Es ist wahr, das kopernikanische System ist überaus einleuchtend und erklärt am besten alle astronomischen Erscheinungen auf der Wissensstufe, auf der wir zur Zeit stehen; ja, unser ganzes Physikalisches Begriffssystem beruht auf der Voraussetzung seiner Richtigkeit. Aber zweifellos bewiesen ist diese Richtigkeit so wenig, wie irgend eine andre sogenannte „wissenschaftliche Wahrheit“. Es ist sehr unwahrscheinlich, aber durchaus nicht undenkbar, daß ein kommendes, fortgeschritteneres Gechlecht wieder zum ptolomäischen Weltsystem zurückkehrt. Dann müßte allerdings die gesamte astronomische Wissenschaft umgearbeitet und eine neue Physik erfunden werden, die sich auf der ptolomäischen Anschauung aufbauen würde. Wie gesagt, es ist unwahrscheinlich, daß dies geschehen wird, aber durchaus nicht unmöglich, denn unsre Wissenschaft baut sich lediglich auf Vermutungen auf, nicht auf Wissen: Tatsachen sind keine Wissenschaft, sondern erst die stets unsichern Schlüsse, die wir aus den Tatsachen folgern.“
„Mit Verlaub, Herr Professor,“ begann nun John Rieger, der stets bestrebt war, seine Bildung zu vermehren: „Was ist das eigentlich, das polemische und das koperganische Weltsystem, wenn ich mir solche Frage aus Unbescheidenheit zu stellen gestatten darf?“
„Gewiß darfst du das, und ich will dich gerne aufklären: Claudius Ptolomäus war ein berühmter Sternkundiger im zweiten Jahrhundert vor Christus und lebte in der Stadt Alexandria in Ägypten. Er glaubte, die Erde bilde den Mittelpunkt der Welt und stehe unbeweglich fest, während Sonne, Mond und Sterne sich um sie bewegten, wie es ja für uns den Anschein hat. Diese Meinung nennt man das ptolomäische Weltsystem, an das man noch 1500 Jahre nach Christus allgemein glaubte.
Nikolaus Kopernikus war ein polnischer Priester, der ein Buch schrieb, auf dem unsere jetzigen Anschauungen beruhen, und das im Jahre 1543 erschien. Hier erklärt er nicht nur, daß die Erde sich um ihre Achse dreht, woraus Tag und Nacht entstehen, sondern daß sie auch in einem Jahre sich um die Sonne bewegt, die den stillstehenden Mittelpunkt unseres Sonnensystems bilde, um den sich auch die andern Planeten oder Wandelsterne drehen. Ja, er entdeckte auch eine dritte Bewegung der Erde, die Schwankung ihrer Achse, die er Deklination nannte, durch welche bewirkt wird, daß das Erdenjahr nicht völlig mit einer scheinbaren Umdrehung des Himmels zusammenfällt, so daß die Tag- und Nachtgleichen etwas zu früh eintreten. Die Ansicht des Kopernikus nennt man das kopernikanische Weltsystem.“
„Na!“ meinte John geringschätzig: „Der Ptolomäus muß ja ein ganz törichter und ungebildeter Mensch gewesen sein und was der Kopernikus behauptet hat, ist nichts besonderes: Das weiß ja jedes Kind, daß sich die Erde um die Sonne dreht!“
„Weil man es ihm in der Schule sagt, mein Freund. Aber du mußt bedenken, dem Kopernikus hat es niemand gesagt, der hat es aus sich selbst heraus gefunden.“
„Halt, Professor!“ widersprach der Lord: „Es ist eine uralte Weisheit der Ägypter, die Kopernikus aufwärmte, wodurch jedoch sein Verdienst nicht geschmälert sein soll. Schon in den ältesten Zeiten gab es große Geister, die auffallend richtige Begriffe über die Erde und unser Sonnensystem besaßen. Sie scheinen dieselben von den ägyptischen Priestern überkommen zu haben und diese vielleicht von den Chaldäern. Aber das Verdienst dieser scharfen Denker ist es, daß sie diese damals so unglaublichen Wahrheiten als richtig erkannten und auf Grund derselben wissenschaftliche Großtaten vollbrachten.
Denken Sie an die Cheopspyramide, die 3000 Jahre vor Christus erbaut wurde und deren Maße in überraschend genauem Verhältnis zum Umfang der Erde und zu einigen erst in neuester Zeit wieder entdeckten astronomischen Entfernungsmaßen stehen. Ihre Kanten sind nach den vier Himmelsrichtungen gerichtet, und in der königlichen Leichenkammer befindet sich ein Spiegel, der durch einen langen, geneigten Tunnel unaufhörlich nach dem Polarstern blickt. Wer solche Berechnungen auszuführen vermochte, besaß Fähigkeiten und wissenschaftliche Kenntnisse, eine Beobachtungsgabe und eine Denkkraft, die auch von den ersten Größen unserer modernen Astronomie Kopernikus, Keppler, Galilei und Isaak Newton nicht übertroffen wurde.“
„Sie haben recht“, gab Schultze zu: „Die Alten hatten gewaltige Geister, die ohne unsre modernen Hilfsmittel, ohne Teleskop und Spektralanalyse, beinahe so viel erreichten, wie unsre modernsten wissenschaftlichen Größen mit all den Vorteilen der Riesenarbeit ihrer Vorgänger und der vollkommensten Instrumente.
Schon der griechische Weltweise Bion lehrte 500 Jahre vor Christus die Kugelgestalt der Erde und behauptete, es müsse auf unsrer Erde Gegenden geben, auf denen es sechs Monate lang Tag und sechs Monate Nacht sei. Eratosthenes von Alexandria rechnete den Umfang der Erde mit verblüffendem Scharfsinn und erstaunlicher Genauigkeit aus, wobei er zu annähernd demselben Ergebnis kam, wie lange vor ihm die Chaldäer.