Wenn nun, wie anzunehmen ist, jene alte Peterskapelle sich an der Stelle des heutigen Westchores erhob und schwerlich abgebrochen wurde, bevor durch Erbauung und Einweihung des Hauptteiles der neuen Kirche Ersatz für die alte Kultstätte geschaffen war, so wird es verständlich, daß mit dem Baue des Westchores kaum vor dem Jahre 1256 begonnen worden sein kann. Über die Zeit seiner Vollendung unterrichtet uns ein uns erhaltener Ablaßbrief vom 17. August 1274, in dem Bischof Berthold von Bamberg allen jenen Gläubigen Ablaß gewährt, die sich am Kirchweihtage jenes Jahres der Pfarrkirche des hl. Sebald zu Nürnberg, deren Chor und Altar er am 9. September 1273 geweiht habe, christlich vorbereitet nahen und daselbst ihre Almosen spenden würden.[III] Von dem gleichen Tage ist auch ein Ablaßbrief Bischof Bertholds für die Maria Magdalenakirche des Klaraklosters zu Nürnberg datiert, die nach dieser Urkunde einen Tag nach der Konsekration des Westchores der Sebalduskirche, nämlich am 10. September 1273 eingeweiht worden war. Die uns heute noch erhaltenen romanischen Teile dieser späterhin vielfach umgebauten Klarakirche zeigen mit den Architekturformen der Sebalduskirche so nahe Verwandtschaft, daß auf die Tätigkeit der gleichen Werkleute bei beiden Bauten mit voller Sicherheit geschlossen werden darf.
In der nördlichen Hälfte des von Mauern umgrenzten Gebietes der Stadt Nürnberg, nahezu in der Mitte zwischen Burg und Pegnitz, erhebt sich der vornehme Bau der Pfarrkirche von St. Sebald. Mit dem mächtigen Ostchor und den überschlanken spitzen Türmen beherrscht er einen großen Teil der Stadt, ja er ist eines jener Bauwerke, welche dem Stadtbild sein charakteristisches Gepräge verleihen. Denn so reich auch Nürnberg ist an hochragenden Kirchen, Türmen und steilen Giebeln, die Burg, St. Sebald und St. Lorenz sind diejenigen Bauwerke, welche auch auf weite Entfernung hin die dominierende Rolle spielen und besonders nach Osten oder Westen der alten Reichsstadt eine geradezu prächtige Silhouette verleihen.
Der Bau von St. Sebald ist ein Werk des Mittelalters, und zwar ein Werk mehrerer Jahrhunderte. Die oberen Teile der Türme sind Zeugen der spätesten Gotik, die Seitenschiffe und vor allen Dingen der stattliche Ostchor — abgesehen von den Mauern des westlichen Joches — entstammen dem 14. Jahrhundert und die übrigen Teile des Baues, insbesondere das Mittelschiff, die unteren Turmgeschosse und der Westchor, sind Werke des 13. Jahrhunderts. Die dem 13. Jahrhundert angehörenden Bauteile sind als die Überreste einer ehemals einheitlichen Kirche anzusehen (Taf. [II] und [III]).
Wir beschränken uns im folgenden auf diese älteren Bauteile und versuchen eine vollständige Rekonstruktion der früheren Kirche.[4]
Der Westchor ist intakt geblieben bis auf die drei mittleren spitzbogigen Fenster der polygonen Apsis, welche in späterer Zeit ausgebrochen wurden an Stelle von rundbogigen Fenstern mit ebensolchen Oberfenstern, wie sie sich noch neben den Türmen in der Nord- und Südwand der Apsis unverändert erhalten haben.
Das Dach des Westchores wurde später erhöht, und zwar zu gleicher Zeit, als auch das Dach und damit der Giebel des Mittelschiffes erhöht wurde. Unter dem Dach des Westchores kann man sowohl den Ansatz des früheren Westchordaches als auch das Dachgesims des Mittelschiffwestgiebels und den darunter hinlaufenden Rundbogenfries erkennen.
Von den Türmen gehören die vier unteren Stockwerke zum alten Bau. Das nächstfolgende Stockwerk enthält beim nördlichen Turm zwar auch älteres Mauerwerk und Teile eines Rundbogenfrieses, wurde jedoch vielleicht schon im 14., wahrscheinlich aber erst zu Ende des 15. Jahrhunderts mit teilweiser Verwendung des bisherigen Mauerwerkes und des Frieses erhöht. Es ist anzunehmen, daß das fünfte Stockwerk des nördlichen Turmes etwa die Höhe des nächst unteren Stockwerkes gehabt hat und zugleich das letzte Stockwerk war. Aus vierseitigen Helmen von mittlerer Höhe werden die Turmdächer bestanden haben.
Das Mittelschiff ist, abgesehen von der schon erwähnten Abänderung des Daches und der Giebel, völlig unverändert geblieben.
Die jetzigen Seitenschiffe stammen, wie bereits hervorgehoben, aus dem 14. Jahrhundert. Ausdehnung und Gestalt der älteren Seitenschiffe lassen sich ziemlich genau bestimmen.