An dem ersten nördlichen Chorpfeiler die aus Birnbaumholz geschnitzte und farbig gefaßte lebensgroße Statue einer Madonna mit dem Christuskind aus der Zeit um 1410 (Abb. [97]). Maria hält mit beiden Armen das nackte Kind, das die Beine übereinander schlägt und mit einem Apfel spielt. Zwei kleine Engel tragen die Krone und zwei Engel schweben um die schalenförmige Mondsichel, auf welcher die Himmelskönigin steht. Eine sternenbesäte Tafel mit großem Strahlenkranze bildet den Hintergrund. Konsole und Baldachin, in Stein gearbeitet, schließen das Ganze nach unten und oben ab. Die Statue zählt zu den besten Arbeiten Nürnbergs im beginnenden 15. Jahrhundert.
Das Bildwerk war ursprünglich als Schrein gedacht, der durch zwei Flügel geschlossen werden konnte. Es wird vermutet, daß die in der Pinakothek zu München befindlichen Tafelgemälde des Hans von Kulmbach mit den Heiligen Joseph und Zacharias die abhanden gekommenen Flügel sind.
Am dritten nördlichen Chorpfeiler die halblebensgroße Erzfigur einer Madonna (Abb. [98]), die als ein Werk von Stephan Godl erkannt worden ist. Um 1515. An der hübschen Holzkonsole, die gleichfalls der Frührenaissance angehört, das verschränkte Wappen der Eseler und der Propstei von St. Sebald.
Mitten im Ostchor das Sebaldusgrab[XI] (Taf. [XIV]; Abb. [99]). Es besteht aus zwei Hauptteilen: 1. dem zur Aufnahme der Reliquien des hl. Sebald bestimmten Schrein vom Jahre 1397 und 2. aus dem von Peter Vischer dem Älteren und seinen fünf Söhnen in den Jahren 1508–1519 in Erz gegossenen Gehäuse.
1. Der Reliquienschrein vom Jahre 1397. Die Form des Schreines ist ähnlich der eines länglichen Hauses. Eichenholz, verkleidet mit Silberblech, welches abwechselnd mit dem reichsstädtischen Wappen und dem des Schultheißen von Nürnberg in Treibarbeit gemustert ist.[XII] Auf dem First ein durchbrochen gearbeiteter ornamentaler Fries, welcher zwei Kreuzblumen auf den Giebeln verbindet.
1379 wurde der Sebaldusaltar durch einen neuen ersetzt. Auch dieser wird in der Mensa die Gebeine des Heiligen bewahrt haben. 1397 wurde für dieselben ein eigener Schrein, eine Art Sarg, beschafft und in der Mitte des Chores aufgestellt. Anscheinend war auch ein Sockel für denselben vorhanden. Alle Jahre am Tage des Heiligen (19. August) wurde der Sarg in feierlicher Prozession in der Kirche herumgetragen. „In solcher Prozession trugen die Alten Herren des Rates St. Sebaldi Sarg um, welcher mit Pappenrosen besteckt war, unter demselben schloff das Volk hin und wieder, dann sie glaubten: es würde ihnen hernach weder Kopf noch Rücken wehe tun“ (Vgl. M. M. Mayer, a. a. O., S. 31). In zwei Legaten von 1412 und 1415 hatte Klara Geuder zwei Lampen beim Sebaldusgrab gestiftet.
1461 wurde an dem Sarg ein Einbruch verübt. Seitdem fanden periodische Besichtigungen der darin enthaltenen Reliquien statt. So 1463, 1482, 1503. Über die 1503 vorgenommene Besichtigung findet sich in einer Chronik vom Ausgange des 16. Jahrhunderts (Kreisarchiv Nürnberg, Msc. XIV½, 106) folgender Bericht: „Nachdem auch in gebrauch gewest, St. Sebalds hailthumb oder gebein bißweilen zu eröffnen und zu besichtigen, als ist solches a° 1503, den 22. tag julii auch geschehen; solcher eröfnung haben beigewohnet die herren älteren des rats, der baumeister, der probst und kirchenpfleger Sebaldi; die zween loßungschreiber haben dabei knieen und ein jeder ein brennende wachskerzen halten müssen; die kirchen ist unterdessen verspert gehalten und ausen mit einer wacht beleget worden; es ist auch der kürchenmeister außer der kirchen herumgegangen, ob sich etwan ein unruhe erregen wolt; so große sorg hat man für St. Sebalds toden-gebain getragen, das ihnen nichts wiederwärtiges wiederfüre, zu dem man doch damahls die zuversicht getragen, daß er jederman helfen könnte. Im sarg sein zwo hölzerne laden gestanden und in jeder zween bündel mit roten zendel eingewickelt gelegen, die man heraus auf eine darzu bereitete tafel gehebt; in deren einer sein 18 stück großer, in der andern 91 stück mittelmäsiger und kleiner gebein, das haupt aber in einen sonderbaren silbern kästlein, in der gestalt eines brustbilds, verspert gewest, welches man zu hohen festtägen hat pflegen auf dem altar zu setzen, wigt an silber 35 mark, ist gemacht worden a° 1425. Auch ist eine ganze bildnuß St. Sebalds vorhanden, die man an festtagen an dem sarg aufgerichtet, wigt 21½ mark. Diese besichtigung diß heiligtums ist damals nicht geschehen gewest seit dem jahr 1482 und derowegen damals für gut angesehen und decretirt worden, hinfüro diese besichtigung alleweg nach verfliesung zwanzig jahren fürzunehmen, das heilthumb zu saubern und mit bisam in neuen zendel einzuwickeln, das ist aber zeit hero gar verblieben, dieweil mit ausgang der 20 jahr die änderung der religion eingefallen.“