Die Sittenlehre über die Geschlechtsverhältnisse ist überaus unvollständig und verwirrt; theils weil man von falschen Grundsätzen ausgeht, theils weil man bei der Behandlung dieses wichtigen Kapitels den erkünstelten Anstand über den natürlichen Verstand hinaufsetzt, und um die Sachen herumgeht, wie die Katze um den heißen Brei.

Ich habe eine Abneigung gegen alle Liebesromane, welche ungesunde, widerwärtige Verhältnisse unter das Vergrößerungsglas setzen, anatomiren, chemisiren und das Präparat in ästhetischem Weingeiste aufbewahren. Daher kann ich mich an Rousseau’s Heloise nicht erbauen, für die Wahlverwandtschaften nicht begeistern; daher habe ich keine Freude an den Gegensätzen in Goethe’s Geschwistern. Ja, ich wage es, zu behaupten: daß in Romeo und Julie ein kranker Bestandtheil liegt, der zum Untergange führt: — obgleich ich gern zugebe, daß ein seliger Tod besser ist, als ein todtes Leben.

Untersuchungen, ob eine Frau keusch, ein Mädchen verliebt war, was Goethe mit seiner Friederike, oder mit Frau von Stein, oder — und — mit der L. vorgenommen haben, sind unnütz und meist vorwitzige und tadelsüchtige Neugier.

Irrig aber ist es, zu behaupten: nur die Liederlichen setzten voraus, bei den Weibern sei keine Tugend zu finden. Im Gegentheil erfahren sie am häufigsten, daß Tugendhafte sie abweisen; während andere, minder kühne oder minder unverschämte, Männer nicht Gelegenheit haben, darüber Erfahrungen zu machen. Viel schlimmer als jene Bonvivants sind aber die prüden Fischnaturen, die scheinheiligen Frömmler, die verwelkten Sünder und Sünderinnen, welche sich eine Keuschheitstarnkappe überhängen.

Man soll bei Beurtheilungen solcher Dinge nicht die Persönlichkeit und die ganz individuellen Verhältnisse übersehen, welche bald lossprechend, bald erschwerend sind. — Und nun gar bei ganzen, bei polygamischen Völkern! Wäre ich der türkische Sultan, also im Muhamedanismus erzogen, hätte ich gewiß ein vortreffliches Serail; mir erscheint eine solche Sammlung schöner Frauen viel anziehender, als ein Stall voll Pferde und Hunde. Niemand braucht hier vor Schrecken drei Kreuze zu machen; mit drei Thaler Diäten kann man kein Serail anlegen.

Nur Dichter und Künstler werden jetzt von Frauen und Mädchen gehätschelt; andere ehrliche Leute haben von derlei freiwilligen Liebschaften nichts zu fürchten; beim besten Willen kommen sie in keine Gefahr, — kommen also auch natürlich nicht darin um.

Die Legende, daß Goethe der Vater des Hrn. v. Stein sei, hörte ich schon vor vielen Jahren; zugleich aber L. Tieck’s Widerlegung: er sei geboren, ehe seine Mutter Goethe gekannt. Zweifler werden freilich fragen: was nachher geschehen sei? Was kümmerts mich!

Den 4. Februar.

Die österreichische, wichtigste Frage ist noch immer nicht gelöset. Der Traum eines Reiches der Mitte von 70 Millionen findet nur wenige begeisterte Anhänger. Und diese vergessen, daß die anderen Staaten eine solche napoleonische Übermacht nicht wollen, und nicht wollen können. Wohl aber sollten die 70 Millionen sich über freundschaftliche Verhältnisse verständigen, und so viel Einheit und Centralisation eintreten, daß Deutschland, dem Auslande gegenüber, nicht eine Null bleibe. Der Feindesgabe unbedingter Souverainetät müssen die deutschen Fürsten entsagen, und sich (wie selbst nach der alten Reichsverfassung) nur als Glieder eines größeren Ganzen betrachten, sonst werden sie binnen wenigen Jahren fortgejagt, und die Republik siegt, wenigstens auf einige Zeit.

Hundertachter Brief.