Auch seinem Augenstern wird sich der Himmel zeigen,
Und ohne daß er’s weiß, nimmt er mit sich hernieder
Auch einen Strahl, und wühlt im Dunkeln wieder.“
Der Maulwurf ist nicht blind, wie der Dichter sehr richtig sagt, aber er hat nur sehr kleine Augen, die nicht größer sind als ein Mohnkorn. Da sie außerdem von den Gesichtshaaren ganz überwachsen sind, können sie für ein Sehen kaum oder nur sehr gering in Betracht kommen. Da der Maulwurf ganz auf eine unterirdische Lebensweise eingestellt ist und er seine Nahrung, die hauptsächlich aus Regenwürmern und Engerlingen besteht, im Dunkeln unter der Erde sucht, so bedarf er des Augenlichts nicht in der Weise wie andere Tiere. Seine Orientierung erfolgt ausschließlich mit dem hochentwickelten Geruchssinn und dem ebenfalls vorzüglich ausgebildeten Gehör. Mit dem Geruch spürt der Maulwurf seine Nahrung auf, während er mit dem Gehör sich vor Gefahren schützt. Das leiseste Geräusch, das von außen in seine unterirdischen Gänge dringt, nimmt er sofort wahr und veranlaßt ihn, sich tiefer einzugraben.
Die Vorderfüße des Maulwurfs stellen ein ganz hervorragendes Werkzeug zum Graben dar. Die mit starken, flachen Nägeln bewaffneten Hände sind sehr breit und bilden eine Grabscheitfläche. Durch einen besonderen Knochen, das Sichelbein, das sich dem Daumen anreiht, wird die Handfläche verstärkt und verbreitert. Damit das Tier bei seinen unterirdischen Arbeiten sich leicht durch das Erdreich hindurchzwängen kann, sind die Arme sehr kurz und ganz am Körper verborgen, so daß nur die nach rückwärts gedrehten Hände aus dem Fell hervorragen, die schraubenartig bewegt werden können, was für die Grabarbeit von größtem Nutzen ist. Der Oberarm ist nicht wie bei anderen Säugetieren an das Schulterblatt, sondern an das Schlüsselbein angesetzt und ebenfalls sehr beweglich. Ober- und Unterarm stellen kurze, sehr kräftige Schrauben dar, die dem Maulwurf die Arbeit des Grabens schnell und mühelos ermöglichen. Bei seinen Minierarbeiten zieht der Maulwurf den Kopf möglichst weit ein und schaufelt dann die Erde mit den Händen vor sich fort. Er verrichtet die Arbeit so schnell, daß er auch in horizontaler Richtung unter der Erde rasch vorwärts kommt, ja geradezu im Erdreich läuft oder, richtiger gesagt, „schwimmt“, denn ein Schwimmen ist gewissermaßen die Bewegung der grabenden Hände und das Vorwärtsgleiten des Körpers. Wenn sich die Erde hierbei zu sehr vor ihm anhäuft, dann wirft er sie mit dem Kopf nach oben heraus, wodurch die bekannten Maulwurfshügel entstehen.
Auch die übrige Ausrüstung des Körpers ist dem unterirdischen Leben vortrefflich angepaßt. Das Fell besteht aus ganz kurzen, dichten, samtartigen Haaren, die beim Wühlen in der Erde ihre Lage nicht verändern und sich infolgedessen nicht abscheuern. Anstatt eines äußeren Ohres ist nur ein Gehörspalt vorhanden, der durch eine Hautfalte verschlossen werden kann, um ein Eindringen von Erde zu verhüten. Die Nasenlöcher liegen auf der Unterseite der rüsselartig verlängerten Oberlippe und sind hierdurch gegen eine Verunreinigung durch Sand geschützt. Die Oberlippe trägt eine besondere Hautfalte, welche die Unterlippe verschließt und so ein Eindringen von Erde in den Mund verhütet. Schließlich ist die walzenförmige Gestalt des ganzen Körpers zum Fortgleiten in der Erde außerordentlich geeignet.
So sehr der Maulwurf auch auf eine unterirdische Lebensweise angewiesen ist, so scheut er doch das Tageslicht nicht völlig. Wenn auch nicht oft, so begibt er sich doch hin und wieder ins Freie, sucht dann mit Vorliebe in Wagengleisen nach Nahrung oder genießt sogar für kurze Zeit die wohltuende Wärme der Sonne. Besonders junge Tiere kommen öfters ins Freie als alte. Man hat schon wiederholt junge Maulwürfe beobachtet, die an sonnigen Hängen zusammen spielten.
Noch einige Worte über den Nutzen und Schaden des Maulwurfs, worüber die Ansichten geteilt sind. Durch das Verzehren von Engerlingen und anderen schädlichen Insektenlarven ist der Maulwurf zweifellos sehr nützlich. Da er aber auch Regenwürmer sehr liebt und diese als „Erdarbeiter“ nützlich sind, weil sie die Bildung der wichtigen Humuserde befördern, so wird er hierdurch zum schädlichen Tier. Ferner macht er im Walde in jungen Kulturen und in Gärten durch seine Wühlarbeit manchen Schaden, indem er die Wurzeln der Pflanzen lockert. Auch tragen die Maulwurfshügel nicht gerade zur Verschönerung gepflegter Parkanlagen bei. Es geht mit dem Maulwurf wie mit so vielen Tieren, er ist eben beides, sowohl nützlich wie schädlich. Von Natur ist kein Tier nur schädlich oder nur nützlich. Jedes Tier hat vielmehr im Haushalte der Natur seine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Das Zusammenwirken aller Lebewesen erhält das Gleichgewicht in der Natur. Die Begriffe „schädlich“ und „nützlich“ sind erst durch die Kultur des Menschen geprägt worden, die leider über so viele Tiere das Todesurteil gefällt hat. Mit Recht hat es sich daher die moderne Naturschutzbewegung zur Aufgabe gemacht, die Tiere ohne Rücksicht auf ihre sogenannte Nützlichkeit und Schädlichkeit zu schützen und sie um ihrer selbst willen zu erhalten, um unsere Natur vor Verödung zu bewahren. —
Goldmull
Ein unterirdisches Leben wie der Maulwurf führen auch die afrikanischen Goldmulle und die zu den Nagetieren gehörende Blindmaus (Spalax typhlus). Die Augen dieser Tiere liegen nicht frei, sondern unterhalb der behaarten Kopfhaut und können daher zum Sehen überhaupt nicht mehr benutzt werden. Sie sind also blind. Trotzdem kommen auch diese Tiere ab und zu an das Tageslicht, um die Sonnenwärme zu genießen. Die Heimat der Blindmaus ist das südöstliche Europa, Westasien und Unterägypten. Ihre unterirdischen Gänge, die in geringer Tiefe laufen, führen sogar unter Flußläufen hindurch und an Berghängen entlang. Bei ihren Grabarbeiten benutzt die Blindmaus im Gegensatz zum Maulwurf mehr den Kopf als die Füße und besitzt hierfür eine ganz eigenartige Einrichtung. Von den Nasenlöchern bis zu den Augen zieht sich jederseits eine Reihe starrer, borstiger Haare. Mit dieser Bürste schiebt die Blindmaus durch Auf- und Abwärtsbewegen des Kopfes die Erde fort.