Den 20. August.
Herr von Biegeleben lieh mir Martens’ Handbuch für Diplomaten. Die ganze Weisheit läuft aber dergestalt auf Nichtssagen, Phrasendrechseln und Strohdreschen hinaus, daß ich das Buch sogleich zurückgab, in der Hoffnung, die neue Diplomatie, oder vielmehr Staatskunst, gehe auf die Sachen und einen wahren Inhalt hinaus. Zudem habe ich mehr Gesandtschaftsberichte gelesen, als vielleicht irgend ein Mensch in Europa; und lege dies, den vergessenen Formeln gegenüber in die Wagschale. Zuletzt: quel bruit pour une omelette; um einer Sendung willen, die, möglicherweise ganz unterbleibt oder 14 Tage dauert.
Funfzigster Brief.
Brüssel, den 23. August 1848.
Die Frage, ob ich nach Paris gehe, ist nunmehr freilich entschieden; nicht aber die Frage nach dem Umfange und den Gränzen meiner Geschäfte. Sie können sehr einfach sein, aber auch sehr verwickelt werden, und ich habe deshalb ernste Sorge über das Gelingen oder Mißlingen meiner Sendung. Nur der Gedanke: daß ich nach besten Kräften meine Pflicht erfüllen werde, und mich nicht füglich zurückziehen konnte, hält mich aufrecht. In einer deutschen Zeitung stand mit Recht: mir sei die schwierigste Mission zu Theil geworden, und im Journal des débats sagt ein wohlmeinender Artikel: nach P. komme l’éminent Historien d. R.
Neben allem Ernste habe ich Gelegenheit genug mich selbst zu parodiren und meine 1001 Nachtstellung lächerlich zu finden: wenn Thürsteher und Kellner (meine Sendung war ausgeplaudert) mich Mr. le Ministre nennen, ein Kerl vor mir (mit dem Hute in der Hand) herläuft, ein anderer nachfolgt, ich im ersten Stock wohnen soll, und zwischen den Schlafkammern für mich und B. eine Stube, genannt Salon, liegen muß. Als ich gestern Abend hier ankam, bestellte ich Abendbrot (da ich in Aachen nur gefrühstückt hatte) und aß sehr preislich, während Engländer und Engländerinnen blos Thee tranken. Gleich nachher fiel ich aber sehr aus meiner neuen Rolle: denn als ich eine halbe Bouteille Wein forderte, erhielt ich die Antwort: on ne vend pas ici de demi bouteilles!
Ein Engländer fragte mich: ob ich mich nicht fürchte, nach Paris zu gehen? er und seine Dame trügen Bedenken. — Antwort: Man soll sich nie fürchten, auch habe ich in Paris schon einmal Barrikaden erlebt u. s. w.
Soviel als letztes Lebenszeichen aus Deutschland und dem ruhigen Belgien. Hoffentlich ist in Paris kein neuer großer Skandal im Anzuge. Wolken stehen freilich genug am babylonischen Himmel.