Aus den Zeitungen werdet Ihr vollständige Kunde von den furchtbaren Ereignissen dieser Tage bekommen. Ich will nur einige allgemeine Andeutungen geben, meist mich aber an Das halten was ich selbst sah, und was sich (Eurer Theilnahme bin ich gewiß) auf mich selbst bezieht.
Schon vor den pariser und den sich daran reihenden deutschen Ereignissen hatte sich hier die Mißstimmung sehr gesteigert, und Viele hegten die Überzeugung: „die Regierung könne mit den bisher wirksamen Personen und in der bisherigen Weise und Richtung, unmöglich mehr lange geführt werden. Die Behandlung der auswärtigen Angelegenheiten, die kirchliche (unter dem Namen neuer größerer Freiheit geübte) Willkür, die endlose Beaufsichtigung der Schulen und Universitäten, die Anstellung einseitiger, die Entlassung würdiger Männer u. s. w. u. s. w. regten täglich mehr auf, und die Berufung des Landtages ward täglich lauter und dringender gefordert. „Die Ausschüsse (das ergab sich immer deutlicher) konnten und sollten ihn nicht ersetzen. Wenn sich die Stadt (in Bezug auf Das, was der König bei Entlassung der Ausschüsse sagte) dankend ausspreche, so könne man (dies hoffte ich) Wünsche und Bitten am besten daran anreihen. Ich entwarf zu diesem Zwecke folgende Erklärung:
„Die königliche Bewilligung einer regelmäßigen Wiederkehr, oder Wiederberufung des allgemeinen Landtages, und die Bestätigung der sehr wichtigen Vorschläge zur Vervollkommnung des preußischen Staatsrechtes, ist ein höchst folgenreiches, beglückendes Ereigniß; — ein Ereigniß, welches finstere Besorgnisse verscheucht, Hoffnungen erfüllt, oder ihre Erfüllung bestimmt in Aussicht stellt, und die Einigkeit zwischen Herrscher und Volk (ohne welche jeder Staat zu Grunde geht) aufs Neue bekräftigt.
„Deshalb erlaube ich mir den Antrag: daß die Stadtbehörden Seiner königlichen Majestät durch eine Schrift, oder Botschaft, den innigen Dank darlegen, zu welchem uns gleichmäßig Kopf und Herz antreiben, und dabei nochmals mit Nachdruck aussprechen mögen: Berlin, die Hauptstadt des Reiches, werde in Unglück und Gefahr, (wie in Zeiten des Glücks und der Ruhe) mit unwandelbarer Treue und dem Aufwande aller Kräfte ihre ehrenvollen Pflichten erfüllen, von der Bahn des gesetzlichen Rechtes niemals abweichen, und die persönliche Anhänglichkeit an Seine Majestät den König und das königliche Haus, (ohne welche dem Staatsrechte einer Monarchie die höchste Verklärung fehlt) wie ein Heiligthum festhalten und bewahren.
Berlin, den 6. März 1848, Abends.
v. Raumer.“
Diese Erklärung hatte ich dem Vorsteher der Stadtverordneten bereits zum Vortrage übergeben, als ich mich überzeugte: die Mißstimmung über das angeblich Ungenügende der Bewilligungen sei bereits so gestiegen, daß der Antrag, Dank auszusprechen, nur Vorwürfe gegen den König hervorrufen würde. Ich nahm deshalb jenen Antrag zurück, schrieb jedoch dem — (mit Bezug auf frühere Gespräche): es sei zu befürchten, daß die Versammlung der Stadtverordneten zu mächtig werde; aber noch ungleich gefährlicher, wenn sie (sehr wahrscheinlich) ohnmächtig werde, und die Entscheidung in schlechtere Hände gerathe.
Die immer dringender werdenden Verhältnisse veranlaßten mich, (nach Abhaltung der ersten Versammlung in den Zelten) Folgendes an — zu schreiben:
„Den Vorschlag, heute in der Stadtverordnetenversammlung ein Dankschreiben an Se. Maj. den König zu beschließen, hat man aufgeben müssen, um nicht Widersprüche und unangenehme Erörterungen hervorzurufen. Nach Dem was sich hier und in andern Städten der Monarchie vorbereitet und in dem ganzen übrigen Deutschland bereits geschehen ist, hat es gar keinen Zweifel, daß eine ganze Reihe von Forderungen an die Stadtverordneten gelangen, und zu einer (vielleicht einstimmigen) Bitte um eilige Berufung des vereinigten Landtages führen wird. Dies ist der mildeste Ausweg um jene Forderungen in den Weg besonnener, gesetzlicher Berathung zu leiten.
„Wenn Se. Maj. der König sich hierüber aus eigener Macht ausspricht und dem Magistrate und den Stadtverordneten eine beim Anfange der Sitzung zu eröffnende Kabinetsordre zuschickt, so wird ihm unermeßlicher Dank zu Theil, es wird die Begeisterung im Innern und gegen das Ausland aufs Höchste steigen; er ist — wie es sein soll — der Leit- und Polarstern für Alle. Geschieht das Unvermeidliche auch nur um einige Stunden zu spät, so verwandelt sich der glänzende Sieg in eine unglückselige Niederlage, und ganz andere Personen werden die Lorberen für sich in Anspruch nehmen. Möchten nicht kleine, förmliche, die Wichtigkeit des Augenblicks verkennende Seelen, durch unentschlossenen Rath, Alles den Händen des Königs entschlüpfen lassen.