch vielfach, dass wilde Mütter durch ein mehrere Jahre lang dauerndes Säugen frühzeitig welken und altern.[354] Von einem „Entsagungsopfer“ ist vollends keine Rede. Es ist vielmehr die blosse Furcht vor der Geburt, welche die Weiber so lange stillen lässt, um einer frühzeitigen Wiederholung der Schwangerschaft zu entgehen, denn in der That sind sie in der Lage, während des Säugens geschlechtlich zu geniessen unter verringerter Gefahr des Empfangens. Freilich hilft das Mittel nicht immer. Bei den Serben stillt die Mutter so lange, als sie nicht von neuem schwanger wird, ein Beweis, dass sie also in der Nährzeit den Geschlechtsgenuss sich nicht versagt. Alle glauben aber, dass sie nicht schwanger werden könnten, so lange sie säugen, ein Punkt, in dem sie sich freilich oft irren.[355] Wenn die Arawakenfrauen die Kinder mehrere Jahre fortstillen, bis das nächste Kind da ist, so ist damit gleichfalls ausgesprochen, dass das Säugen die Empfängnis nicht hindert; auch bei den Negerinnen in Altkalabar dauert das Säugen bis zu einigen Monaten in die nächste Schwangerschaft hinein, es hat also während desselben Befruchtung stattgefunden. Im allgemeinen darf man aber wohl annehmen, dass die Gefahr einer neuen Schwangerschaft durch eine lange Säugeperiode verringert werde, ja bei einigen Frauen ist die Meinung verbreitet, dadurch gänzliche Unfruchtbarkeit herbeiführen zu können; wenn auch nicht diese, eine Verringerung der Kinderzahl hat sie jedenfalls zur Folge, denn es tritt durch lang fortgesetztes Säugen Atrophie des Uterus ein.[356] Dr. Ploss, der diesen Fragen jahrelanges Studium gewidmet hat, hält den thatsächlich unrichtigen Gedanken, dass Ausübung der Begattung der Säugenden oder dem Säuglinge schaden könne, für einen den wilden Völkern allzu ferne liegenden; ich glaube mit Recht, denn es lag sicher nicht im Wesen des gedankenarmen Urmenschen, das Wohl des kommenden Geschlechtes fürsorgend durch sein eigenes zu erkaufen. Wie der Zweck der Natur mit dem Erscheinen des Kindes erreicht ist und dieselbe sich nicht weiter um die Eltern bekümmert, welche sie oft grausam ihrem Schicksale überlässt, so lebt als wirksames Gegengewicht in jedes Menschen Brust der egoistische Erhaltungstrieb, der zuvörderst auf das eigene Wohl bedacht ist. Die lange Säugezeit auf niedrigen Gesittungsstufen bedeutet also nicht nur kein Entsagungsopfer des Weibes, sondern vielmehr das gerade Gegenteil, nämlich das Streben, den Geschlechtsgenuss sich zu sichern mit thunlichster Vermeidung seiner Folgen. Doch soll nicht geleugnet werden, dass in der That Enthaltsamkeit während der Stillungsperiode vielfach auf niederen Stufen geübt wird; nur liegen ihr nicht die von Lippert vermuteten Gefühle zu Grunde. Vielmehr darf man wohl mit Dr. Ploss annehmen, dass nach allgemeiner Volksstimmung die weibliche Person, so lange sie überhaupt in einer geschlechtlichen Verrichtung begriffen ist, als im Ausnahmezustand befindlich gilt, der für andere dann eine gewisse Gefahr darbietet, wenn sie sich mit der darin Befindlichen in zu nahe Berührung einlassen.[357] Die Enthaltsamkeit geht also nicht vom Weibe, sondern vom Manne aus, und was diesen zurückhält, ist gemeine Furcht. Zu Gunsten dieser Ansicht spricht, dass bei den meisten Wilden und Halbwilden das Weib während der Katamenien als „unrein“ gilt und eine unerschöpfliche Liste von Vorurteilen und darauf gegründeten Sitten diese Momente des Geschlechtslebens in den dunkelsten Zeiten umgab und noch umgiebt. Nur der hochgestiegene Europäer ächtet das Weib weder in dieser Zeit, noch wenn sie schwanger oder gar Wöchnerin ist. Mantegazza erzählt von einem seiner Bekannten, welcher seine eigene Frau so sehr liebte (?) dass er schon in der ersten Woche nach ihrer Entbindung zu ihr kam. Drei Tage nach derselben war sie von neuem in der Hoffnung und neun Monate darauf schenkte sie einem zweiten Kinde das Leben.[358]

