Das aber heisst heute Tugend selber bei allen kleinen Leuten, das Mitleiden:—die haben keine Ehrfurcht vor grossem Unglück, vor grosser Hässlichkeit, vor grossem Missrathen.
Über diese Alle blicke ich hinweg, wie ein Hund über die Rücken wimmelnder Schafheerden wegblickt. Es sind kleine wohlwollige wohlwillige graue Leute.
Wie ein Reiher verachtend über flache Teiche wegblickt, mit zurückgelegtem Kopfe: so blicke ich über das Gewimmel grauer kleiner Wellen und Willen und Seelen weg.
Zu lange hat man ihnen Recht gegeben, diesen kleinen Leuten: so gab man ihnen endlich auch die Macht—nun lehren sie: „gut ist nur, was kleine Leute gut heissen.“
Und „Wahrheit“ heisst heute, was der Prediger sprach, der selber aus ihnen herkam, jener wunderliche Heilige und Fürsprecher der kleinen Leute, welcher von sich zeugte „ich—bin die Wahrheit.“
Dieser Unbescheidne macht nun lange schon den kleinen Leuten den Kamm hoch schwellen—er, der keinen kleinen Irrthum lehrte, als er lehrte „ich—bin die Wahrheit.“
Ward einem Unbescheidnen jemals höflicher geantwortet?—Du aber, oh Zarathustra, giengst an ihm vorüber und sprachst: „Nein! Nein! Drei Mal Nein!“
Du warntest vor seinem Irrthum, du warntest als der Erste vor dem Mitleiden—nicht Alle, nicht Keinen, sondern dich und deine Art.
Du schämst dich an der Scham des grossen Leidenden; und wahrlich, wenn du sprichst „von dem Mitleiden her kommt eine grosse Wolke, habt Acht, ihr Menschen!“
—wenn du lehrst „alle Schaffenden sind hart, alle grosse Liebe ist über ihrem Mitleiden“: oh Zarathustra, wie gut dünkst du mich eingelernt auf Wetter-Zeichen!