Nach Darwins Lehre soll die Schutzfarbe der Tiere, wie die Sandfarbe der Wüstenbewohner, die leuchtende, bunte Färbung der Tropenfauna und das weiße Haar- und Federkleid der Bewohner der Eisregion, im Kampf ums Dasein durch natürliche Auslese entstanden sein. So einleuchtend diese Theorie auch klingt, so läßt sie sich nach den neuen Forschungen in ihrem vollen Umfange nicht mehr aufrecht halten.

Neue Forschungen über die Entstehung der Färbung der Tiere

Wir wissen heute, daß die Färbung der Tiere auch noch von anderen, rein äußerlichen Faktoren bedingt wird. Das Klima spielt hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Außerordentlich lehrreich für die Beurteilung der Farbenbildung sind die Versuche, welche Kammerer mit Reptilien gemacht hat. Es gelang ihm durch Erhöhung bzw. Erniedrigung der Außentemperatur die Färbung von Eidechsen zu verändern.

Die auf der Oberseite herrlich grün, unterwärts gelb gefärbte Smaragdeidechse (Lacerta viridis) bildet je nach Größe und mehr oder weniger lebhafter Färbung mehrere geographische Rassen. So fehlt der größten in Kleinasien und Syrien lebenden Form (Lacerta viridis major) die schöne blaue Kehlfärbung der südeuropäischen Smaragdeidechsen, die besonders die Männchen in der Brunstzeit ziert. Durch starke Temperaturerhöhung brachte Kammerer die blaue Farbe der südeuropäischen Rassetiere zum Verschwinden und erzielte hierdurch auf künstlichem Wege die Farbe der major-Rasse. Ebenso gelang es Kammerer durch Einwirkung hoher Temperatur bei weiblichen Mauereidechsen (Lacerta muralis) eine prächtigere Färbung, wie sie nur die Männchen haben, hervorzurufen. Es entstanden an den Seiten blaue Flecke und der Bauch färbte sich rot. Eine Erhöhung der Außentemperatur in Verbindung mit Feuchtigkeit erzeugt nach Kammerer vermehrte Pigmentbildung und infolgedessen ein Dunklerwerden der Färbung, während niedrige Temperatur und Trockenheit Pigmentschwund und infolgedessen Aufhellung hervorbringen. Bei einigen Eidechsen entstand sogar im ersteren Falle völliger Melanismus.

Ähnliche Beispiele wie bei den Eidechsen lassen sich auch aus der Insektenwelt anführen. Geographische Rassen von Schmetterlingen lassen sich künstlich erzeugen, je nachdem man die Puppen in kalter oder warmer Temperatur zur Entwicklung bringt. Im ersteren Falle erfolgt eine Aufhellung, im letzteren ein Dunklerwerden der Färbung.

Görnitz hat den Farbstoff der Vogelfedern physikalisch-experimentell untersucht und ist hier ebenfalls zu dem Ergebnis gekommen, daß Kälte den dunklen Farbstoff, die Melanine, zerstört, Wärme dagegen sie fördert. Der Kleiber Sitta europaea hat in Mitteleuropa einen schmutziggelben Bauch, in Ostpreußen, Polen und den Baltischen Ländern ist der Leib rahmfarben und in Skandinavien weiß gefärbt, so daß sich verschiedene geographische Unterarten abtrennen lassen. Der Jagdfalk Falco islandicus ist in den südlichen Ländern seines Verbreitungsgebiets dunkel, im hohen Norden dagegen fast rein weiß. Unabhängig von der Temperatur üben nach Görnitz auch Trockenheit und Feuchtigkeit einen Einfluß auf die Gefiederfarbe aus. Trockenheit schränkt die Pigmentbildung ein. Die dunkelsten Farbstoffe, das schwarze und braune Eumelanin wird zerstört, während das hellere, gelbliche Phäomelanin zunimmt. Die Haubenlerche, welche das trockene Wüstengebiet der Sahara bewohnt, zeigt auf dem Rücken eine hellrötlichgelbe Farbe, weil durch die Trockenheit das Eumelanin zerstört ist, und das Phäomelanin sich ausgebreitet hat. Dagegen ist die Haubenlerche, die im feuchten Nildelta lebt, die dunkelste Form, weil das Eumelanin durch die beständige Feuchtigkeit des Klimas, unabhängig von der Wärme, eine starke Vermehrung erfahren hat. Die Vögel, welche das afrikanische Küstengebiet bewohnen, sind infolge des feuchten ozeanischen Klimas im allgemeinen dunkler gefärbt als ihre Artgenossen im Innern des Festlandes. Der afrikanische Raubwürger hat im Küstengebiet einen dunkelgrauen Rücken, in der Sahara dagegen einen hellgrauen. Sehr interessant ist ferner die Erscheinung, daß bei den Zugvögeln, die im hohen Norden brüten, keine Aufhellung ihres Gefieders erfolgt ist, wie man vielleicht zunächst annehmen sollte. Bei eingehender Prüfung erklärt sich aber dieser scheinbare Widerspruch von selbst. Die Zugvögel brüten im Sommer, also in einer warmen Jahreszeit im Norden, verlassen diesen noch vor Beginn der Kälte, um im warmen Süden zu überwintern. Sie leben also niemals unter dem Einfluß einer sehr niedrigen Temperatur. So sehen wir denn, daß z. B. die Graugans im höchsten Norden ihres Verbreitungsgebiets nicht heller gefärbt ist als in südlichen Gegenden. Der Alpenstrandläufer der Arktis ist auf der Oberseite ebenso dunkel gefärbt wie die Brutvögel in Holland und an den deutschen Nord- und Ostseeküsten.

