„Und die Fliehkraft?“ fragte Schultze.
„Ich fürchte sehr, daß sie uns nichts hilft,“ erwiderte der Lord. „Die Gewalt, mit der die Sannah in ihrer Bahn dahingeschleudert wird, ist stärker als die stärkste Zentrifugalkraft, die wir entwickeln können.“
„Nun, dann wird sie auch stärker sein als die Anziehungskraft der Sonne,“ meinte der Professor.
„Das gebe Gott!“ sagte Flitmore, „denn sonst sind wir verloren.“
Die Sonne kam näher und näher; schon war die Uranus- und Saturnbahn durchschnitten, ohne daß man diese Planeten zu Gesichte bekam, da sie sich an entfernten Stellen ihrer Bahn befanden. Jupiter sah man nur von ferne, von den Planetoiden, Mars und der Erde, war nichts zu sehen, als man ihre Bahnen kreuzte; dagegen kam die Sannah der Venus sehr nahe, dem hellen Morgen- und Abendstern, der, wenn er sich von der Sonne entfernt, der Erde heller leuchtet als alle andern Gestirne und selbst bei Tage gesehen werden kann, wenn man seine Lage am Himmel genau kennt; der einzige Stern, der bemerkbare Schatten wirft, wenn der Mond nicht stört.
Schultze konnte seine bisher unbekannte Umdrehungszeit feststellen. Bekanntlich herrscht hierüber eine solche Unklarheit unter den irdischen Astronomen, daß man sie teils zu 24 Stunden, teils zu ebensoviel Tagen, ja bis zu 225 Erdentagen annahm.
Der Professor fand nun eine Rotationszeit der Venus von etwa 700 Stunden oder 30 Erdentagen.
Ihr Jahresumlauf beträgt 224 Erdentage.
Es erwies sich, daß ihre eine Hälfte ewigen Tag, die andere ewige Nacht hat, und die Nachtseite zeigte eine matte Erleuchtung. Ihre Atmosphäre war sehr dicht und vielfach stark bewölkt; ihre Oberfläche bildete eine vollkommene Wüste, eine trostlose Einöde von gleichmäßigem weißen Glanz.
„An Größe und Masse,“ sagte der Professor, „ist dieser Planet unsrer Erde sehr ähnlich, empfängt aber doppelt so viel Sonnenlicht als diese. Ihre Bahn ist nahezu kreisförmig; sie hat das stärkste Albedo, das heißt, von allen Planeten strahlt sie das meiste von all dem Licht zurück, das sie empfängt; vielleicht hat sie noch etwas eigenes Licht. Der Erde zeigt sie Phasen wie der Mond.“