Den 6. December.
Die allgemeine augsburger Zeitung thut alles Mögliche, gute Briefschreiber zu werben, und doch sind deren Weissagungen, wenn auch nur auf 24 Stunden hinaus, in der letzten Zeit ganz zu Schanden worden. Obgleich ich mich also keineswegs auf diesen gefährlichen Weg begeben will, kann man es doch nicht unterlassen, an dem Vorabende großer Begebenheiten die verschiedenen Möglichkeiten ins Auge zu fassen: wenn auch eine derselben vielleicht bereits zur Wirklichkeit geworden ist, ehe der Brief ankommt. Also: 1) wenn Cavaignac zum Präsidenten erwählt wird, so stehen ihm zur Seite, sein Verstand, seine Ehrlichkeit, seine Charakterkraft, die wirklichen Republikaner und alle Die, welche durchaus keine neue Umwälzung wollen, und denen jede vorhandene Einrichtung lieber ist, als alle künftigen. Wider ihn sind alle Legitimisten, alle Kriegslustigen, die Feinde des National, und die ungeheure Zahl Derer, welche wenigstens in dem einen Punkte übereinstimmen, daß sie keine Republik wollen. Endlich hassen und fürchten ihn zugleich alle rothen Republikaner. — 2) Wenn L. Bonaparte gewählt wird, so muß das (ohnehin schon laute) Geheimniß an den Tag kommen, daß sehr wenigen einflußreichen Personen etwas an seiner Person gelegen ist, sondern die Meisten sich seiner nur als Mittel für ihre eigenen Zwecke bedienen wollen. Diese Zwecke sind aber so verschieden, ja entgegengesetzt, daß schon die Bourboniden und Orleaniden sich darüber schwerlich vertragen werden, und Niemand voraussagen kann, wer in dem bevorstehenden Kampfe obsiegen wird. Die rothen Republikaner, welche in Bonaparte’s Erhebung einen ungeheuern Rückschritt sehen, reden laut davon, Gewalt wider ihn zu gebrauchen. Sie bringen Gesundheiten aus: „nieder mit den Rentiers und den Eigenthümern.“ Es gehört eine Leitung dazu, wie sie Cavaignac im Juni übte, um solcher Wüthigen Herr zu werden; ist Bonaparte mit seinen Freunden dieser drohenden Gefahr nicht gewachsen, so kann das größte Unglück nicht ausbleiben. Jedenfalls hoffen die sogenannten Freunde Bonaparte’s nach seiner Wahl auf Veränderungen in monarchischer Richtung; und ebenso fürchten alle Republikaner einen Umsturz ihrer kaum gebornen und getauften Verfassung. Ich stimme gegen Cavaignac (sagte mir ein Bücherantiquar), weil ich die Republik nicht will; ich stimme für Bonaparte nicht seinetwegen, sondern weil ich die Herzogin von Orleans und die Regentschaft will. — Kommt die Entscheidung über die Präsidentenwürde an die Nationalversammlung, so wird sie sich für Cavaignac aussprechen, theils aus persönlicher Achtung, theils weil viele Mitglieder (in jener ersten Aufregung erwählt) wirklich republikanisch denken. Hieraus folgt aber noch nicht, daß das, jetzt anders gesinnte Land sich ruhig dieser Entscheidung unterwirft. Neue Wahlen bringen neue Ansichten, und der letzte Abdruck dieser Volkssouverainetät hat ja nach französischer Theorie und Praxis immer Recht, bis die Presse, oder die Preßbengel einen noch neuern zur Welt bringen. Daß die Präsidentur und die neugebackne Verfassung wirklich den Franzosen auf vier Jahre willkommene und hinreichende Nahrung geben werde, ist, nach allen geschichtlichen Erfahrungen unwahrscheinlich. Die Wahl des nächsten Sonntags ist höchstens le commencement de la fin. — Ich sende Euch lauter Variationen desselben Themas; kann es denn aber anders sein? Und wenn ganze Völker wie Thiere in der Mühle umhergehen, wie soll da der Einzelne im Stande sein einen geraden Weg, festen Schrittes zu verfolgen! — Ich sprach von Möglichkeiten; deren werden so viele ersonnen und zusammengekünstelt, daß in dem Augenblicke, wo man die eine, aus Gründen, für die wahrscheinlichere erklären möchte, durch politische Taschenspielerei plötzlich das Gegentheil hervorgedreht wird. So scheint es ganz natürlich, daß Freunde der Republik für den Republikaner Cavaignac stimmen, während jetzt Mehre sagen: Nein, die Gegner der Republik müssen ihn zum Präsidenten ernennen; denn wenn selbst unter seiner Leitung die Republik sich nicht halten wird und nicht halten kann, so ist sie für immer abgethan und man kehrt zum rechten Königthume zurück. Bonaparte dagegen bringt lange untaugliche Mittelzustände, und der Einwand bleibt, daß, unter einem tüchtigeren Führer, die Republik sich hätte halten können und sollen. Cavaignac führt also (besonders nach neuen, unzweifelhaft monarchisch ausfallenden Wahlen) zum völligen, raschen Tode der Republik; durch Bonaparte wird sie zwar erkranken, aber sich leicht wieder erholen zu neu versuchter Lebensverlängerung.
Achtundachtzigster Brief.
Paris, den 8. December 1848.
Vor Bonaparte’s Wohnung faullenzen täglich mehre Hundert Bummler, nach den gebratenen Tauben das Maul aufsperrend, die er ihnen versprochen hat. — Viele Engländer verlassen Paris; sie fürchten im Fall der Wahl Bonaparte’s große Unruhen, ja einen allgemeinen Krieg.
Mit einem Cabrioletkutscher hatte ich soeben folgendes Gespräch: Pour qui voterez Vous? — Certainement pour Bo. — Croyez Vous qu’il est capable de gouverner la France? — Point du tout, mais il sera usé plus vite qu’aucun autre! — So denken nicht blos Kutscher, sondern auch die hochweisen Männer verschiedener namhafter Vereine. Später werden Alle sagen: wer hätte das gedacht! Aber: tu l’as voulu George Dandin!
Den 9. December.
Wichtige Begebenheiten drängen sich jetzt auf eine fast beispiellose Weise: der Papst verjagt, ein Kaiser und ein König abdankend, Frankreich morgen für und gegen einen unbekannten Herrscher stimmend, würfelnd, oder losend; in Preußen die Versammlung aufgelöset und eine neue Verfassung gegeben; — so vieler anderen Dinge nicht zu erwähnen, welche in ruhigeren Zeiten die größte Aufmerksamkeit erweckt hätten. — Die Italiener richten sich zu Grunde wie die Polen; Mäßigung und Besonnenheit fehlen fast überall, und Leidenschaft wird über Sittlichkeit und Tugend hinaufgesetzt. — Österreich ersteht aus Todesgefahren, zu einem hoffentlich einigen und großartigen Völkerbunde. — Für Frankreich wird Gott sein: „es werde Licht,“ doch nicht für immer zurückhalten. Gestern Abend war auf dem Vendomeplatze aber noch Tohu, Bohu; sechs Parteien eiferten für sechs Bewerber, und da L. Bonaparte keine gebratenen Tauben umherreichen ließ, kochten sich die citoyens actifs selbst einige Prügelsuppen.
Den 10. December.