Außer den äußeren Einflüssen des Klimas scheint auch die Farbe der Umgebung, in der ein Tier lebt, eine gewisse Einwirkung auf die Pigmentbildung zu haben. Versuche, die nach dieser Richtung hin mit dem Feuersalamander ausgeführt wurden, ergaben, daß die gelbe Fleckenzeichnung auf dem Körper zunahm und sich allmählich mehr verbreitete, wenn die Tiere auf hellem Untergrunde gehalten wurden, daß anderseits die gelben Flecken sich verkleinerten und die schwarze Grundfarbe mehr hervortrat, wenn man die Versuchstiere auf dunkler Erde hielt. Diese Farbenveränderung trat jedoch nicht auf, wenn die Tiere des Augenlichts beraubt waren. Hieraus geht hervor, daß es sich um einen optischen Reiz handelt, der sich auf die Pigmentbildung überträgt.

Alle diese Forschungen, die aus neuerer Zeit vorliegen, eröffnen für die Beurteilung der Entstehung der Färbung der Tiere eine ganz neue Perspektive, die uns zwingt, die Dinge nach ganz anderen Gesichtspunkten zu beurteilen, als man es bisher getan hat, und Darwins genial ersonnene Lehre von der Entstehung der Arten durch natürliche Auslese im Kampf ums Dasein erhält hierdurch einen empfindlichen Stoß. Die Wüstenfarbe der Springmäuse, der Wüstenlerchen und vieler anderer Wüstentiere, die ein so vortreffliches Beispiel für die Mimikry und ihre Entstehung in Darwins Sinne zu sein schien, muß mit einem Male auf eine ganz andere Ursache zurückgeführt werden. Das physikalisch-chemische Experiment lehrt uns, daß ein Kampf ums Dasein und eine Auslese gar nicht notwendig sind, um diese verblüffende Anpassung hervorzurufen. Der grüne Laubfrosch braucht nicht durch Vertilgung der unzweckmäßigen Färbung herausgezüchtet zu sein, sondern er verdankt seine dem Aufenthaltsorte angepaßte Farbe vielleicht dem Einfluß klimatischer Faktoren oder dem Reiz des grünen Lichtes, das das Blätterwerk, in dem er zu Hause ist, auf seine Sehnerven ausübt.

So schreitet die Wissenschaft unaufhaltsam vorwärts. Das Bessere ist des Guten Feind; das Alte wird beiseite getan, neue Theorien werden aufgebaut, um vielleicht in späterer Zeit wieder durch neue Ergebnisse rastlosen Forschergeistes überholt zu werden. Trotzdem wäre es ein schweres Unrecht gegen die Wissenschaft, die Hypothese, die in ernster, gewissenhafter Arbeit geschaffen wurde, etwa verächtlich abzutun, wie es leider heute bisweilen geschieht. Mag eine frühere Anschauung ihre Gültigkeit verlieren, so bleibt ihr Wert, den sie der Wissenschaft geleistet hat, dennoch für alle Zeiten bestehen. Auch sie bedeutete einen Fortschritt in der Erkenntnis, denn sie hat zur Klärung des Ganzen im Suchen nach der Wahrheit beigetragen und bildet daher einen wichtigen Baustein im Gebäude der Wissenschaft.