A. In dem Maße, in dem heute das Christentum noch nötig erscheint, ist der Mensch noch wüst und verhängnisvoll....
B. In anderem Betracht ist es nicht nötig, sondern extrem schädlich, wirkt aber anziehend und verführend, weil es dem morbiden Charakter ganzer Schichten, ganzer Typen der jetzigen Menschheit entspricht.... sie geben ihrem Hange nach, indem sie christlich aspirieren – die décadents aller Art –
Man hat hier zwischen A und B streng zu scheiden. Im Fall A ist Christentum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel (– es dient unter Umständen, krank zu machen: was nützlich sein kann, um die Wüstheit und Rohheit zu brechen). Im Fall B ist es ein Symptom der Krankheit selbst, vermehrt die décadence; hier wirkt es einem korroborierenden System der Behandlung entgegen, hier ist es der Krankeninstinkt gegen das, was ihm heilsam ist –
241.
Das christlich-jüdische Leben: hier überwog nicht das Ressentiment. Erst die großen Verfolgungen mögen die Leidenschaft dergestalt herausgetrieben haben – sowohl die Glut der Liebe, als die des Hasses.
Wenn man für seinen Glauben seine Liebsten geopfert sieht, dann wird man aggressiv; man verdankt den Sieg des Christentums seinen Verfolgern.
Die Asketik im Christentum ist nicht spezifisch: das hat Schopenhauer mißverstanden: sie wächst nur in das Christentum hinein: überall dort, wo es auch ohne Christentum Asketik gibt.
Das hypochondrische Christentum, die Gewissenstierquälerei und -folterung ist insgleichen nur einem gewissen Boden zugehörig, auf dem christliche Werte Wurzel geschlagen haben: es ist nicht das Christentum selbst. Das Christentum hat alle Art Krankheiten morbider Böden in sich aufgenommen: man könnte ihm einzig zum Vorwurf machen, daß es sich gegen keine Ansteckung zu wehren wußte. Aber eben das ist sein Wesen: Christentum ist ein Typus der décadence.