„Alles ist gut“ – es kostet uns Mühe, zu verneinen. Wir leiden, wenn wir einmal so unintelligent werden, Partei gegen etwas zu nehmen.... Im Grunde erfüllen wir Gelehrten heute am besten die Lehre Christi – –
261.
Man gibt sich nicht genug Rechenschaft darüber, in welcher Barbarei der Begriffe wir Europäer noch leben. Daß man hat glauben können, das „Heil der Seele“ hänge an einem Buche!.... Und man sagt mir, man glaube das heute noch.
Was hilft alle wissenschaftliche Erziehung, alle Kritik und Hermeneutik, wenn ein solcher Widersinn von Bibelauslegung, wie ihn die Kirche aufrecht erhält, noch nicht die Schamröte zur Leibfarbe gemacht hat?
262.
Der Humor der europäischen Kultur: man hält das für wahr, aber tut jenes. Zum Beispiel was hilft alle Kunst des Lesens und der Kritik, wenn die kirchliche Interpretation der Bibel, die protestantische so gut wie die katholische, nach wie vor aufrecht erhalten wird!
263.
Nachzudenken: Inwiefern immer noch der verhängnisvolle Glaube an die göttliche Providenz – dieser für Hand und Vernunft lähmendste Glaube, den es gegeben hat – fortbesteht; inwiefern unter den Formeln „Natur“, „Fortschritt“, „Vervollkommnung“, „Darwinismus“, unter dem Aberglauben einer gewissen Zusammengehörigkeit von Glück und Tugend, von Unglück und Schuld immer noch die christliche Voraussetzung und Interpretation ihr Nachleben hat. Jenes absurde Vertrauen zum Gang der Dinge, zum „Leben“, zum „Instinkt des Lebens“, jene biedermännische Resignation, die des Glaubens ist, jedermann habe nur seine Pflicht zu tun, damit alles gut gehe – dergleichen hat nur Sinn unter der Annahme einer Leitung der Dinge sub specie boni. Selbst noch der Fatalismus, unsre jetzige Form der philosophischen Sensibilität, ist eine Folge jenes längsten Glaubens an göttliche Fügung, eine unbewußte Folge: nämlich als ob es eben nicht auf uns ankomme, wie alles geht (– als ob wir es laufen lassen dürften, wie es läuft: jeder Einzelne selbst nur ein Modus der absoluten Realität –).