Frankfurt a. M., den 26. März 1849.

Unzählige Male (so auch gestern Abend im Weidenbusche) höre ich den Ruf: keine Verhandlungen, keine Concessionen! und insbesondere betrachten es die, in ihre Theorien verliebten, abstrakten Männer, als einen Verrath an Wissenschaft und Vaterland, wenn man eins ihrer sogenannten Principe (d. h., eine ihrer Lieblingsmeinungen) antastet. Dies erinnert leider nur zu bestimmt an die Zeiten des unseligen Dreißigjährigen Krieges, wo man jede dogmatische Nachgiebigkeit als Gotteslästerung bezeichnete, und erst durch die äußerste Noth zu Mäßigung und Vernunft gezwungen ward. Was hat denn Deutschland aus den leidenschaftlichen Streitigkeiten über Rechtfertigung, Abendmahl, Dreieinigkeit u. dergl. für Gewinn gezogen? Und jetzt wird es uns als Ehrensache dargestellt, um ähnlicher politischer Schulfragen und unpraktischer Spitzfindigkeiten willen, gar nichts zu Stande zu bringen!!

Gestern Abend stand also in Frage: 1) ob wir zu dem (von mir früher mitgetheilten sogenannten) Programm des Weidenbusches mehre Punkte hinzusetzen, und alle Mitglieder verpflichten sollten, dafür zu stimmen?

2) Ob wir auf einige Anerbieten der Gegner eingehen, und insbesondere (wie sie versprachen) ihre Stimmen für das erbliche Kaiserthum gewinnen wollten, gegen Annahme eines blos aufschiebenden Veto.

Ich erhielt zuerst das Wort und behauptete zu eins: ein neues Zwangsgesetz über mehre zeither offene Fragen beschränke viel zu sehr Freiheit und Gewissen der Abgeordneten; es werde die endlich organisirte Gesellschaft des Weidenbusches auseinander sprengen. — Nach manchem Hin- und Herreden ward jener Vorschlag verworfen; nur an der Erblichkeit wollte man festhalten.

Zu zwei suchte ich darzuthun und durch Beispiele aus der Geschichte die geringe praktische Wichtigkeit der ganzen Lehre vom Veto zu erweisen. Das aufschiebende reiche für die vorhandenen Zwecke vollkommen aus, und erwecke keinen Haß; sondern werde allgemein für natürlich und nothwendig gehalten; während die (allerdings in abstracto richtigere) Theorie des unbedingten Veto weder bei unseren weit zahlreicheren Gegnern, noch im Volke den geringsten Beifall finde.

Entscheidend wichtig aber sei es: daß wir, sobald keine Stimmen der Gegner zu uns übertreten, ohne allen Zweifel in jeder wichtigen Frage unterliegen, und geradehin zum größten Unglück für Deutschland, — nichts, — gar nichts erreichen würden. Für Annahme des aufschiebenden Veto könnten wir dagegen vielleicht das weit Wichtigere, das Erbkaiserthum, durchsetzen. Alle alten Übel der deutschen Verfassung würden wiederkehren, wenn wir jede Annäherung und Verständigung der Parteien anmaßend und eigensinnig zurückwiesen u. s. w. u. s. w.

Hierüber entstand ein gewaltiger Lärm: einige Redner bekämpften jene Ansichten mit größtem Eifer, andere wollten sie durch Hinausschieben vereiteln. Nachdem aber Welcker, Arndt, Mevissen in demselben Sinne gesprochen und beredt auf die großen Gefahren des Vaterlandes hingewiesen hatten, ward beschlossen, eine Verständigung mit den Gegnern zu versuchen und die Frage über das Veto als eine offene zu behandeln.

Ich mache mir keine rosigen Täuschungen über die Zukunft. Selbst für den, noch zweifelhaften, Fall, daß wir in Frankfurt Beschlüsse fassen, sind sie deshalb noch nicht in Berlin angenommen und in Deutschland noch nicht vollzogen. Gewisse Grundgedanken und Ideen lassen sich aber durch Widerstehen und Verneinen nicht austilgen, und jedes erzeugte Kind muß zuletzt auch geboren werden!