Mein Vortrag über Schleswig, sagen Mehre, habe (durch die Kraft der Tatsachen) erheblich auf das Durchgehen eines gemäßigteren Beschlusses gewirkt. Nun so hätte ich den Tag nicht verloren und meine Diäten verdient. —
Die wichtigen Angelegenheiten treten immer wieder und immer mehr in den Vordergrund, lassen sich immer weniger nach allgemeinen Grundsätzen entscheiden, lassen kaum das Wahrscheinliche vom Unwahrscheinlichen, das Mögliche vom Unmöglichen unterscheiden. Wir segeln mit vielerlei Winden, und müssen zufrieden sein, wenn wir nur in irgend einen Hafen einlaufen.
Den 14. Junius.
L. kehrt heute zu seinen Vorlesungen zurück. Mir liegt alles Universitätswesen jetzt so erstaunlich fern, als hätte ich nie mitgespielt und würde nie wieder mitspielen. — Welch ein Wechsel der Ansichten und Verhältnisse! Mit wie jugendlicher Begeisterung spricht Joh. Müller von seinen göttinger Lehrern; er nennt vertrauensvoll, selbst mittelmäßige Leute, groß. Und jetzt: kein Vertrauen, keine Anhänglichkeit, höchstens kalte, achselzuckende Kritik, und ein Hochmuth, dem jede Verehrung als Knechtssinn erscheint. Die Nachwehen äußerer Noth und innerer Leerheit können für allweise, weltregierende Studenten nicht ausbleiben, und die Begeisterung, welche 1813 auch einmal das Studiren unterbrach, war doch so gewiß eine edlere, als der damalige unvermeidliche Krieg über unnöthige und willkürliche Straßenkrawalls und Katzenmusiken hinausreicht.
Hoffentlich ist die, alle gesetzlichen Formen zerstörende Nachricht unwahr, daß Wahlmänner aus eigener Macht ihre Wahl zurücknehmen wollen, sobald der Erwählte einmal nicht ihren Wünschen und Vorurtheilen gemäß stimmt. Sydow und Jonas müssen (wie unter der alten Regierung) muthig ausharren. Das Mißfallen der Straßengesetzgeber bringt ihnen Ehre. — Auch hier ist täglich die Rede von Krawalls, Puffs, Putschs, — und sobald Wählerschaften Leute wie Hecker wählen: was steht uns bevor, wenn sie in die Versammlung aufgenommen und wenn sie hinausgeworfen werden? Ihr seht, ich gerathe ins Melancholisiren, obgleich es erst sechs Uhr Morgens ist. Heute beginnen unsere Sitzungen wieder, und obgleich wir noch lange nicht beim Kaiserschnitt sind, fühlen wir die Wehen schon allzustark.
Eilfter Brief.
Frankfurt a. M., den 14. Junius 1848.
Die Ehre, Mitglied des völkerrechtlichen Ausschusses zu sein, kostet viel Zeit. Denn neben dem Lesen der Akten und Flugschriften, muß man zahlreiche Besuche empfangen. Durch lange Gespräche mit unterrichteten (wenngleich oft leidenschaftlichen) Leuten lernt man indessen mehr und wirkt nützlicher, als wenn man große Reden in den Klubs anhört. Salomo sagt: Alles hat seine Zeit; ich sage dagegen: Manches hat keine Zeit. Oder breiter ausgedrückt: für manches Unvernünftige hat der Vernünftige keine Zeit.