Ich muss mich also von Lippert etwas trennen in der Deutung der urzeitlichen Entsagung und darin nicht so sehr einen Triumph der auf die Erhaltung der Nachkommenschaft bedachten Mutterliebe, als einen Ausfluss der auf Beschränkung der Brut abzielenden Eigenliebe erkennen, eine Beschränkung, die derselben andererseits freilich wieder zum unbeabsichtigten Vorteile gereicht. Für die Urzeit ist diese Deutung, däucht mir, die weitaus glaubwürdigere, und vielleicht wird auch Lippert sich ihr anschliessen, wenn er die beigebrachten Gründe auf ihre Wichtigkeit und Tragweite hin sorgsam prüft. Das Kind war für die Mutter zuerst unter allen Umständen eine Last, und war sie auch in der Lage, dasselbe selbständig aufzubringen, so erschwerte sich ihr doch sehr erheblich der Kampf ums Dasein mit der wachsenden Kinderzahl. Der allerursprünglichste Grad von Fürsorge für das Eigenwohl wies daher das Weib auf deren Beschränkung hin, und die Entsagung mochte ihr desto leichter fallen, als die Lust an Geschlechtsfreuden noch weniger ausgebildet war. Die fürsorgende Entsagung während des Stillens im Hinblick auf die Nachkommenschaft gehört wohl erst einer späteren Epoche an, wie sie manche Barbaren der Gegenwart darstellen mögen. So betrachten es auf den Vitiinseln z. B. die Angehörigen der Frau als eine offenbare Beleidigung, wenn diese vor Ablauf der üblichen drei bis vier Jahre wieder ein Kind bekommt, und halten es dann für ihre Pflicht, sich in derselben offenkundigen Weise zu rächen. Berthold Seemann, welcher 1860 den Vitiarchipel besuchte, erzählt von einem Weissen, welcher auf die Frage der Eingebornen nach der Zahl seiner Geschwister, offenherzig mit: „Zehn“ antwortete. „Aber das ist ja nicht möglich,“ meinten die Insulaner, „eine Mutter kann kaum so viele Kinder erzeugen.“ Belehrt, dass diese Kinder in jährlichen Zwischenräumen zur Welt gekommen und dass dies ein in Europa häufiges Vorkommnis sei, fanden die dem Kannibalismus huldigenden Naturkinder dies ungemein anstössig und meinten, dies erkläre zur Genüge, warum so viele Weisse blosse Knirpse seien.[359] Auf diesen fortgeschritteneren Stufen ist übrigens die Beschränkung der Geburten gar nicht die Folge von Entsagung, sondern künstlich bewirkt. Von den Chewsuren im Kaukasus meldet Dr. Gustav Radde, selten werde man mehr als drei Kinder in einer Familie finden, denn „es ist bei den verheirateten Chewsuren eine grosse Schande, wenn dem jungen Paare vor Ablauf der ersten vier Jahre ein Kind geboren wird. Aber später darf erst im Verlaufe von abermals wieder drei Jahren eine zweite Geburt statthaben; die Leute meinen, dass bei der raschen Aufeinanderfolge der Kinder das jüngere dem älteren die nötige Pflege rauben würde. Die also mit dem zwanzigsten Jahre eingegangene Ehe bleibt vier Jahre lang unfruchtbar und das absichtlich“, nicht aber auf dem Wege der Enthaltung.[360] Immerhin bleibt Lipperts Folgerung zu Recht bestehen, dass die mit der langen Nährfrist in irgend einer Weise zusammenhängende Enthaltsamkeit den Wechsel der Frauen seitens der Männer bedinge; er hätte hinzufügen können: wie jenen der Männer seitens der Frauen. Denn spätestens nach der Geburt des Kindes schied der Mann, um seine Freuden in den Armen eines andern Weibes zu suchen, die Mutter aber blieb während der langen Nährzeit auf sich selbst angewiesen. Bei dem geringen Vorrate an Zärtlichkeit, welcher den niederen Gesittungsstufen eignet, ist kaum anzunehmen, dass die Neigung des Weibes zum nämlichen Manne die Probe der Jahre zu bestehen vermochte. So lange sich das Weib nicht in den Besitz eines einzigen Mannes gab, — und bis dahin war noch ein weiter Weg — fiel sie leicht in den verschiedenen Zeiten ihrer Freiheit Verschiedenen zu. Hatte sie doch, so lange sie frei für sich in ihrer eigenen Gewalt stand, für niemanden ihre Unberührtheit zu wahren.[361] Die wenigen Kinder, welche das Weib in langen Zeitabständen gebar, dürften also nur selten vom gleichen Vater stammen. Denn der Trieb nach Fortpflanzung verlangt eben so heftig nach Wechsel, wie der Trieb nach Erhaltung der Gattung nach Dauer in dem Verhältnis von Mann und Weib. So ist also schon in der Natur der Zwiespalt zwischen Begierde und Familie gegeben, und nicht im Manne kann von Anfang an der Antrieb gelegen sein, sich dem Weibe zuzugesellen, um der Versorger ihrer Kinder zu werden.[362]

[293] Lippert. Kulturgeschichte. Bd. I. S. 88.

[294] Lippert. A. a. O. S. 73.

[295] A. a. O. S. 76. — Geschichte der Familie. S. 20. — Ferner: Lippert. Die Kulturgeschichte in einzelnen Hauptstücken. Leipzig u. Prag, 1886. II. Abteilung. S. 3.

[296] Powell. Unter den Kannibalen von Neubritannien. S. 123.

[297] R. Parkinson. Im Bismarck-Archipel. Erlebnisse und Beobachtungen auf der Insel Neupommern. Leipzig, 1887. S. 105.

[298] Globus. Bd. XIII. S. 230.

[299] Globus. Bd. XLIII. S. 158.

[300] Richard Oberländer. Australien. Geschichte der Entdeckung und Kolonisation. Zweite Aufl. Leipzig, 1880. S. 307–308.