Den 11. Julius.

Gestern Abend drei Stunden lang im Ausschusse; diesmal zwar nicht mit den Polen, aber doch über die Polen. Gemüthliche Schwäche, sentimentale Theilnahme, Rechtsgefühl sind weit häufigere Eigenschaften, als politischer Verstand und staatsmännische Weisheit. So kamen bei den gestrigen Erörterungen sonderbare Ansichten zu Tage, z. B. im Staatsrechte gebe es keine Verjährung, Abgezwungenes (etwa durch nachtheilige Friedensschlüsse) werde nie ein rechtlicher Besitz, sondern der rückfordernde Anspruch dauere bis in Ewigkeit; die von König F. W. III. den Polen freiwillig versprochene Erhaltung ihrer Nationalität, schließe die Errichtung einer selbstständigen polnischen Herrschaft in sich; eben so sei das Wort Organisation jetzt zu verstehen, und überlasse die posener Deutschen den Polen! Ansichten so einseitiger, wunderlicher Art werden jedoch in der hiesigen Versammlung schwerlich jemals das Übergewicht gewinnen.

Der heutige Tag ist kalt, dunkel und regnerisch, also sehr ungünstig zum Empfange des Erzherzogs im Freien. Doch brachte man schon gestern Abend ganze Fuhren von grünen Bäumen und Zweigen herbei, und befestigte Fahnen und Kränze an den Häusern.

Die Commission, welche dafür ernannt war, machte über den Empfang des Erzherzogs in seiner Wohnung, Einführung in die Reichsversammlung, Anrede des Präsidenten u. s. w. verständige Vorschläge, deren einfache Annahme, ohne Erörterung, man erwartete. Dennoch eilte Hr. Simon aus Trier auf die Rednerbühne und behauptete: Niemand solle den Erzherzog empfangen, er solle zu uns, den Vornehmern, kommen. Und Hr. Wesendonk aus Düsseldorf verlangte, daß des Präsidenten zu sprechende Worte vorher mitgetheilt und durchcorrigirt würden. Beide Anträge fanden aber fast gar keine Unterstützung; selbst die Galerie hatte Gefühl für Schicklichkeit und Anstand — —

Funfzig erloosete Mitglieder der Reichsversammlung werden den Reichsverweser empfangen. Fahnen, Kränze, mit Eichenlaub geschmückte Hüte, Soldaten, Bürgerwehr, Zünfte, Alles in höchstem Prunke, am Thore eine geschmackvolle Ehrenpforte, Volk auf und ab wogend, alle Fenster voll, meist von Frauen und Mädchen.

7 Uhr. So eben habe ich den Erzherzog und den ganzen Zug, von einem guten Straßenplatz auf der Zeile gesehen. Er hat den gutmüthigen Ausdruck des österreichischen Hauses, und der Empfang war so freundlich, die Theilnahme so groß und allgemein, als man zu seinem und des Vaterlandes Wohle nur wünschen kann. Nach einigen Tagen (so höre ich) und nach Errichtung der Ministerien will er Frankfurt verlassen, in Wien den Reichstag eröffnen und bald zurückkehren. Niemand kennt die Zukunft; doch muß ich es (wie ich wohl schon früher schrieb) für einen großen Gewinn halten, daß ein Mann gewählt ward, der in der Reichsversammlung eine so entscheidende Stimmenmehrheit hatte, und für den sich alle Regierungen aufrichtig erklären. Die Anarchisten sind dadurch sehr in ihren Planen gestört worden. Mögen sie nur in Berlin nicht die Oberhand wieder gewinnen. Die letzten Sitzungen des Landtages zeigen weder Inhalt, noch Haltung, noch Würde, und der beginnende Zank zwischen der zeither allzuzahmen Stadtbehörde, und der allzu anmaßenden Bürgerwehr, giebt schlechte Aussichten. Mit Recht weiset Sydow den hochmüthigen Brief einiger Wahlmänner muthvoll zurück. Eben so Schreckenstein die Einmischung einzelner Abgeordneten in die Kriegsverwaltung. Mögen ihn nur seine Kollegen nicht im Stich lassen.


Siebenundzwanzigster Brief.